Liebe Enkel, …
Digitalisierung
Klimawandel
Frieden
Inklusion
Imagination
Schreiben Sie selbst!
Wenn Siri die Zukunft bestimmt
Liebe Eva, lieber Benjamin
Ich habe heute einen Artikel gelesen, in dem ernsthaft die Frage gestellt wird, was man tun soll, wenn Alexa oder Siri, die Systeme Künstlicher Intelligenz sind, um die Taufe bitten. Wie werden die Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz dereinst euer Leben prägen?
Ich selber verbringe einen grossen Teil meiner Zeit vor dem Bildschirm. Das Internet, das Handy und die sozialen Netzwerke – die digitale Entwicklung bestimmt unser Leben enorm. Während meines Studiums habe ich noch die meisten Arbeiten auf einer (elektrischen) Schreibmaschine geschrieben und erst die Abschlussarbeit auf einem Computer.
Das Leben meiner Grossmütter war noch vollkommen anders. Im Laufe ihrer Lebenszeit erlebten sie, wie Maschinen, zum Beispiel Waschmaschinen, ihnen das Leben erleichterten. Wie das Telefon, das Auto, das Radio und dann der Fernseher mit der Zeit zu ihrem Leben dazugehörten. Was haben mir meine Grossmütter weitergegeben, das ich euch weitergeben kann? Was liegt mir am Herzen und was wünsche ich euch von Herzen?
Ich hoffe, dass ihr euch freuen werdet wie ich am frischen Grün und den blühenden Bäumen und Sträuchern. Ich bete und setze mich dafür ein, dass auch ihr die wunderbaren Gletscher erleben werdet. Ich wünsche euch ein tiefes Gottvertrauen, das euch erkennen lässt, was uns Menschen zu wahren Menschen macht und was von keiner Künstlichen Intelligenz ersetzt werden kann. Mich selber trägt diese Kraft des Gottvertrauens als eine lebendige Quelle von Mut und Hoffnung. Ich orientiere mich an Christus wie an einem Stern, dem ich folge. Er zeigt mir, was es heisst, wahrhaft menschlich-mitmenschlich zu sein.
Ihr werdet eure eigenen Herausforderungen zu bewältigen haben. Aber ihr seid nicht allein. Ich glaube auch nicht, dass ihr die «last generation» sein werdet, auch wenn ich die Herausforderungen des Klimawandels sehr ernst nehme. Auf jeden Fall wäre es für mich eine riesige Freude, wenn ihr auf die Welt kämt!
Mit herzlichen Segensgrüssen
Eure Judith*
*Judith Pörksen Roder ist Synodalratspräsidentin der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn.
Der Geschichte nicht ausgeliefert
Liebe Enkelin
Ich schreibe dir im Jahre 2023. Junge Leute kleben sich auf die Strasse, um die Öffentlichkeit zu zwingen, auf die Klimakrise zu reagieren, die das Leben auf unserem einzigartigen Planeten dramatisch bedroht. Sie verstehen sich als «die letzte Generation». Wenn ich jetzt an dich schreibe, dann in der Hoffnung, dass es doch noch weitere Generationen geben wird.
Sie werden es nicht leicht haben. Wir werden ihnen diese Erde hinterlassen, in vielem schlimmer, als wir sie vorgefunden haben. Doch jede Generation ist beides: Teil der Lösung und Teil des Problems. Und keine kann ihre Hände in Unschuld waschen, wenn sie diese Erde verlässt. Auch du, liebe Enkelin, wirst ein Glied dieser Generationenfolge sein. Darum sei kritisch gegenüber deinen Eltern, aber achte sie auch. Es ist nicht an dir zu beurteilen, ob sie getan haben, was sie konnten. Das kann nur Gott.
Wenn ich einen Wunsch frei habe, dann, dass du Gott auf deine Weise begegnest. Gott möge sich dir zeigen, dich frei machen und dir als Mensch unter Menschen eine Aufgabe zuweisen. Andere werden vielleicht sagen, Gott sei für dich eine «Ressource» um zurechtzukommen, wenn die allgemeinen Krisen dich überfordern. Sie könnten das für Weltflucht halten. Wenn du aber damit rechnest, dass Gott nicht bloss eine Vorstellung, sondern wirklich ist, dann rechne auch damit, dass Gott in der Geschichte handelt.
Du bist gefragt, aber die Last der Welt liegt nicht allein auf deiner Schulter. Du bist dem Lauf der Geschichte nicht ausgeliefert. Obwohl es sich so anfühlen kann! Wenn Hitler, Stalin, Putin – von Gott ungehindert – morden konnten, kann dein Glaube nur ein trotziger Glaube sein. Diesen trotzigen Glauben wünsche ich dir! Trotzig gegen einen Gott, der sich allem Anschein nach viel zu sehr zurückhält, und trotzig gegen dein eigenes Herz, wenn es diesem Anschein nachgeben möchte. Und trotzig gegen alle, die meinen, sie wären ohne Gott besser dran. In diesem Trotz sei standhaft. Hör nie damit auf!
