Wenn Würste provozieren
Am ersten Sonntag der Fastenzeit, am 9. März 1522 – also vor rund 500 Jahren – sassen in Zürich Freunde um den Leutpriester Ulrich Zwingli am Tisch beim Buchdrucker Christoph Froschauer. Dort brachen sie, ermuntert vom Reformator, das Fastenverbot und assen Würste. Dabei beriefen sie sich auf die Bibel als Richtschnur für menschliches Handeln. Die Aktion sollte eine gezielte Provokation sein und gilt bis heute als wichtiger Meilenstein in der Geschichte der Reformation.
Denn der darauffolgende Skandal veranlasste Zwingli, seine erste reformatorische Schrift zu verfassen: «Von der Freiheit der Speisen», und nötigte den Rat der Stadt Zürich, gegenüber der Kirche Position zu beziehen. Die Zürcher Disputationen von 1523 waren die Folge davon. Was viele nicht wissen: Das Wurstessen spielt nicht nur in der Geschichte der Zürcher Reformation eine wichtige Rolle, sondern auch in jener der Täufer, respektive der heutigen Mennoniten. «Zusammen mit Zwingli am Tisch sassen auch die Mitbegründer der späteren Täuferbewegung», weiss der reformierte und geschichtsinteressierte Pfarrer Jürg Wildermuth zu berichten. Gerade weil das Wurstessen nicht nur für die reformierte Geschichte relevant ist, sondern auch für jene der Mennoniten und auch der Katholiken, hat Wildermuth eine gemeinsame Feier initiiert (siehe Kasten). «Die Täufer haben im Zürcher Reformationsjubiläum eine Nebenrolle gespielt, mich hat das gestört», sagt Wildermuth. Man wolle zusammen versöhnend auf die verbindende Geschichte blicken.
Am Sonntag, 6. März um 10 Uhr, gedenken Mennoniten, Reformierte und Katholiken in einer gemeinsamen Feier im Zürcher Grossmünster der Aufbruchstimmung beim Fastenbrechen vor 500 Jahren beim Buchdrucker Froschauer. Die Predigt im Trialog wird gehalten von Jürg Bräker, Generalsekretär der Konferenz der Mennoniten der Schweiz, Michel Müller, Kirchenratspräsident der Reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, sowie von Luís Varandas, Generalvikar der Katholischen Kirche des Kantons Zürich. Die Liturgie wird von Pfarrer Christoph Sigrist sowie Pfarrerin Bettina Lichtler gestaltet. Nach dem Gottesdienst findet ein Wurst-Apéro statt (auch mit einer vegetarischen Variante). (bat)
Denn was als gemeinsames und verbindendes Mahl begann, endete wenig später im Disput. Zwingli wollte den Entscheid über den Vollzug der Reformen dem Rat anvertrauen. Die Radikalen wollten die Reformen schnell vollziehen, darüber trennten sich die Wege der Reformierten und der späteren Täufer. Die Frage der Taufe Unmündiger führte schliesslich zum Bruch. Die Täufer fanden, dass über die Taufe nur Erwachsener entscheiden könnten. Im Januar 1525 tauften sie ein erstes Mal einen Mündigen.
Landeskirche entschuldigte sich
Dass sich die Täufer abspalteten, passte der reformierten Kirche wiederum nicht. Was folgte, war eine blutige Verfolgung: Besonders im 17. Jahrhundert wurden in den Städten Zürich und Bern viele Täufer enteignet, vertrieben oder gar getötet. Erst Jahrhunderte später, im Jahr 2004, entschuldigte sich die Zürcher Landeskirche für das getätigte Unrecht. «Wir bekennen, dass die damalige Verfolgung nach unserer heutigen Überzeugung ein Verrat am Evangelium war und unsere reformierten Väter an diesem Punkt geirrt hatten», sagte der damalige Kirchenratspräsident Ruedi Reich im Grossmünster vor über tausend Mitgliedern mennonitischer und täuferischer Gemeinden.
Geschichte bei vielen Mennoniten unbekannt
Dass es am kommenden Wochenende erneut zu einer Zusammenkunft kommt, freut auch Jürg Bräker, Generalsekretär der Konferenz der Mennoniten der Schweiz. «Wir sind auch Teil der Reformations-Geschichte. Es ist schön, wenn an solchen Anlässen auf das Gemeinsame in unserer Vergangenheit aufmerksam gemacht wird», sagt Bräker. Insbesondere auch deshalb, weil selbst in vielen Schweizer Täufergemeinden das Wurstessen nicht unbedingt als Teil der eigenen Historie bekannt sei. «Bei Stadtführungen weisen wir jeweils auf das Ereignis hin, wenn wir beim Froschauer-Haus vorbei gehen.»
Der Anlass im Grossmünster ist laut Bräker auch ein guter Auftakt für die 500-Jahr-Feierlichkeiten im Jahr 2025. Denn es war das Jahr 1525, als die Taufen von Erwachsenen zum Bruch innerhalb der Reformationsbewegung geführt haben. «Auch in drei Jahren wollen wir mit dem Blick der Versöhnung auf die Geschichte schauen und gemeinsam die befreiende Kraft des Evangeliums betonen.» (bat)