Kommentar

Christen lassen Menschen nicht ertrinken

Noch immer spielen sich auf dem Mittelmeer und an der EU-Aussengrenze Tag für Tag menschliche Tragödien ab. Während die EU weiterhin auf Repression setzt, darf die Kirche nicht schweigen.

Ein Mann trägt einen fünf Monate alten Buben auf den Armen, der 2016 auf einem Holzboot auf dem Mittelmeer auf die Welt gekommen ist. (Foto: AP Photo/Emilio Morenatti)

Am 22. November hat das kirchliche Rettungsschiff «Sea-Watch 4» 107 Männer, Frauen und Kinder aus einem Holzboot im Mittelmeer gerettet. Wie die Helfer meldeten, war darunter auch ein Neugeborenes, das wahrscheinlich auf dem überfüllten Boot zur Welt gekommen ist.

Knapp einen Monat später barg das Rettungsschiff «Ocean Viking» der Hilfsorganisation SOS Méditerranée vor der Küste Libyens 114 Menschen aus dem Mittelmeer. Unter ihnen waren ebenfalls zwei Neugeborene. Das jüngste war erst elf Tage alt.

Es ist kaum vorstellbar, unter welchen Umständen die Frauen diese Kinder zur Welt bringen mussten. Auf einem Boot, umgeben von fremden Männern, unter haarsträubenden hygienischen Bedingungen. Trotzdem hatten sie Glück im Unglück, sie konnten von den zwei zivilen Rettungsschiffen ans europäische Festland gebracht werden. Vielen ging es 2021 anders.

Laut der UNO haben von Januar bis Dezember 2021 schätzungsweise über 1'500 Menschen die Überfahrt übers Mittelmeer nicht überlebt oder werden vermisst. Während die EU die staatliche Seenotrettung massiv eingeschränkt hat, konnten zivile Rettungskräfte 6'700 Menschen aus Seenot bergen. Ständig im Einsatz war dabei auch das Bündnis «United4Rescue», das massgeblich von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) initiiert wurde und an dessen Finanzierung sich auch die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) beteiligt hat.

Solidarität statt Repression

Dass sich Kirchen einmischen, ist wichtig und richtig. Sie stehen für Werte wie Solidarität, Nächstenliebe, Chancengleichheit. Und die scheinen in der europäischen Flüchtlingspolitik irgendwo an der europäischen Aussengrenze verloren gegangen zu sein. Denn selbst wenn Menschen an Grenzzäunen erfrieren, wie jüngst geschehen in Belarus, kennen die Länder von Europa in der aktuellen Migrationspolitik insbesondere eines: Repression.

Natürlich entscheidet letztlich die Politik, ob und wie Menschen auf dem Mittelmeer, im Ärmelkanal und an der Grenze zu Europa behandelt werden. Und es werden auch im nächsten Jahr wieder Kinder in Booten geboren und Menschen im Wasser sterben. Umso wichtiger ist es, dass die Kirchen nicht müde werden, immer wieder die europäische Migrationspolitik zu kritisieren und Hilfsprojekte sowohl finanziell als auch ideell zu unterstützen. Christen lassen keine Menschen ertrinken. Egal, ob sie auf einem Holzboot geboren werden oder in einem Stall.