Quereinsteiger kommen finanziell an ihre Grenzen
Für den zweifachen Familienvater Adrian Hartmann war es nicht einfach, sein Theologiestudium zu finanzieren. Mittlerweile befindet sich Hartmann im sechsten und somit eigentlich letzten Semester des Ithaka-Lehrgangs, der sich an Personen richtet, die an der theologischen Fakultät der Universität Bern Theologie als verkürztes Zweitstudium absolvieren. «Hätte ich nicht von meinen Eltern einen Erbvorbezug von 150'000 Franken erhalten, hätte ich mir das nicht leisten können», sagt er.
Hartmann findet es schade, dass das Theologiestudium fast an mangelndem Geld gescheitert ist. Er selbst hat zuerst Geschichte, russische Sprach- und Literaturwissenschaft sowie Staatsrecht studiert und danach in einer Nichtregierungs-Organisation gearbeitet. «Ich bin sehr religiös aufgewachsen. Mit der Zeit kam bei mir der Wunsch auf, Theologie zu studieren», sagt Hartmann.
Insgesamt drei Jahre dauert der Ithaka-Studiengang im Minimum. Danach müssen die Studierenden zusätzlich ein 14-monatiges Lernvikariat absolvieren. «Das Studium in drei Jahren durchzuziehen, ist selbst für Leute ohne Familie fast unmöglich», sagt Hartmann. Von den sechs Studierenden, die mit ihm begannen, sei nur noch einer im Zeitplan. Alle anderen müssten das Studium verlängern, so auch er selbst.
Vor Studienbeginn habe er sich bei der Landeskirche nach allfälliger finanzieller Unterstützung erkundigt. «Ich hätte ein Stipendium bekommen, wenn wir unseren Lebensstandard auf Sozialhilfe-Niveau hinuntergeschraubt hätten – als vierköpfige Familie auf ein Jahreseinkommen von maximal 50'000 Franken.» Das sei für sie aber nicht infrage gekommen, zumal ihr Jahreseinkommen als Doppelverdiener damals über 100'000 Franken betrug. «Als junger Student wäre das natürlich kein Problem gewesen. Aber als Familienvater hat man mehr finanzielle Verantwortung.»
Hartmann hätte sich einen anderen Finanzierungs-Weg erhofft: Ein zinsloses Darlehen. «Das hätte mir sehr geholfen. Da die Jobaussichten nach Studienabschluss sehr gut sind, wäre das Zurückzahlen wohl kein Problem gewesen», ist er überzeugt. «Gerade in Zeiten, in denen man händeringend nach Pfarrpersonen sucht, sollte die Kirche unbedingt solche Darlehen anbieten.» Dann könnten sich auch theologisch Interessierte mit Familie ein Studium erlauben, die nach jahrelanger Berufstätigkeit ihren Lebensstandard nicht plötzlich auf ein Minimum einschränken wollten. «Ithaka und Quest richten sich als Zweitstudium ausdrücklich an Akademikerinnen und Akademiker mit mehreren Jahren Berufspraxis – das sind in der Regel nicht Leute, die am Existenzminimum leben.»
Um das Studium zu finanzieren, versuchen viele Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger nebenbei zu arbeiten. Doch das ist alles andere als einfach. «Nach dreieinhalb Jahren habe ich vor kurzem meinen Job aufgeben müssen», sagt etwa Anna Hemme-Unger. Die 39-jährige verheiratete Mutter eines Teenagers hat im Jahr 2020 mit dem Quest-Studium angefangen. Vorher arbeitete sie an der Schweizer Börse und zuletzt in einer Kirchgemeinde. «Ich bin überzeugt: Will man das Studium seriös betreiben, liegt ein Job nicht drin.» Einige ihrer Kommilitoninnen würden zwar arbeiten. Bei diesen würde das Studium dann aber wesentlich mehr als drei Jahre dauern.
Natürlich könne man auch nur gerade so viel lernen, dass man die Prüfungen bestehe. «Ich bezweifle aber, ob man dann als Pfarrerin oder Pfarrer das nötige und auch tiefgründige theologische Rüstzeug hat, um eine gute Predigt zu halten», sagt Anna Hemme-Unger.
Manchmal beneide sie diejenigen, die das reguläre Studium absolvieren. «Ich sehe oft junge Theologiestudierende, die stundenlang untereinander oder mit der Professorenschaft über Gott und die Welt diskutieren können», sagt sie. Ihr fehle die Zeit dafür. «Diese Zeit finde ich äusserst wichtig, um eine eigene Theologie entwickeln zu können.» Eine inhaltlich starke und gleichzeitig für alle verständliche Theologie sei aber notwendig für eine Kirche, die schon um jedes ihrer Mitglieder kämpfen muss.
Dass die Finanzierung für viele Quest-Interessierten eine Rolle spielt, kann Ursula Vock, Beauftragte für die Pfarr-Ausbildung bei der Arbeitsstelle Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer (A+W), bestätigen. Oft seien Quest-Studierende bis anhin sehr gutverdienend gewesen und trügen auch finanzielle Verantwortung für Familien, die einen entsprechenden Standard gewohnt sind. «Mit maximal 30 Prozent Erwerbs- und/oder Familienarbeit ist das Quest-Studium in drei Jahren machbar», sagt sie. Viele würden teilzeitlich weiter auf ihrem ursprünglichen Beruf arbeiten – dadurch verlängere sich aber tendenziell das Studium.
Immerhin bezahlt ist das einjährige Lernvikariat, das mit 3250 Franken pro Monat brutto sowie Kinderzulagen entschädigt wird. Es wird im Anschluss an das Studium absolviert.
Wer sich in Zürich das Quest-Studium nicht leisten kann, hat immer die Möglichkeit, zwei Stiftungen um Stipendien anzufragen – dann tritt die Zürcher Kirche subsidiär ein, falls Lücken vorhanden sind. «Alle mit einem Nachweis von zu wenig Geld erhalten nach transparenten Kriterien Stipendien», sagt Thomas Schaufelberger, Leiter von A+W.
Hat sich für Familienvater Adrian Hartmann auch ohne eine solche Unterstützung die grosse Investition in das Studium gelohnt? «Auf jeden Fall!», sagt er. «Mit 40 nochmals zu studieren, ist ein riesiges Privileg.» Er freue sich auf das weitere Studium, das Lernvikariat und darauf, danach als Pfarrer in einer Kirchgemeinde arbeiten zu können.