Französische Flüchtlinge als willkommene Experten
Ein Konflikt, der Tausende Menschen in die Flucht treibt. Die Schweiz als rettende Insel. Und die Angst der Eidgenossen vor den Neuankömmlingen. Was an die Gegenwart erinnern mag, ereignete sich vor rund 350 Jahren: Es war die Zeit im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts, als sich Katholiken und Reformierte bekämpften und umbrachten.
Mitten im Geschehen: Die Paroisse française de Berne. Sie war eine wichtige Anlaufstelle für die Hugenotten, die aus Südfrankreich in die Schweiz flohen, und führte Gottesdienste auf Französisch durch. Dieses Jahr feiert die Kirchgemeinde ihr 400-jähriges Bestehen.
Das ist ein besonderer Moment für den reformierten Pfarrer Olivier Schopfer von der Paroisse française de Berne. «Die französischsprachige Minderheit in Bern hat den kulturellen Austausch und Dialog stets vorangetrieben», sagt er. Das sei eine Bereicherung für die Gesellschaft. Auch wenn von den französischsprachigen Stadtbernerinnen mittlerweile nur noch wenige von den Hugenotten abstammten, ist die Geschichte der Paroisse française untrennbar mit derjenigen der Hugenotten verbunden.
Kontrolle behalten
In Frankreich tobten ab der Mitte des 16. Jahrhundert erbitterte Kriege zwischen den protestantischen Hugenotten und den Katholiken. Schon zu Beginn der Konflikte kamen erste Hugenotten in die Schweiz – unter ihnen Jean Calvin, der spätere Genfer Reformator. Allein in der Stadt Genf machten die niedergelassenen Hugenotten ein Drittel der Bevölkerung aus. Viele zogen ins Waadtland, das unter Berner Kontrolle stand. Stark vertreten waren sie in der Textilindustrie.
Die handwerklichen Fähigkeiten und das Know-How der Hugenotten war an vielen Orten gefragt. Der Berner Rat beauftragte den Maler Humbert Mareschat 1584 damit, drei Gemälde für die Ratsstube zu erstellen. Die grosse Schanze – die westliche Stadtbefestigung Berns – wurde nach den Plänen eines hugenottischen Militärs gebaut.
«1623 bat der Bauleiter der grossen Schanze, Louis de Champagne, Comte de la Suze, den Berner Rat um die Erlaubnis, Gottesdienst auf Französisch durchzuführen», sagt Schopfer. Die Behörden stimmten zu und überliessen ihm dafür die ehemalige Dominikanerkirche. Es war die Geburtsstunde der Paroisse française de Berne.
Die Entscheidung der Berner hatte mit Toleranz und politischer Kontrolle zu tun. Mit Toleranz, weil sich die reformierten Berner solidarisch mit den verfolgten Hugenotten zeigten. Die Berner Elite besuchte den Gottesdienst der Paroisse française aber auch gerne, um ihre Französischkenntnisse zu verbessern.
Mit politischer Kontrolle hingegen, weil sich die Berner und die Hugenotten unterschieden. «Die Berner wollten nicht, dass die Französischsprachigen zu calvinistisch waren», sagt Schopfer. Denn in Bern waren die Ansichten des Zürcher Reformators Ulrich Zwingli vorherrschend. Die Behörden hätten darauf geachtet, dass die Form der französischen Gottesdienste ein Kompromiss zwischen Calvin und Zwingli blieb, erklärt Schopfer. Die eigentliche Belastungsprobe für das Zusammenleben sollte jedoch erst noch folgen.
Unterwegs mit den Waldensern
In Frankreich war der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken gegen Ende des 16. Jahrhunderts abgeflaut. Ausgerechnet der Protestantenführer Heinrich von Navarra war durch mehrere Zufälle König geworden. Um dem konfessionellen Krieg ein Ende zu setzen und anerkannt zu werden, konvertierte er einige Jahre später zum Katholizismus. Dennoch garantierte er den Hugenotten mit dem Edikt von Nantes im Jahr 1598 eine gewisse Religionsfreiheit. Das sorgte für einen Frieden, der über ein halbes Jahrhundert Bestand hatte.
Doch ab den 1660er Jahren erhöhte sein Enkel, König Ludwig XIV. den Druck auf die Hugenotten erneut, 1685 hob er das Edikt von Nantes auf. In dieser Zeit flohen schätzungsweise 150'000 Hugenotten aus dem Land. Über ein Drittel von ihnen – zusammen mit einigen Tausend Waldensern – reiste in die Schweiz ein. Diese Fluchtbewegung gilt als das zweite Refuge.
