Kirchenzukunft

Ein Fachkräftemangel ohne Grenzen

Der Pfarrmangel verschärft sich in den nächsten Jahren gewaltig. Ländliche Kirchgemeinden spüren das Problem stärker als städtische – aber nicht mehr lange. Wie gehen betroffene Gemeinden damit um?

Der Personalmangel verschärft sich: Vor allem ländliche Kirchgemeinden, im Bild die reformierte Kirche von Jenaz im Prättigau, haben Mühe, Pfarrstellen zu besetzen. (Bild: Keystone)

Anita Kasper-Niggli, Präsidentin der reformierten Kirchgemeinde Jenaz/Buchen, ist erleichtert. Am 1. Mai 2023 wird ein neuer Pfarrer seine Stelle antreten. Zwei Jahre lang musste Kasper-Niggli suchen, bis sie fündig wurde. Unermüdlich telefonierte sie, stellte möglichen Kandidatinnen die Kirchgemeinde vor und verbreitete das Stelleninserat.

«Es war harte Arbeit», sagt Kasper-Niggli. Neben der Suche nach Bewerbern organisierte sie Beerdigungen und war für die Verwaltung zuständig. Hinzu kam die Umsetzung der Corona-Massnahmen – alles Aufgaben, die Kasper-Niggli neben ihrem Job erledigte.

Die Gemeinde zwischen Landquart und Davos im Bündner Prättigau mag ein krasses Beispiel bilden, eine Ausnahme aber dürfte sie nicht sein. Eine zweijährige Vakanz einer Pfarrstelle könnte in vielen Kirchgemeinden bald Realität sein. Zu viele Pensionierungen und zu wenig Nachwuchs führen zu einem akuten Mangel an Pfarrpersonen. Gemäss der Zürcher Landeskirche haben sich die Vakanzen in den letzten sieben Jahren schweizweit mehr als verdoppelt. Um den Pfarrmangel zu entschärfen, sind immer mehr pensionierte Pfarrpersonen noch im Amt – ihre Zahl hat sich seit 2015 fast vervierfacht.

Jetzt steht zur Debatte, das Theologiestudium zu vereinfachen (ref.ch berichtete). Eine Idee, der Kasper-Niggli nicht abgeneigt ist. «Es ist eine strenge Ausbildung. Das sagen auch die Pfarrer selbst.» Sie fragt sich, ob ein solch anspruchsvolles Studium noch nötig ist. Gleichzeitig sei die Ausbildung wichtig, um theologische Inhalte in die heutige Zeit zu übersetzen, betont Kasper-Niggli.

Ein komplexer Trend

Allein mit einer Vereinfachung des Theologiestudiums wären jedoch die Probleme der Kirchgemeinde Jenaz/Buchen nicht gelöst. Die Suche nach einer Nachfolge erschweren weitere Faktoren, etwa die Tatsache, dass sich Pflichtenhefte kaum flexibilisieren lassen.

«Viele wollen keinen Unterricht mehr geben und keine Konfirmanden betreuen», sagt Kasper-Niggli. Ein Wunsch, den sie allerdings nur bedingt erfüllen kann. «Beim Schulunterricht kann ich etwas entgegenkommen und ein paar Stellenprozente fremdvergeben. Gerade Kinder holt man aber über die Taufe und Konfirmation ab.»

«Damit die Menschen mit ihren Nöten auf die Pfarrperson zugehen, braucht es Kontinuität.»
Anita Kasper-Niggli, Präsidentin der reformierten Kirchgemeinde Jenaz/Buchen

Deshalb sei es von Vorteil, wenn die Pfarrperson einen Bezug zur Schulbehörde habe. Zu ihrer Erleichterung unterrichtet der neue Pfarrer gerne. Dennoch: Grössere Kirchgemeinden mit mehreren Pfarrpersonen können solchen Ansprüchen besser gerecht werden, indem sie Aufgaben nach Präferenzen und auf mehrere Schultern verteilen.

