500 Jahre Täufer

«Manche sagen, wir hätten damals die erste Freikirche gegründet»

Während der Reformation sind die Täufer verfolgt und vetrieben worden. Ihre Nachfahren haben sich mit den Reformierten versöhnt. In Zukunft könnten sie enger mit ihnen zusammenarbeiten, meint Lukas Amstutz, Co-Präsident der Konferenz der Mennoniten in der Schweiz.
Lukas Amstutz ist Theologe, Dozent und einer der offiziellen Vertreter der Schweizer Mennoniten. (Bild: Eric Braun)

Vor 500 Jahren entzweiten sich die Reformierten in Zürich unter anderem an der Frage, wann ein Mensch getauft werden sollte. Wie blicken Mitglieder von Glaubensgemeinschaften, die sich auf die sogenannten Täufer beziehen, heute auf diesen Konflikt?
Lukas Amstutz: Wir Mennoniten in der Schweiz schauen versöhnt auf diese Ereignisse. An der Schipfe in Zürich haben 2004 der damalige Kirchenratspräsident Ruedi Reich, der Stadtrat und wir eine Gedenktafel eingeweiht, die daran erinnert, dass Täufer in der Limmat ertränkt worden sind. Damals haben wir die Versöhnung zwischen Täufern und Reformierten vollzogen. Die Reformationszeit war vielfältig, es gab mehr als nur den Zwingli – daran erinnert die Tafel. Sie mahnt auch, dass Fragen zur Erneuerung der Kirche schnell zu Differenzen führen können. Unsere Geschichte zeigt, was passieren kann, wenn man nicht mehr miteinander spricht.

Wie geht es den Mennonitinnen heute in der Schweiz?
Wir sind mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert wie die Reformierten. Auch unsere Mitgliederzahlen sinken, auch wir müssen uns fragen, wie man heute als Kirche und Glaubensgemeinschaft glaubhaft ist. An unserer Situation speziell ist, dass wir aus der Isolation kommen und uns erst in den letzten Jahren gesellschaftlich integriert haben. Viele Täufer waren in den französischsprachigen Jura geflohen, wo sie unter sich blieben und auch sprachlich abgeschottet waren.

Wo stehen die Mennoniten in der hiesigen Glaubenslandschaft?
Manche sagen über uns, wir Täufer hätten vor 500 Jahren die erste Freikirche gegründet. Tatsächlich bewegen wir uns auch in diesem Umfeld. Aber unsere Wurzeln sind älter, wir kommen direkt aus der Reformation. Ich sehe die Mennoniten deshalb als Scharnier oder Brückenbauer zwischen Freikirchen und Reformierten.

Vor 500 Jahren wurden die Täufer von den Reformatoren verjagt. Heute zeigt sich, dass etliche ihrer Überzeugungen für die reformierten Landeskirchen aktuell und interessant werden: Die Ablehnung von Gewalt, das Auskommen ohne Kirchensteuer, die Konzentration aufs Lokale oder das Einbinden von Laien. Findet ein Austausch statt?
Das ist eine spannende Frage. Über das Friedenszeugnis haben wir mit der reformierten Seite intensiv diskutiert. Ich wurde auch häufig eingeladen, um vor Reformierten über unser Bekenntnis zum Gewaltverzicht zu sprechen. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 hat sich das aber geändert: Man konfrontiert uns jetzt mit der Frage, wie wir angesichts dieses Angriffs am Friedenszeugnis festhalten können.

Was ist mit den anderen Themen?
Da gibt es wenig Austausch. Vor 500 Jahren hat die Täuferbewegung das alles gefordert und in Zukunft werden wir und die Reformierten damit im selben Boot sitzen. Wir können voneinander profitieren und lernen.

Mennoniten in der Schweiz

Die Täufer galten als linker Flügel der Reformation. Sie stehen unter anderem ein für Gewaltlosigkeit, Trennung von Kirche und Staat und freiwillige Zugehörigkeit zur Kirche. Gemeinschaften, die sich auf die Täufer beziehen, gibt es zahlreiche. Die Mennonitinnen und Mennoniten haben ihren Namen von Menno Simons erhalten, einem niederländischen Priester, der im 16. Jahrhundert vom Katholizismus zu den Täufern konvertierte.

Heute gibt es weltweit rund 2,2 Millionen Mennonitinnen und Mennoniten. In der Schweiz beläuft sich ihre Zahl auf rund 2300 Gläubige, die in 13 Mennonitengemeinden leben.

Lukas Amstutz ist Theologe, Dozent und Co-Präsident der Konferenz der Mennoniten in der Schweiz. Er leitet das Bildungszentrum Bienenberg in Liestal BL. Der Bienenberg wurde 1950 als «Europäische Mennonitische Bibelschule» gegründet. (dst)

Im Mai wird in Zürich eine internationale Gedenkfeier stattfinden. Welche Bedeutung hat dies für die Mennonitinnen und Mennoniten in aller Welt?
Organisiert wird dieser Anlass von der Mennonitischen Weltkonferenz. Das ist ein internationaler Zusammenschluss von Kirchen, die sich zu dieser täuferischen Tradition zählen. Die Bedeutung des Anlasses in Zürich ist je nach Kontinent verschieden. In Afrika und Asien, wo die Täufer eine relativ junge Kirche sind und stark wachsen, ist die Stadt Zürich nicht so wichtig für die eigene Identität. Dort ist vor allem die erste Erwachsenentaufe identitätsstiftend. Anders sieht es in Nordamerika aus, wo viele Mennoniten familiäre Wurzeln in der Schweiz haben. Ich treffe immer wieder Menschen aus den USA, die als erste ihrer Familie nach Jahrhunderten die Schweiz besuchen. Bei manchen ist dabei die Verfolgungsgeschichte durch die Reformierten noch sehr präsent.

Zu den Nachfahren der Täufer gehören Mennoniten, Amische oder Hutterer – sind sie Brüder, Cousins oder Nachbarn im gleichen Landstrich?
Die Täufer waren von Anfang an eine plurale Bewegung. Man kann deshalb nicht alle in einen Topf werfen. Es gibt noch viele weitere Gruppen, die teils unterschiedliche Überzeugungen haben. Zwischen ihnen findet auch kein regelmässiger Austausch statt. Deshalb wäre «Cousins» zu nah. Vielleicht könnte man sie als «entfernte Verwandte in Amerika» bezeichnen.

Zu Beginn unseres Gesprächs haben Sie von Versöhnung gesprochen. 2004 erklärte die Evangelisch-reformierte Landeskirche Zürich, dass sich die Reformatoren in Bezug auf die Täufer geirrt hätten und deren Verfolgung ein «Verrat am Evangelium» gewesen sei. Was bedeutet das den Schweizer Mennonitinnen und Mennoniten?
Es ist sehr wichtig für uns. Damals war der Schritt eingebettet in eine Tagung mit dem Titel: «Gegeneinander, nebeneinander, miteinander». Zu einer Versöhnung gehört auch, dass man Unrecht benennt. Die Reformierten gestanden ihre Schuld ein und wir räumten ein, dass die Täufer damals in manchen Punkten auch arrogant und stur waren. Nun stehen wir auf einem gemeinsamen Boden. Wir haben darüber gesprochen und uns versöhnt, zurück wollen wir nicht. Manchmal dauert es lange bis zu einer Versöhnung, bei historischer Schuld stellen sich viele Fragen. Aber es ist wichtig, dass man aufeinander zugeht. Versöhnungen zeugen immer auch von der Kraft des Evangeliums.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema