30 Jahre Sigrist am Zürcher Wahrzeichen

Das menschliche Lexikon

Den Kopf voller Geschichten und die Schlüssel zu allen Türen in der Tasche: So führt der ehemalige Sigrist Franco Gargiulo Besucher durch «sein» Grossmünster in Zürich.

Drei Jahrzehnte als Sigrist: Franco Gargiulo kennt das Zürcher Grossmünster wie kein zweiter. Die Aufnahme zeigt ihn im Dachstock über dem Kirchenschiff – ein Ort, den er auf seinen Führungen nur selten zeigt. (Bild: Gaëtan Bally)

Wenn Franco Gargiulo die Kirche seines Lebens betritt, spricht jeder Stein zu ihm. Von den feinen Risszeichnungen unten in der Krypta bis zu den Glocken oben im Turm: Jeden Kubikzentimeter dieses Baus kennt er genau, zu jedem hat er eine Geschichte zu erzählen. Während seiner Zeit im Grossmünster hat er viel erlebt – und sich ein breites Wissen angeeignet über die fast eintausend Jahre alte Kirche mitten in der Zürcher Altstadt.

Franco Gargiulo, reformiert getaufter Sohn neapoletanischer Eltern, gelernter Drucker aus einem Dorf am Zürichsee, 64 Jahre alt, Familienvater, war dreissig Jahre lang Sigrist am Zürcher Wahrzeichen. Das Amt hat er Ende 2022 weitergegeben. Die Schlüssel zur Kirche und all ihren Türen hat er jedoch behalten: Im Ruhestand übernimmt er Führungen und zeigt Besuchern seinen alten Arbeitsplatz.

Hasenjagd im Kirchenschiff

Schulkinder lässt er Tiere suchen, die Steinmetze in die Säulenkapitelle gemeisselt haben. Er zeigt auf den kleinen Drachen gegenüber des Eingangs und lässt nach dem Hirsch Ausschau halten, welcher einer Sage nach den Drachen besiegt hat. Später suchen sie alle steinernen Hasen im Grossmünster: den Wartenden, den Ängstlichen oder jenen, der das Weite sucht.

  • Das Zürcher Grossmünster ist eines der prägnantesten Wahrzeichen der Stadt. Es gilt als Ausgangspunkt der Reformation in der Schweiz. (Bild: Gaëtan Bally)

Kunstinteressierte führt Gargiulo zu den Giacometti-Fenstern im Chor. Er hat alles über sie gelesen, auch die Tagebücher des Künstlers aus der Zeit, in der dieser die drei Fenster geschaffen hat. Augusto Giacometti, Cousin des berühmten Malers Giovanni Giacometti, hat die Zürcher Fenster 1933 gebaut, auch in Adelboden und Frauenfeld gibt es Kirchenfenster von ihm.

Als Gargiulo noch Sigrist war, kamen manchmal Touristen ins Grossmünster und fragten nach den Fenstern Marc Chagalls. Anstatt sie auf ihren Irrtum hinzuweisen und sie direkt hinüber auf die andere Seite der Limmat zu schicken, ins Fraumünster, erzählte er den Besuchern alles über «seine» Fenster. «Ein Tourist hat mir danach gesagt, er habe Chagall gesucht und Giacometti gefunden», erinnert sich Gargiulo.

Die dunklen Farben Giacomettis...

An diesem Morgen scheint die Sonne flach durch die Gassen der Zürcher Altstadt. Sie trifft auf die Gläser Giacomettis, satt bemalt in dunklem Blau, Grün und Rot. Die Fenster, die bis vor wenigen Augenblicken nicht viel mehr waren als ein gedecktes Schimmern im Schatten des Chors, beginnen zu überfliessen. Rote und blaue Punkte breiten sich aus im erhöhten Raum hinter dem Taufstein.

Viele fragen im Grossmünster nach Fenstern von Marc Chagall. Diese hat aber Augusto Giacometti geschaffen. (Bild: Gaëtan Bally)

Mitten drin steht Franco Gargiulo. Lächelt er? Ist er gar ergriffen? Sicher ist: Der Erzähler, der immer zu wenig Zeit hat, sein ganzes Wissen weiterzugeben, schweigt für einen Moment. Die Stille schafft einen perfekten Moment: Gargiulo steht an seinem Lieblingsort, dazu kommt das Aufleuchten der Fenster, über die er so viel weiss.

...und Polkes Farbenspiel

Doch bisher hat man Polke nicht erwähnt. «Sigmar Polke?», fragt Gargiulo und wirbelt fast herum: «Für mich teilt sich die Zeit hier drin in ein Davor und Danach.» Der bekannte deutsche Künstler schuf einen Zyklus von zwölf Fenstern, die in den Seitenschiffen des Grossmünsters eingesetzt sind. Gargiulo erlebte den Entstehungsprozess mit vom Auftrag an den Künstler 2005 bis zur Vollendung des Werks 2009 und dem unerwarteten Tod Polkes im folgenden Jahr.

Der ehemalige Sigrist kommt aus dem Schwärmen nicht heraus, wenn er über diese Fenster spricht. Polke hat einen tiefen Eindruck hinterlassen, künstlerisch und menschlich. «Er verlangte kein Honorar», erinnert sich Gargiulo. Die Fenster gelten als Höhepunkt von Polkes Schaffen, viele Besucher kommen nur ihretwegen. Selbstverständlich bietet Gargiulo eine Führung an, die sich ausschliesslich mit den leuchtenden Kunstwerken befasst.

