Reformation

«Disputationen waren keine Plauschrunden»

Vor 500 Jahren hat der Rat von Zürich die Reformation beschlossen. Vorhergegangen waren zwei Disputationen, in denen Huldrych Zwingli die Behörden und die Bevölkerung von seinen Ideen überzeugen konnte. Ein Rückblick auf eine bewegte Zeit mit einem Experten der Reformationsgeschichte.

Lithografie einer Zürcher Disputation im Jahr 1523 mit dem Reformator Huldrych Zwingli (rechts im Bild). (Grafik: Keystone)

Im 15. und 16. Jahrhundert befand sich Europa im Aufbruch. Die Bevölkerung wurde sich der Existenz Amerikas bewusst, Gutenberg erfand den Buchdruck und humanistische Ideen fanden zunehmend Verbreitung. Und die Kirche? Die Kirche blieb, wie sie war: Mächtig und prunkvoll.

«Viele einflussreiche Eliten haben Geld von Herrschern kassiert und dafür junge Leute in den Krieg geschickt.»
Gergely Csukás

«Die grosse Frage damals war: Wie komme ich in den Himmel?», sagt Pfarrer Gergely Csukás. Er hat an den Universitäten Bern und Zürich zur Reformationsgeschichte geforscht. Die Kirche hatte aus dieser Lebensfrage ein Geschäftsmodell gemacht: Den Ablasshandel. Er kostete die Menschen immer mehr Geld. «Das ist vielen sauer aufgestossen», sagt Csukás. Humanistisch gebildete Theologen hätten auch nach intensivem Studium der Bibel keine Rechtfertigung für den Ablasshandel gefunden.

Auch Pfarrer Huldrych Zwingli, der 1518 von Einsiedeln nach Zürich kam, störte sich daran. Schon seit Jahren bewegte er sich in humanistischen Kreisen, kritisierte den Ablasshandel und das Söldnerwesen in der Schweiz. «Viele einflussreiche Eliten haben Geld von Herrschern kassiert und dafür junge Leute in den Krieg geschickt», sagt Csukás. Besonders in Norditalien verloren viele junge Männer ihr Leben. Andere verwahrlosten oder verfielen dem Alkoholismus, erklärt Csukás. Als ehemaliger Feldprediger wurde Zwingli Zeuge davon.

Während seiner Tätigkeit am Grossmünster vertiefte sich der Graben zwischen ihm und dem Bischof von Konstanz, der für Zürich zuständig war. Anhänger von Zwingli brachen mit einem Wurstessen das Fastengebot der Kirche, kurz darauf gab der Reformator ihnen in einer Predigt Rückendeckung. Darüber hinaus forderte Zwingli, dass der Bischof von Konstanz das Zölibat für Priester aufhebt und die schriftgemässe Predigt einführt, die sich ausschliesslich an der Bibel orientiert. Kirchliche Autoritäten beschuldigten ihn daraufhin der Ketzerei. Als sich der Konflikt mit dem Bischof zuspitzte, berief der Zürcher Rat – das weltliche Parlament der Stadt – am 29. Januar 1523 eine Disputation ein.

«Mehrmals kam es zu Unruhen, bei denen der Rat zugunsten Zwinglis interveniert hat.»
Gergely Csukás
Disputationen 2.0

Mit einer Ausstellung, Diskussionsrunden und Gottesdiensten erinnert die Reformierte Kirche Zürich an die Ereignisse im 16. Jahrhundert. «Es war eine Zeit des schnellen Wandels, die mit unserer vergleichbar ist», sagt Grossmünster-Pfarrer Martin Rüsch. Er verweist auf die Digitalisierung, die analog zum Buchdruck die Medienwelt auf den Kopf gestellt hat. «Dinge kommen sehr schnell in Umlauf.» Noch handle es sich um einen Wandel mit unabsehbaren Folgen.

Neben der historischen Aufarbeitung in Form einer Ausstellung soll 2023 der Geist der Disputationen selbst wieder auferstehen. «Ich plane vier thematisch fokussierte Tischgespräche in der Stadt Zürich», sagt Rüsch. 80 bis 100 Menschen verschiedenen Alters aus der Kirche sollen zusammenkommen. Dazu gibt es Brot, Wein und Wasser, um in «einem Setting mit Anklängen an Abendmahl und Stammtisch» diskutieren zu können, erklärt Rüsch. Entscheidungen sollen aber keine gefällt werden. «Wir wollen nicht, dass diese Disputationsformate einen Leistungsauftrag erfüllen müssen.» Ist die Nachfrage vorhanden, kann Rüsch sich vorstellen, solche Tischgespräche auch in Zukunft zu organisieren.

Die Agenda enthält weitere Informationen zum Festgottesdienst und der Ausstellung «Disputationen – Reformation im Kreuzfeuer». Die Altstadtkirchen informieren zudem auf ihrer Website über alle geplanten Anlässe zum Jubiläum der Zürcher Disputationen. (pef)

«Disputationen waren keine Plauschrunden, sondern politisch sehr aufgeladen», sagt Csukás. Sie hatten den Zweck, Fragen zur Lehre zu beantworten – mit weitreichenden Folgen. Normalerweise fanden sie in akademischen Kreisen statt. Neu war in Zürich, dass sich eine weltliche Instanz in kirchliche Lehrfragen einmischte und ein Teil der Bevölkerung an der Disputation teilnehmen durfte.

Zwingli startete dabei mit einem Vorteil. «Er hat schon einige Jahre in Zürich gepredigt. Mehrmals kam es zu Unruhen, bei denen der Rat zugunsten Zwinglis interveniert hat», sagt Csukás. An der Disputation schrieb der Rat vor, dass nur aufgrund der Bibel argumentiert werden durfte. Sie endete damit, dass der Rat Zwingli vom Vorwurf der Ketzerei freisprach.

Rund acht Monate später, im Oktober 1523, kam es zu einer zweiten Disputation, bei der es um Fragen des kirchlichen Lebens ging. Erneut gab der Rat Zwingli Recht. Damit besiegelte er die Reformation: Die Messe wurde abgeschafft, Bilder wurden aus Kirchen entfernt und Klöster aufgehoben. Der Versuch, die Reformation mit Gewalt in die Innerschweiz zu exportieren, scheiterte jedoch. In der Schlacht bei Kappel wurden die Zürcher 1531 von den Innerschweizern geschlagen, Zwingli selbst kam dabei ums Leben.