«Naegeli und der Tod nehmen keine Rücksicht auf Regeln»

Der Graffiti-Künstler Harald Naegeli sprayte seinen Totentanz im Zürcher Grossmünster auf nicht autorisierte Flächen. Für Christoph Sigrist, Pfarrer des Grossmünsters, gehört diese Grenzüberschreitung zum anarchischen Charakter Nägelis. Sigrist will nun zwischen Künstler und Behörden vermitteln, wie er im Interview sagt.

Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster in Zürich. (Bild: zvg)

Herr Sigrist, der Künstler Harald Naegeli hat bei seinen Sprayereien im Grossmünster über die abgemachten Flächen gesprayt. Wie gross ist die Aufregung bei Ihnen?
Die ist gar nicht vorhanden, weil dies eine Sache zwischen dem Kanton Zürich und dem Künstler ist. Wir als Kirche nehmen eine vermittelnde, diakonische Rolle ein, wie wir es schon seit 500 Jahren tun.

Wie soll es nun im Fall Naegeli weitergehen?
Künstler und Kanton sollen sich zum Gespräch treffen und sich dabei Ehrlichkeit zumuten.

In der Sakristei des Grossmünsters steht das Zwingli-Zitat «Tut um Gottes Willen etwas Tapferes» an der Wand geschrieben. Hat Naegeli mit seiner Aktion etwas Tapferes getan?
Ich interpretiere Tapferkeit anders. Grenzüberschreitungen zählen zu Herrn Naegelis Charakter. Dieses anarchische Element gehört sowohl zu Naegeli als auch zum Tod. Auch der nimmt keine Rücksicht auf Regeln, Ordnung und den Willen des Menschen.

Nimmt in Ihren Augen das Grossmünster durch Naegelis illegale Aktion Schaden?
Nein. Wenn man von Schäden überhaupt sprechen will, dann sind es eher einige Touristen, die sie verursachen. Manche wissen ja gar nicht mehr, wie man sich im Kirchenraum anständig bewegt und essen beispielsweise in den Kirchenbänken.

Sind Sie Herr Nageli eigentlich bei seiner Arbeit am Grossmünster begegnet?
Nein. Der Zufall wollte es, dass wir uns immer verpassten. Aber ich denke, das ist Herrn Naegeli recht. Er will ja unsichtbar als Künstler bleiben. Sichtbar soll seine Kunst sein.