«Zwingli-Kritiker kommen im Film kaum zu Wort»

Der Historiker Valentin Groebner äusserte in einem Interview Kritik am neuen Zwingli-Film: Dieser enthalte Fehler und zeige ein beschönigendes Bild der Epoche. Ref.ch hat drei Historiker gefragt, wie sie den Film erlebt haben. Heute: Christine Christ-von Wedel, Forscherin an der Theologischen Fakultät der Universität Basel.

«Bei der Darstellung der Katholiken ist der Film zu plakativ»: Die Historikerin Christine Christ-von Wedel. (Bild: ZVG)

Frau Christ-von Wedel, Sie haben Zwingli im Kino gesehen. Eignet sich der Film als Einführung in die Reformationsgeschichte, zum Beispiel für Studierende?
Er eignet sich für alle, die zum ersten Mal von der Zürcher Reformation hören. Für Studierende wünschte ich mir etwas mehr Differenzierung. Zum Beispiel ist Zwingli stark aus seiner eigenen Sicht dargestellt. Und die Katholiken werden stereotyp gezeigt.

Das findet auch der Historiker Valentin Groebner. Im Interview mit dem Tages-Anzeiger kritisiert er, der Film bediene das Klischee vom lüsternen und korrupten Katholiken. Stimmen Sie ihm zu?
Der Film ist da plakativ. Es gab ungebildete, verhurte und versoffene Priester. Deshalb war der Antiklerikalismus so stark. Aber das traf längst nicht auf alle Geistlichen zu. Nehmen wir die drei altgläubigen Hauptfiguren im Film, den Bischof, den Generalvikar Johann Fabri und den Chorherrn Konrad Hofmann. Sie alle waren humanistisch hochgebildet. Und alle drei förderten Zwingli zunächst. Sie wünschten sich eine Reform der Kirche, wenn auch ohne Kirchenspaltung. Fabri zum Beispiel war sehr enttäuscht, als die Entwicklung schliesslich entglitt. Diese Zwischentöne gehen unter.

Groebner kritisiert, der Film sei in Detailfragen oft ungenau. Zum Beispiel, was die Alltagssprache angeht. Diese sei in Wirklichkeit deutlich derber gewesen.
Da hat er recht. Es ist bekannt, wie grob Zwingli selbst gesprochen hat. Anderseits muss der Film die Sprache des 21. Jahrhunderts verwenden und für uns heute scheint mir seine Sprache deftig genug.

Mängel findet Groebner an der Kulisse des frühneuzeitlichen Zürichs. Dieses sei zu wenig bunt, laut und dreckig dargestellt.
Ich stimme ihm zu. Das Alltagsleben von damals war bunter und vielfältiger. Im Rahmen des vorhandenen Budgets hat man das aber gut gelöst. Überhaupt sind die historischen Details wie zum Beispiel Kleidungsstücke erfreulich genau wiedergegeben.

Groebner bedauert im Interview, dass die Reformation im Film ausschliesslich als zürcherische Angelegenheit erscheint. Er spricht sogar von einem Zürcher Heimatfilm. Sehen Sie das auch so?
Ich wäre da nicht so streng. Es stimmt, dass die europäische und eidgenössische Dimension der Reformation und entsprechende Bewegungen in anderen Städten fast gar nicht vorkommen. Aber wie will man das alles in einem Spielfilm unterbringen? Störender finde ich, wie einseitig der Film Zürich aus der Sicht Zwinglis und seiner Anhänger darstellt.

Inwiefern?
Zeitgenössische Zwingli-Kritiker, wie zum Beispiel die Täufer, kommen kaum zu Wort, ernstzunehmende Kritiker im Rat und auf der Landschaft gar nicht. Sie verwarfen Zwinglis Politik, die einen Glauben für alle durchsetzen wollte. Gut aber fühlt sich der Film in Zwingli selbst und seine Botschaft ein. Und das war wohl das Hauptziel.