Eine Kirche für alle

In der Offenen Kirche Elisabethen in Basel wird getanzt, gejodelt, diskutiert, gepredigt. In diesem Jahr feiert sie ihr 25-jähriges Bestehen. Frank Lorenz und Monika Hungerbühler, welche die Geschicke der Kirche leiten, sagen: Bei ihnen muss niemand seine Biografie am Kircheneingang abgeben.

Bei ihnen sind auch Homosexuelle und Transmenschen willkommen. Frank Lorenz und Monika Hungerbühler, Leiter und Leiterin der Offenen Kirche Elisabethen in Basel. (Bild: zvg)

Die Offene Kirche Elisabethen in der Basler Altstadt gehört seit 25 Jahren zu den vielfältigsten Kirchen der Schweiz. Hier finden Jodelgottesdienste, Discos und Gesprächsrunden statt, bei ihr sind Homosexuelle und Transmenschen, Flüchtlinge und Menschen verschiedener Religionen willkommen.

Von Anfang an dabei war der reformierte Theologe und heutige Geschäftsführer Frank Lorenz, zu Beginn noch als Theologiestudent in der «Projektgruppe». Heute leitet er als reformierter Theologe und Betriebswirt zusammen mit der katholischen Theologin Monika Hungerbühler die Offene Kirche Elisabethen (OKE). «Für mich ist es ein Privileg, an diesen Ort arbeiten zu kommen», sagt Lorenz. Nie wisse er am Morgen, was der Tag bringen wird: «Muss ich eine Vorstandssitzung vorbereiten, eine Presseauskunft geben, oder kann ich Bedürftigen durch Nahrungsmittel oder ein Gebet helfen?»

Gottesdienst mit Punkmusik

Vor 25 Jahren sei diese Art von Kirchennutzung noch etwas Aussergewöhnliches gewesen, erinnert sich Lorenz. «Damals waren die experimentellen Gottesdienste mit Tanz oder Punkmusik revolutionär.» Und auch die Segensfeiern für Tiere und deren Menschen oder die Fasnachtsgottesdienste seien viel beachtet worden. Die Kirche sei wegen ihrer ungewöhnlichen Angebote gar Sujet an der Basler Fasnacht gewesen. «Das war so etwas wie ein Ritterschlag der Relevanz», erinnert sich Lorenz.

Zwar sei die Kirche mittlerweile kein Fasnachts-Thema mehr, doch noch heute gebe beispielsweise das fest integrierte, professionell betriebene Café in der Kirche zu reden. «Ein Café im Kirchenraum ist besonders bei Besucherinnen aus römisch-katholischen Ländern oder bei orthodox geprägten Menschen noch immer fast ein Sakrileg», sagt Monika Hungerbühler.

Freie, feministische und offene Kirche

Für einige Besucher speziell sei auch das Engagement der Kirche für und mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen sowie Transgendermenschen (LGBT). «Niemand muss bei uns seine Biografie und seine Persönlichkeit am Kircheneingang abgeben, um uns zu gefallen», sagt Hungerbühler. Im Gegenteil: Die Kirchengestalt und ihre Theologie müssten immer ihre Menschen widerspiegeln.

Und das soll auch in Zukunft so bleiben. «Wir wollen eine freie, feministische und offene Kirche mit starkem sozialen und gesellschaftlichen Engagement sein», sagt Lorenz. «Wir bleiben auf jeden Fall für LGBT inklusiv. Ausserdem wollen wir für Flüchtlinge, aber auch für anderssprachige Expats alternative Gottesdienste und Gemeinschaft anbieten», ergänzt Monika Hungerbühler.

Raus aus der Kirche

Auch ausserhalb der Kirchenmauern wollen die beiden für die Menschen da sein. Lorenz als Armeeseelsorger auf dem Feld, auf der Strasse bei Obdachlosen, Hungerbühler mal im Pfarrhausgarten, wo unvermittelte Gespräche über das Leben und den Tod stattfinden können. «Unsere schönen, alten Gebäude sind ein Segen, sie künden von unserer Vergangenheit und unserer Ästhetik. Aber manchmal sind sie auch eine Last», sagt Lorenz. «Wir tendieren zu oft dazu, sie zu restaurieren und fast museal zu erhalten.»

Die Elisabethenkirche werde hingegen für Vermietungen und eigene Aktionen so intensiv genutzt, dass es auch an ihre Substanz geht: Der Holzboden sei vom Tanzen ausgeleiert, die Scheiben locker von den Bässen der Partymusik. «Der Münsterbaumeister runzelt dann sehr oft die Stirn und versucht uns zur Ordnung zu rufen», sagt Lorenz. «Wir sagen dann jeweils: Wir können wählen zwischen ‹In Schönheit sterben› oder mit unseren ‹Pfunden zu wuchern›. Wir wählen Letzteres.»

Arbeitsstunden als Kirchensteuer

Wie andere Kirchen steht auch die OKE heute vor finanziellen Herausforderungen. Man blicke aber positiv in die Zukunft. «Die fetten Jahre sind bei allen Kirchen, Gemeinden und kirchlichen Angeboten vorbei, die Reserven sind weitgehend aufgebraucht. Wir müssen andere Methoden des Wirtschaftens entwickeln», sagt Lorenz. Einnahmen können unter anderem durch Projekte generiert werden, die vom Staat, von Stiftungen und Privaten unterstützt werden.

Geld von ihren Kirchenmitgliedern erhält die Elisabethenkirche übrigens nicht. «Wir kennen keine Mitglieder, sondern nur Mitarbeitende», sagt Lorenz. «Die Kirchensteuer, das was unsere Mitglieder uns geben, das sind ihre freiwilligen Arbeitsstunden.» In den vergangenen Jahren sei es gelungen, die Zahl der «Mitglieder» so deutlich zu steigern. «Das Geld, das wir zusätzlich zu dieser Freiwilligenkultur weiterhin brauchen, müssen wir uns mit Vermietungen und Dienstleistungen organisieren», sagt Lorenz.

Deshalb seien sie am überlegen, im Pfarrhaus alternative Wohnformen im Zusammenhang mit einem sozialen, kirchlichen oder kulturellen Engagement zu schaffen. «Dort könnte dann jemand wohnen, der ein Projekt für junge Flüchtlinge realisiert, und vielleicht ein Geflüchteter, der dies mitträgt», sagt Hungerbühler. «Oder auch ein Theologe, der für Fremdsprachige Gottesdienste und Begegnungen aufbaut.»

So könnte in der Elisabethenkirche in den nächsten 25 Jahren vielleicht ein neues Kapitel aufgeschlagen werden: Jenes eines modernen Stadtklosters.

Hinweis: Vom 26. April bis zum 4. Mai feiert die Offenen Kirche Elisabethen im Rahmen einer Festwoche ihr 25-jähriges Bestehen. Zu den Highlights gehören am 26. April ein Auftaktreferat der US-amerikanischen Pastorin Nadia Bolz-Weber. Am 27. April werden Frauen aus verschiedenen Berufen, Altersgruppen und spiritueller Herkunft Inputs zum Thema «Geistliches im 21. Jahrhundert» geben. Am 28. April findet eine urbane Jodelmesse statt. Mehr Informationen gibt es unter: jubilaeum.offenekirche.ch