Kirche für die Kleinsten

Von Helden und Verrätern

Kindern mehr zuzutrauen, kann für die Kirche ein Gewinn sein. Wie es gelingen kann, dass kirchliche Angebote für Kinder mehr sind als ein Beschäftigungsprogramm, zeigt die Arbeit einer reformierten Kirchgemeinde im Zürcher Oberland.

Zwischen vier und zehn Jahre alt sind die Kinder, die in der «Chinderchile» in Hinwil teilnehmen. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Vor einer grauen tönernen Höhle steht ein grünes Playmobil-Männchen. «Wer könnte das sein?» fragt Corina Rutschi. Um sie herum sitzen an einem Sonntagvormittag im April sieben Kinder, der Jüngste ist fünf Jahre alt, die Älteste elf. «Das ist Robin Hood», antwortet ein Junge prompt. Tatsächlich hat das Männchen Ähnlichkeiten zur Hauptfigur der englischen Sage. Es steht aber für eine biblische Figur. «Das ist Petrus», sagt Rutschi. 

Die Sozialdiakonin leitet an diesem Morgen die «Chinderchile» in der reformierten Kirchgemeinde in Hinwil im Zürcher Oberland. Diese findet, dem Namen sei Trotz, nicht in der Kirche selbst statt, sondern in einem nüchternen Raum im benachbarten Kirchgemeindehaus. Zur selben Zeit, von zehn bis elf Uhr, ist in der Kirche der Gottesdienst.

Dieser richtet sich an die Eltern, während deren Töchter und Söhne in der «Chinderchile» ein ergänzendes Angebot haben. «Die Eltern sollen den Gottesdienst ungestört besuchen können», sagt Karin Baumgartner. Vor dreieinhalb Jahren ist die reformierte Pfarrerin von Dübendorf nach Hinwil gezogen.

«Noch heute erinnere ich mich daran, wie wir in Bananenschachteln sassen, die Boote darstellten.»
Karin Baumgartner, reformierte Pfarrerin in Hinwil

Ein Grund für den Stellenwechsel war die Chinderchile. Baumgartner ist in Uznach aufgewachsen, ihr Vater war Kirchenpflegepräsident. «Noch heute erinnere ich mich daran, wie wir in der Sonntagsschule in Bananenschachteln sassen, die Boote darstellten», erzählt Baumgartner. Eine Episode, an die sie sehr gerne zurückdenkt und die sie noch dreissig Jahre später lächeln lässt.

  • Karin Baumgartner ist reformierte Pfarrerin in Hinwil. Sie erinnert sich noch 30 Jahre später gerne zurück an ihre Zeit in der Sonntagsschule.

Ihr ist es wichtig, dass ihre achtjährige Tochter Johanna und ihr fünfjähriger Sohn Linus ebenfalls von Kindesbeinen an kirchlich sozialisiert werden. Sie sollen die Kirche als Gemeinschaft erleben, in der jede und jeder Platz habe und erfahren, dass Gott nicht Regeln vorgebe, um einzuengen, sondern Freiheiten, nach denen es sich leben liesse. In der «Chinderchile» geht es laut Baumgartner um mehr als nur Spielen und Basteln, es sollen bereits theologische Inhalte und christliche Werte vermittelt werden – wenn auch auf spielerische Art und Weise. 

Theologie kindergerecht vermitteln

Unterdessen legt Sozialdiakonin Corina Rutschi den Kindern verschiedene Smileys auf dem Tisch aus. Sie transportieren unterschiedliche Emotionen, etwa Freude, Trauer oder Wut. «Wann wart ihr das letzte Mal wütend oder traurig?» fragt sie. Schnell dreht sich das Gespräch, weg von den biblischen Erzählungen hin zum Alltag der Kinder. Erlebnisse vom Pausenplatz oder aus dem familiären Umfeld werden ausgetauscht. Der Transfer in die heutige Zeit sei essenziell, sagt Pfarrerin Karin Baumgartner, die das Geschehen beobachtet.

Serie «Generationen»

In einer Serie beleuchtet die ref.ch-Redaktion das Thema «Generationen». Am Mittwoch, 7. Juni 2023, erscheint als nächster Beitrag eine historische Einordnung zum Generationenvertrag. (red)

Grosse theologische Fragen werden vereinfacht und kindergerecht übersetzt. Bei Themen wie Freundschaft oder Verrat fiele es den Kindern leicht, anzuknüpfen. Zwischendurch singen die Kinder christliche Lieder, und sie beten gemeinsam. Jeweils am Anfang reichen sie eine Spardose durch den Kreis, jeder darf einen Batzen in das Schaf stecken – analog zur Kollekte nach dem Gottesdienst. Die Elemente gleichen sich auch deshalb bewusst, um die Kinder an den «richtigen» Gottesdienst heranzuführen und sie damit vertraut zu machen. 

