Reformation in Graubünden

«Comander beklagte sich häufig»

Vor 500 Jahren hat der kleine Rat von Chur Johannes Comander an die Martinskirche in Chur berufen. Er trieb die Reformation mit der Unterstützung der politischen Elite voran – ging ihr manchmal aber auch zu weit.

In der Mitte des Bildes ist die Martinskirche in Chur zu sehen, an der Johannes Comander ab 1523 predigte. (Bild: Reformierte Kirche Chur/ zvg)

Johannes Dorfmann, bekannter als Johannes Comander, hat in seinem Leben viel erreicht. Und doch war der Churer Reformator selten zufrieden. «In seinen Briefen beklagte sich Comander häufig über mangelnde Anerkennung», sagt Ulf Wendler, Churer Stadtarchivar und Herausgeber des Buches «Glaube und Bewährung, 500 Jahre Reformation Chur». Als Comander etwa mit zu viel Nachdruck die Abschaffung des Solddienstes forderte, kürzte der kleine Rat kurzerhand seinen Lohn. Ging es ums Geschäft, waren theologische Überzeugungen eben zweitrangig – für Comander eine inakzeptable Haltung.

Dabei konnte Comander im Grunde auf die Unterstützung des kleinen Rats, der weltlichen Regierung Churs, zählen. Beide wollten die Macht des Bischofs einschränken und die Reformation vorantreiben. Deshalb hatte der kleine Rat Comander 1523 an die Martinskirche berufen. 500 Jahre später feiert die Reformierte Kirche Chur mit einer Reihe von Anlässen das Jubiläum dieses Ereignisses (siehe Kasten).

Mehr Politik als Religion

Bemerkenswert an der Churer Reformation seien weniger die inhaltlichen Forderungen als die politischen Umstände gewesen, betont Wendler. Inhaltlich deckten sich Comanders Positionen mit denjenigen von Huldrych Zwingli, den er während seines Studiums in Basel kennengelernt hatte. Auch er kritisierte etwa das Zölibat, heiratete und hatte Kinder.

«Es gab einen starken Drang zur Stadtautonomie.»
Ulf Wendler, Churer Stadtarchivar

Politisch zeichnete sich das Gebiet der Drei Bünde, einem Zusammenschluss von drei Herrschaftsgebieten, im Unterschied zu Zürich durch die Abwesenheit einer Zentralgewalt aus. «Hätte die Gemeinde Uster gesagt ‹wir bleiben katholisch›, hätte Zürich seine Truppen losgeschickt», sagt Wendler. In Graubünden hingegen führte die Reformation dazu, dass jede Gemeinde darüber entscheiden konnte, welcher Konfession sie angehören wollte. Manche Gemeinden schlossen sich erst im frühen 17. Jahrhundert der Reformation an.

Die Zwinglitür des Grossmünsters Zürich erinnert an die drei Reformatoren Comander, Haller und Blaurer. (Bild: Gaëtan Bally/ Keystone)

Dass die Reformationsbemühungen ausgerechnet am Ortssitz des Bistums auf fruchtbaren Boden stiessen, sei keine Ausnahme, sagt Wendler. «Es gab einen starken Drang zur Stadtautonomie». Im Unterschied zu anderen Städten wie Basel habe das Bistum Chur seinen Sitz aber nie verlegt, was dazu geführt hat, dass die Konfessionen nah beieinander leben mussten. «Das war einzigartig in der Schweiz», sagt Wendler.

Eine Disputation ohne klares Ergebnis

Meilensteine der Bündner Reformation waren die beiden Ilanzer Artikel. 1524 reagierten die Drei Bünde mit dem ersten Artikel auf Missbräuche in der Kirche. «Der Bischof hatte beispielsweise zwei uneheliche Kinder, eines davon mit einer Nonne», sagt Wendler. Unter anderem schrieb der Artikel Geistlichen vor, an ihrem Arbeitsort zu leben und einen seriösen Lebensstil zu pflegen. Ebenfalls neu war, dass eine Gemeinde der Berufung einer Pfarrperson zustimmen musste.

«Ein einfacher Zunftmeister hatte wegen der Reformation nicht mehr zu sagen als vorher.»
Ulf Wendler, Churer Stadtarchivar

Im Januar 1526 wehrte sich Comander an der Ilanzer Disputation gemeinsam mit anderen Pfarrern gegen den Vorwurf der Ketzerei. Eine echte Gefahr bestand für ihn aufgrund des politischen Rückhalts dabei nicht. «Es wäre für die Altgläubigen nicht möglich gewesen, Comander abzuführen», sagt Wendler.

Ein buntes Programm

Die Reformierte Kirche Chur feiert das Reformationsjubiläum das ganze Jahr über mit verschiedenen Anlässen und Ausstellungen. Im Antistitium – dem Pfarrhaus des höchsten evangelischen Pfarrers – ist eine multimediale Installation zu sehen. Chur Tourismus bietet dazu spezielle Führungen an.

Ende April führt die Reformierte Kirche Chur im Saal des Grossen Rates Referate und «Disputationen» zu Themen wie der Glaubensfreiheit, Kirche und Staat oder Koexistenz. Daran nimmt unter anderem Rita Famos teil, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.

Im Sommer ist ein Freilichtspiel zur Reformation und zum Leben von Johannes Comander geplant. Zum Bühnenbild gehört der Turm der Comanderkirche. Für die Kinder gibt es Podcasts, Comics und Konzerte.

Ausserdem erscheinen verschiedene Publikationen zum Thema, darunter das erwähnte «Glaube und Bewährung, 500 Jahre Reformation Chur» sowie «500 Jahre Antistitium». Auf der Website comander2023.ch sind alle Anlässe aufgelistet. (pef)

Die Disputation verlief ohne konkretes Ergebnis. Comander konnte weiterpredigen. Ein halbes Jahr später schränkten die drei Bünde dann mit dem zweiten Ilanzer Artikel den Einfluss des Bistums weitgehend ein. Geistliche durften keine weltlichen Beamte mehr ernennen, Klöster wurden dem Staat unterstellt und die Gemeinden durften ihre Pfarrer selbst bestimmen. Auch bei der Bischofswahl diskutierte fortan einer der drei Bünde mit.

In ihrer Medienmitteilung schreibt die Reformierte Kirche Chur, dass die Reformation wesentlich zur Demokratisierung in Graubünden beigetragen habe. Historiker Wendler relativiert jedoch: Der Bischof als Landesherr und Fürst sei zwar zugunsten der Gemeinden und der weltlichen Eliten zurückgebunden worden. «Ein einfacher Zunftmeister hatte deswegen aber nicht mehr zu sagen als vorher».

Kommt hinzu, dass die Reformatoren nicht die einzigen waren, die für Veränderungen einstanden. Auch die Bauern forderten mit Aufständen die feudalistische Gesellschaftsordnung heraus. Der zweite Ilanzer Artikel von 1526 beinhaltete deshalb auch eine Reduktion der Abgaben und eine Reform des Erbrechts.