Herr über Tür und Turm

Im Grossmünster fing für Franco Gargiulo ein neues Leben an. Als Drucker hatte er Schicht gearbeitet, war immer unter Zeitdruck gestanden und hatte wenig von seiner Familie. Als Sigrist konnte er sich die Arbeit freier einteilen. «Die Lebensqualität war viel höher», sagt er. Mit seiner fünfköpfigen Familie zog er von einer grossen Wohnung am Zürichsee in ein kleines Altstadtappartement.

Für Orgelschüler oder Gebetsgruppen schloss er die Tore des Grossmünsters zu jeder Uhrzeit auf und wartete solange, bis sie fertig waren. Währenddessen fegte er den Steinboden oder wischte Staub von den Kirchenbänken: in jeder Hand einen Lappen, zwei Reihen gleichzeitig putzend. «Mir war es wichtig, dass es immer ordentlich ist», sagt er. Dann pickt er einen Plastiklöffel von einer Sitzbank und steckt ihn ein.

Auch heute noch sorgt Franco Gargiulo für Ordnung im Grossmünster, obwohl er pensioniert ist. (Bild: Gaëtan Bally)

Tagelang sass er am Eingang zum Karlsturm und kassierte von Besuchern Eintritt. Die Einnahmen teilten sich die Kirchgemeinde und Gargiulo. «Ich baute ein kleines KMU auf», sagt er und grinst.

Am Fuss der Treppe zum Turm wurde er auch schon verschwörerisch angesprochen: hin und wieder fragten junge Männer oder Frauen, ob sie ausserhalb der Öffnungszeiten den Turm besteigen könnten, um einen Heiratsantrag zu machen. Manchmal arrangierte er es.

Einmal raunte ihm Harald Naegeli, der Sprayer von Zürich, zu, ob er im Treppenaufgang einen Totentanz sprayen könne. Gargiulo schickte ihn mit dem Anliegen zur Kirchenpflege. Nach langem Hin und Her konnte Naegeli das Werk tatsächlich umsetzen.

Touristenmagnet und Reformationsausgangspunkt

Das Grossmünster ist durch die markanten Doppeltürme auf einen Blick zu erkennen. Das über die Stadt Zürich hinaus bekannte Wahrzeichen wurde in den Jahren zwischen 1100 und 1220 erbaut. Huldrych Zwingli war im 16. Jahrhundert Pfarrer im Grossmünster; die Pfarrei gilt als Ausgangspunkt der Reformation in der Schweiz.

Heute ist die Kirche eine beliebte Sehenswürdigkeit. Die jährlichen Besucherzahlen wuchsen von rund 60’000 (1992) auf 600’000 Personen (2022). Die verschiedenen Führungen sind hier buchbar. Franco Gargiulo rät, wer an einer seiner Führungen teilnehmen wolle, solle explizit nach ihm fragen. (dst)

Eine kleine Ahnengalerie

«Durch die Arbeit hier habe ich viel über Kultur gelernt», sagt der frühere Drucker. Er kenne niemanden, der mehr Gottesdienste miterlebt habe als er. Dank der Orgelproben und -konzerte sei ihm das ganze Werk von Johann Sebastian Bach vertraut. In die Geschichte der Reformation hat sich Gargiulo so intensiv eingelesen, dass er sagt: «Ich habe manchmal das Gefühl, ich sei mit Zwingli am Tisch gesessen.»

Rasselnd zieht er den Schlüsselbund aus der Tasche, geht mit schnellen Schritten voran und öffnet die Holztür zur Sakristei. Hier habe schon Zwingli geschrieben, hier würden sich die Pfarrer des Grossmünsters noch heute auf den Gottesdienst vorbereiten. An der Holzwand neben dem Fenster hängen gerahmte Fotografien von ihnen neben- und übereinander.

Eine kleine Ahnengalerie.

Gargiulo weist auf den leeren Platz am unteren Ende der Bilderwand: «Der Nagel für Christoph Sigrist ist bereits eingeschlagen.» Sagt es und lacht.

«Er lernte von der ersten bis zur letzten Stunde»

Der aktuelle Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist hat bereits vor einem Jahr seinen Rücktritt angekündigt. Er gibt sein Amt im kommenden Februar ab (ref.ch berichtete). Der Theologe beschreibt Gargiulo als Sigristen mit Leib und Seele: «Franco lebte seinen Beruf». Ausserdem sei er ein sehr geschätzter, lieber Freund.

Christoph Sigrist kennt ihn als neugierigen Menschen. «Er wollte alles wissen», sagt der Pfarrer. Von seiner ersten bis zur letzten Stunde im Grossmünster habe Gargiulo gelernt. Ein Bild blieb Sigrist in diesem Zusammenhang haften: «Wenn gerade keine Gäste da waren, sah ich ihn oft am Tischlein beim Aufgang zum Turm sitzen und Fachbücher über das Grossmünster lesen.»

Zeitreise im Keller

Der Rundgang mit Franco Gargiulo dauert schon zweieinhalb Stunden. Alles, was er erzählt, scheint nur das Vorwort zu einem Buch zu sein, das er wahrscheinlich doch nie schreiben wird.

Eine letzte Anekdote will er noch mitgeben. Sie spielt in der Krypta, dem ältesten und tiefstgelegenen Teil der Kirche. Er hatte von dort Stimmen vernommen, doch im Raum brannte kein Licht. Gargiulo stieg hinab, um der Sache auf den Grund zu gehen. Ganz hinten sassen Menschen nahe beieinander und beteten. «Eine Szene wie aus dem Mittelalter», erinnert sich der Sigrist.

Als er die Gruppe ansprach, stellte sich heraus: Es waren Besucher aus Amerika, Nachfahren von Täufern mit Schweizer Nachnamen. «Sie hatten sich auf das Grossmünster vorbereitet. Es bedeutete ihnen viel, hier zu sein», erzählt Franco Gargiulo und fügt versonnen an: «Sie kannten sich wirklich aus.»