Qual der Wahl

Die Zielgruppe der «Chinderchile» sind Kinder im Alter von etwa vier bis zehn Jahren. Im Prinzip knüpft das an den kirchlichen Unterricht an, der im Kanton Zürich von der Kirchgemeinde angeboten wird. Er beginnt in der zweiten Primarschulklasse und findet ausserhalb des Stundenplanes statt, der Besuch ist eine Voraussetzung für die Konfirmation. «Unser Ziel ist es, eine Grundlage zu legen und die Mitgliedschaft aktiv zu halten», sagt Karin Baumgartner. Junge Menschen werden auch mit speziell auf sie zugeschnittenen Gottesdiensten angesprochen. Drittklässsler gestalten im Rahmen des kirchlichen Unterrichts jedes Jahr einen Taufgottesdienst mit, für Jugendliche gibt es Band-Gottesdienste.

«Wir vermitteln Inhalte und bieten mehr als nur Kinderbetreuung.»
Karin Baumgartner, reformierte Pfarrerin in Hinwil

«Für Pfarrpersonen ist das ein Spagat, weil in Familiengottesdiensten sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen von der biblischen Botschaft angesprochen werden sollen», sagt Baumgartner. Gleichzeitig räumt die 38-Jährige ein, dass es für die Kirche eine Herausforderung ist, die Jüngsten anzusprechen. Heute bestünden viel mehr Freizeitangebote als früher. «Es ist bereits ein Gewinn, wenn es gelingt, punktuell da zu sein», meint Baumgartner. Grundsätzlich gehe es darum aufzuzeigen, dass Kirche mehr sei als Gottesdienst am Sonntagmorgen. «Wir wollen bedürfnisgerecht sein.»

In Dübendorf habe die reformierte Kirche am Gründonnerstag einen Kindertag angeboten. Dieser fand grossen Anklang, viele Eltern müssen arbeiten und brauchen eine Kinderbetreuung. «Kirche kann an so einem Tag präsent sein und ihre Botschaft weitergeben. Wir vermitteln Inhalte und bieten mehr als nur Kinderbetreuung», sagt Baumgartner.

Digitale Angebote für Zuhause

Verschiedene Seiten fassen kirchliche Angebote für Kinder zusammen, etwa «Kirche Kunterbunt». Das Programm stammt aus Deutschland und wird in der Schweiz unter anderem von einigen Ostschweizer Kirchgemeinden mitgetragen. Zielgruppe sind eigenen Angaben nach fünf bis 12-Jährige, aber auch Paten und Grosseltern. Inspirationen für das Familienleben liefert zudem die Seite farbenspiel.family, eine ökumenische Plattform von Deutschschweizer Landeskirchen. (jow)

Formate wie dieses schafften Zugang zu einem neuen Publikum. Als Pfarrerin und Familienfrau ist Baumgartner auch im Podcast «Heiliger Bimbam» zu hören, den sie gemeinsam mit zwei Kolleginnen betreibt. Das Trio nähert sich darin Alltagsfragen an, die Familien beschäftigen, etwa Streit unter Kindern. Thema sind aber auch spirituelle Fragestellungen, zum Beispiel jene, wie Familien mit Kindern beten können (siehe Infobox). 

Der Austausch mit Kindern erweitert den Horizont der Pfarrerin. Kindern sollte mehr zugetraut werden und sie sollten mehr Raum für ihre Ideen, Gedanken und Fragen erhalten, sagt Karin Baumgartner. «Erwachsene sind oft verkopft. Kinder dagegen fixieren sich nicht auf ein Bild», sagt sie. Für Kinder könne Gott Hirte wie Superheld sein. Als sie einmal ein Krippenspiel inszenierte, wollten zwei Mädchen die Hauptrolle der Maria spielen. Die Kinder einigten sich darauf, dass Maria eine gute Freundin habe, die sie begleite, und schrieben für die neue Rolle den Text mit.

Beeindruckt hat Baumgartner auch eine Enkelin, die sich am Begräbnis ihres Grossvaters weigerte, eine Zeichnung ins Grab zu legen. «Grosspapi ist jetzt im Himmel, ein Engel wird ihm die Zeichnung bringen. Deshalb muss diese gut sichtbar sein und nicht im Grab liegen», habe das Mädchen sinngemäss gesagt. Also wurde das Blatt an einen Busch geheftet, damit es der Engel auf dem Weg nach oben mitnehmen konnte.