Die Historikerin Margrit Wick-Werder hat sich auf eine Spurensuche der Hugenotten in der Bundesstadt gemacht. «Das Mekka der Hugenotten war eigentlich Genf», sagt sie. Doch Calvins Wohnort, das «protestantische Rom», platzte aus allen Nähten.
Kulturelle Verständigung liegt Olivier Schopfer im Blut. Seine Mutter ist Baslerin, sein Vater Genfer. Bevor er vor acht Jahren seine Stelle bei der Paroisse française de Berne antrat, arbeitete er für den Ökumenischen Rat der Kirchen. In Bern begleitet er viele bilinguale Familien. «Manche Mitglieder sprechen nur Französisch, andere nur Deutsch und manche sind zweisprachig», sagt er. Seine Aufgabe sei, dass sich alle verstanden fühlten.
Wer zur Paroisse française de Berne gehören will, muss sich aktiv anmelden. «Deshalb gibt es bei uns eigentlich fast keine Passivmitglieder», sagt Schopfer. Wer sich anmeldet, engagiert sich meistens auch. Der Nachteil: Sie erhält aufgrund ihrer tiefen Mitgliederzahl weniger Geld. Rund 700 Mitglieder zählt die Kirche. (pef)
Die Hugenotten mussten weiter. Die Gebiete der alten Eidgenossenschaft – Genf war damals noch kein Teil davon – hatten sich auf einen Verteilschlüssel geeinigt. Das bernische Territorium war damals am grössten. Deshalb sollte Bern 50 Prozent der hugenottischen Flüchtlinge übernehmen.
Im Westflügel des ehemaligen Dominikanerklosters wurden manche von ihnen untergebracht. Zudem durften die hugenottischen Flüchtlinge dort später Tapeten und Teppiche weben. Einer von ihnen, Jacques Jonquière, eröffnete eine Färberei und erlangte das Bürgerrecht.
Viele Aufgaben delegierte der Berner Rat an die Colonie française, erzählt Wick-Werder. Eine Organisation der Hugenotten, die privat-rechtlich organisiert war, aber gewisse öffentliche Aufgaben übernahm. Sie verteilte Unterstützungsgelder, organisierte das Schulwesen und erteilte sogar Ehebewilligungen. Es war die Zeit, als die moderne Staatsverwaltung im Entstehen war. «Bern hat dabei viel gelernt», sagt Wick-Werder.
Zwischen der Paroisse française de Berne und der Colonie française gab es personelle Überschneidungen. Um die Dominikanerkirche herum entstand regelrecht ein kleines französisches Quartier.
Bleibendes Engagement
Trotz der «Willkommenskultur» sah sich die Eidgenossenschaft stets als Transitgebiet. Im Unterschied zu heute waren ihre Einwohner damals selbst arm. Zudem galt es, den Zusammenhalt mit den katholischen Gebieten nicht zu gefährden. Schon 1693 wurde beschlossen, dass die Hugenotten die Eidgenossenschaft verlassen müssen.
Vom 27. August bis am 1. Oktober feiert die Paroisse française de Berne ihr Jubiläum. Geplant sind unter anderem Gottesdienste, eine Veranstaltung zur Zweisprachigkeit und eine Gemüseausstellung im Berner Stiftsgarten. Schon jetzt hat die Kirchgemeinde die Broschüre «Auf den Spuren der Hugenotten in Bern» veröffentlicht. Das Bernische Historische Museum zeigt zudem verschiedene Kunstwerke von Hugenotten. (pef)
Bis 1699 zogen die meisten von ihnen in Richtung Deutschland weiter. «Dort waren nach dem Dreissigjährigen Krieg gewisse Landstriche leer», sagt Wick-Werder. Im evangelischen Brandenburg und in Hessen seien die Hugenotten mit offenen Armen empfangen worden und hätten viele Privilegien erhalten. Etwa 20'000 Hugenotten blieben jedoch in der Schweiz und integrierten sich.
Die Paroisse française de Berne ist heutzutage eine der zwölf Evangelisch-reformierten Kirchgemeinden der Stadt Bern und pflegt die Erinnerung an ihre Geschichte. «Das hugenottische Erbe ist Teil unserer DNA», sagt Olivier Schopfer. Schon immer habe die Kirchgemeinde aus einer Mischung von Leuten bestanden, die seit Langem in Bern leben oder sich auf der Durchreise befinden. Darauf beruht auch ihr Engagement für französischsprachige Flüchtlinge und Sans-Papiers in Bern. Gemeinsam mit der Paroisse catholique de Berne berät sie sie bei der beruflichen und sozialen Integration.