Deine Oma*
*Caroline Schröder Field ist reformierte Pfarrerin am Basler Münster
Engagiert für den Weltfrieden?
Lieber Niklas
Unser Gespräch und die Diskussion auf der letzten Wanderung hoch auf den Randen lässt mich noch nicht los, denn die Fragen, die du aufgeworfen hast, und die Probleme, die du siehst, sind mir nachgegangen. Ich habe versucht, Ordnung in meine Gedanken zu bringen und bringe sie aufs Papier.
Die wohl grösste Sorge, die uns beide umtreibt, ist die des Weltfriedens. An so vielen verschiedenen Orten leiden Menschen zurzeit unter Krieg oder kriegsähnlichen Zuständen. Ich gebe dir Recht, wenn du sagst, dass der Gewinner eines Kriegs immer die Rüstungsindustrie ist. Aber ist es möglich, Frieden zu schaffen ohne Waffen?
Wir in der Schweiz haben uns zur Neutralität verpflichtet. Doch dürfen wir wirklich neutral bleiben, wenn in der Ukraine Kinder verschleppt, Frauen vergewaltigt, Spitäler zerbombt werden? Dürfen wir neutral bleiben, wenn in Afghanistan Kinder und Jugendlichen der Zugang zur Bildung verwehrt wird, nur weil sie Frauen sind?
Du wirst bald 16 Jahre alt. Bald kommt die Frage auf dich zu: Militär oder Ersatzdienst? Politisches Engagement? Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass du dich engagierst für ein Leben, in dem es Menschen bessergeht. Ich wünsche dir den Mut dazu! Nur, wir beide wissen auch: Selbst wenn alle Menschen zu ihrem Recht kommen sollten, geht es immer noch nicht gerecht zu auf dieser Welt.
Du hast mich gefragt, ob ich mich als junger Mensch für die Bewahrung der Schöpfung eingesetzt habe so wie heute die Klima-Aktivistinnen. Dies war in den 1970-er Jahren ein grosses Thema. Vieles von dem, was wir damals als Fortschritt angesehen haben, erweist sich heute als Belastung. Ich glaube, dass deine Generation vor der Herausforderung steht, hier Antworten zu finden.
Meine eigene Generation erlebe ich als eher träge. Statt Energie zu sparen, produzieren wir immer mehr Dinge, die Energie brauchen. Wir wissen, dass wir nicht hinter den technischen Fortschritt zurückkönnen. Gelingt es uns generationenübergreifend, dass wir eine Selbstverpflichtung auf erheblichen Verzicht eingehen?
Dich habe ich gefragt, was du dir für dein Leben wünschst und wer oder was dir in deinem Leben Halt gibt. Ich habe mich gefreut zu hören, dass dir kulturelle Vielfalt und das Zusammenleben der unterschiedlichsten Menschen aus so vielen Nationen Freude bereitet – dort, wo wir uns einlassen auf den Dialog und auf das Kennenlernen.
Dann hast du mir grau gewordenem Pfarrer gesagt, dass mein Glaube an Gott nicht der deine ist, aber dass du die Werte, für die das Christentum steht, sehr hochhalten möchtest. Ich wünsche es dir von Herzen!
Sei lieb gegrüsst von deinem Grossvater *
*Wolfram Kötter ist Kirchenratspräsident der reformierten Kirche Schaffhausen
Eine Welt ohne Diskriminierung
Liebe Neshumele
Wenn du nach deinen Müttern kommst, wirst du uns eines Tages fragen: «Wie konntet ihr nur? Wieso diese Zerstörungen von Mensch und Umwelt? Hattet ihr nicht eine Verantwortung unserer Schöpfung gegenüber?» Vielleicht fragst du aber auch nur «Genesis 1, kennsch?»
Hoffentlich werden wir dir dann antworten: «Das haben wir getan. Versucht zumindest. Wir wissen, dass wir nicht alles geschafft haben. Noch immer ist vieles im Argen. Aber schau, wie sich schon vieles geändert hat.»
Für deine Zukunft wünsche ich dir eine Welt, in welcher nicht nach deiner Herkunft gefragt wird. In welcher es egal ist, welche Sprache du sprichst und welche Hautfarbe du hast. Ob du gesund bist oder mit einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung durchs Leben gehst.
Eine Welt, in welcher du nicht danach beurteilt wirst, welche Kleidung du trägst, ob du dich schminkst oder nicht. In welcher du geliebt bist, weil du bist, unabhängig von deiner geschlechtlichen Identität oder deiner sexuellen Orientierung.
Eine Welt, in welcher du Mensch sein darfst. In welcher du nicht diskriminiert wirst, weil du ein bestimmtes Geschlecht und deshalb auf dem Arbeitsmarkt weniger gute Chancen hast oder tieferen Lohn bezahlt erhältst.