Hinzu kommt, dass sich die kantonalen Zulassungsverfahren unterscheiden. In Graubünden dauert der Prozess laut Kasper-Niggli etwas länger. «Das ist ein gewisses Hindernis für Pfarrpersonen aus dem Ausland.» Einer Bewerberin aus Dresden hätte es in Jenaz gefallen. Die Zusage aus dem Glarnerland kam jedoch schneller, sie nahm die Stelle dort an. Andere Bewerber wollten das obligatorische Vorpraktikum nicht machen, sagt Kasper-Niggli. Ein solches hält sie bei Kandidatinnen aus dem Ausland für zentral, um die Traditionen und Bedürfnisse der Gemeindemitglieder besser kennenzulernen.

Ihr ist anzuhören, wie schwierig sich die Suche nach der neuen Pfarrperson gestaltet hat. «Man hat den Gemeindemitgliedern gegenüber ein schlechtes Gewissen», sagt sie. Die Stellvertreter hätten die Herausforderung gut gemeistert. Ein Vertrauensverhältnis zur Pfarrperson könnten die Kirchenmitglieder unter diesen Umständen aber kaum aufbauen. Damit die Menschen mit ihren Nöten auf die Pfarrperson zugehen, brauche es Kontinuität und Regelmässigkeit, ist Kasper-Niggli überzeugt.

Der Pfarrmangel betrifft bald alle

Momentan spüren ländliche Kirchgemeinden den Pfarrmangel stärker als städtische. «In der Stadt Zürich haben sie nach wie vor kein Problem», sagt Thomas Schaufelberger, Leiter Aus- und Weiterbildung Pfarrschaft der Deutschschweizer Landeskirchen. Das habe auch damit zu tun, dass Partnerinnen der Pfarrpersonen in urbanen Gebieten in der Regel leichter einen eigenen Job fänden als in abgelegenen Gemeinden.

Schaufelberger schätzt aber, dass künftig vermehrt auch Gemeinden in der Agglomeration Mühe haben, Personal zu rekrutieren. Zahlen deuteten bereits darauf hin. «Das war vor fünf oder sechs Jahren noch nicht der Fall.»

«Wir fragen uns, ob wir etwas falsch machen.»
Heinrich Krauer, Präsident der Kirchgemeinde Münchwilen-Eschlikon

Ein Beispiel dafür ist die Kirchgemeinde Münchwilen-Eschlikon im Kanton Thurgau. Sie ist mittelgross, wenige Kilometer von der Stadt Wil und eine halbe Stunde von Winterthur oder St. Gallen entfernt. «Wir sind ein attraktiver Standort», sagt Heinrich Krauer, Präsident der Kirchgemeinde.

Doch seit knapp einem Jahr besteht auch dort eine Vakanz. «Wir haben intensiv inseriert, viel Geld ausgegeben und Gespräche geführt.» Bisher ohne Resultat. Manche der Bewerber brachten die nötige schulische Ausbildung nicht mit oder standen bereits kurz vor der Pension, erklärt Krauer. Jemand habe ihm gesagt, es dauere mindestens ein Jahr, um die Stelle zu besetzen – ein Zeitfenster, das sich bald schliesst. «Wir fragen uns, ob wir etwas falsch machen», sagt Krauer.

Nervös ist er bisher trotzdem nicht. Bis im Juli dieses Jahres gibt es in Münchwilen eine Übergangslösung mit einem Stellvertreter. Zudem arbeiten ein weiterer Pfarrer und eine Diakonin für die Kirchgemeinde. Sie können helfen, die Vakanz zu überbrücken. Damit befindet sich Münchwilen-Eschlikon in einer komfortableren Ausgangslage als die Kirchgemeinde Jenaz/Buchen mit einer einzigen Pfarrperson. Und doch stellt sich Krauer schon jetzt darauf ein, dass es in Zukunft vermehrt zu Übergangslösungen kommt.