Eine Welt, in welcher Rassismus, Klassismus, Sexismus und Ableismus der Vergangenheit angehören. Begriffe, welche auch für unsere Generation lange Zeit nur Begrifflichkeiten waren. Erst langsam beginnen wir die Tiefe ihrer Bedeutung zu erkennen. Zu realisieren, was es heisst, ausgegrenzt und verachtet zu werden, ohne selber davon betroffen zu sein. Und welche Verantwortung dies für uns alle bedeutet.
Du sollst in einer Welt leben, in welcher dir zugehört wird und in der du gesehen wirst. In welcher du zuhörst und andere sehen darfst. In welcher miteinander geredet und nicht gegeneinander angeschrien wird.
Eine Welt, in welcher wir füreinander einstehen, gemeinsam tragen und aushalten und nicht gegeneinander kämpfen.
Eine Welt, in welcher dein «Ich» so stark sein darf, dass auch das «Du» stark sein darf.
Liebe Neshumele, du bist ein geliebtes Kind Gottes. Du bist wunderbar und einzigartig. Trau dir Grosses zu, denn auf deinem Leben liegt viel Segen. Wie schon deine Mütter vor dir, kannst und sollst auch du die Welt verändern. «Geh, tu, was immer du in deinem Herzen hast, denn Gott ist bei dir.» (2. Samuel 7,3)
In Liebe verbunden, deine Oma *
*Mirja Zimmermann ist reformierte Pfarrerin in Sumiswald im Emmental
Neshumele bedeutet «kleine geliebte Seele».
Ein gerechtes Traumland finden
Liebe Anna, lieber Matteo, wie seid ihr jung! Ich weiss nicht, wie euer Leben aussehen wird, wenn ihr so alt seid wie ich. Ich bin 58 Jahre älter als Anna und 61 Jahre älter als Matteo. Was für mich Welt, Leben und etwas wie Wahrheit ist, werdet ihr völlig anders wahrnehmen. Ihr werdet etwas von eurer Wahrheit entdecken, erleben, wahrscheinlich auch erleiden. Ihr werdet euch im Lebensabenteuer vermutlich Vorbilder nehmen, euch etwas einbilden und das für wahr halten. Das Bewusstsein entwickelt sich in der Bewegung.
Als ich so alt war wie ihr, liebte ich Geschichten. Meine Lieblingsgeschichte war «Oh, wie schön ist Panama». Der Autor dieses Kinderbuches, Janosch, ist kürzlich 92-jährig geworden. Vielleicht kennt ihr die Geschichte des kleinen Tigers und des kleinen Bären, die befreundet in einem traulichen Haus am Fluss wohnen. Der Bär geht fischen, eine Holzkiste treibt vorbei, der Bär hieft sie ans Ufer. Die Kiste riecht verlockend nach Bananen. Auf dem Deckel steht «Panama». Das ist ihr Traumland – Panama.
Am nächsten Tag machen sie sich auf den Weg nach Panama. Sie treffen und befragen viele Tieren, die sie immer in dieselbe Richtung im Kreis weisen. Über Nacht bleiben sie bei einem Hasen und einem Igel, die sie dazu einladen, auf ihrem Plüschsofa zu schlafen. Die beiden sind selig.
Nach weiten Wegen überqueren sie einen Fluss auf einem selbstgebauten Floss, reparieren eine Brücke. Sie fragen eine kluge Krähe nach dem Weg, die ihnen sagt, es gibt nicht einen, es gibt unzählige Wege. Die Krähe heisst sie, auf einen grossen Baum zu klettern. Sie sehen das schönste Land, das sie je gesehen haben. Das Häuschen, ihr Häuschen, ist reparaturbedürftig geworden, die Bäume und Sträucher sind gewachsen. In Panama ist alles grösser als zuhause und dennoch sind sie wieder zuhause. Sie kaufen sich ein Plüschsofa und sind selig.
Ihre Reise war nicht umsonst: Sie haben Freunde getroffen, sie wissen um die Bequemlichkeit eines Plüschsofas, auf welchem sie Hand in Hand einschlafen. Vor allem hatten sie einen Blick von oben, eine Weitsicht. Ihre Welt ist dieselbe, und doch nicht. Die Wahrnehmung ist völlig anders. Sie bilden sich ein, in Panama zu sein, wohnen aber vor allem in ihrer gegenseitigen Zuneigung.
Liebe Anna, lieber Matteo, ich wünsche euch, dass ihr ein gutes und freundliches Panama findet. Die Aussicht ist nicht schlecht. Wenn wir, wie der Tiger auf einen Baum klettern und die Welt, in der wir zu Hause sind, von dieser weitsichtigen Warte aus betrachten. Nicht ohne die gleichzeitige Bereitschaft, einen Wohnraum zu schaffen für Frieden und Gerechtigkeit.
Alles Liebe von eurem Grossvater *
*Beat Allemand ist reformierter Pfarrer am Berner Münster
Die Redaktion hat die Autorinnen und Autoren gebeten, eine Karte an (fiktive) Enkel zu schreiben. Die Texte sind im Original und leicht redigiert publiziert.
Schreiben Sie selbst eine Postkarte
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