«Nemo schafft gesellschaftliche Akzeptanz»
Nemos Sieg am Eurovision Song Contest (ESC) in Malmö ist nicht nur ein Erfolg am grössten Musikwettbewerb der Welt. Die Aufmerksamkeit am Musiktalent und deren Engagement für die Sache der nonbinären Menschen verleiht der Diskussion um Geschlechteridentität, Offenheit und Anerkennung neue Impulse. Auch in der reformierten Kirche macht man sich Gedanken über Non-Binarität.
Michel Müller
Pfarrer Reformierte Teilkirchgemeinde Rigi Südseite
«Dank Nemo erfahren die Leute mehr über das Thema»
Klar ist für mich, dass Nemo bei der queeren Community grosse Freude und Hoffnung auf eine positive Wahrnehmung ausgelöst hat. Einmal mehr stehen deshalb die Kirchen vor der Frage, ob sie die unbedingte Liebe Gottes weiterhin uneingeschränkt verkündigen wollen oder nicht. Die Bruchlinien bleiben dieselben, werden aufgerissen oder, durch die aktuellen Kriege, eher noch tiefer.
So wie ich die reformierte Kirche einschätze, ist sie nicht bereit für das dritte Geschlecht. Sie ist gefangen in theologischen Scheindiskussionen über schöpfungsthelogisch begründete Binarität, bürgerliche Konvention und ihre Staatsnähe.
Den positivsten Effekt auch für die Kirche sehe ich darin, dass die Leute mehr über das Thema erfahren und, weil Nemo eine Sympathieträger:in ist, auch mehr darüber erfahren möchten. Wissen nimmt Angst und schwächt Ideologisierung. Immerhin.
Marc Jost
Nationalrat EVP, Thun
«Für die Kirche ist der Hype nichts Aussergewöhnliches»
Fragen rund um die Geschlechtsidentität werden nach Nemos Auftritt am Eurovision Song Contest breiter und hoffentlich auch vertiefter diskutiert. Wünschenswert wäre, das führt nicht zu mehr Polarisierung, sondern zu einer echten Auseinandersetzung mit dem Thema.
Für die Kirche ist der Hype insofern nichts Aussergewöhnliches, als dass sie immer davon ausgegangen ist, dass jeder Mensch eine unantastbare von Gott verliehene Würde hat, unabhängig von Geschlecht oder Geschlechtsidentität.
Die Frage nach der offiziellen Anerkennung eines dritten Geschlechts betrifft primär weniger die Kirche als die Politik. Dabei wird die Politik die Frage klären, ob ein Geschlechtseintrag weiterhin vom biologischen Geschlecht abhängt oder nicht. Die Kirche hingegen hat den Auftrag, Menschen, welche Fragen um die eigene (Geschlechts-)Identität beschäftigen, einfühlsam zu begleiten und darauf hinzuweisen, dass die wichtigste Identität jene ist, dass wir von Gott, dem Schöpfer geliebte und geachtete Personen sind.
Steph Pfenninger Schait [they/them]
Flughafenseelsorger:in, Kloten
«Nonbinäre Menschen sind bereits Teil der Kirche»
Als nonbinäre Person freue ich mich sehr darüber, dass Nemo den ESC gewonnen und mit dem Auftritt das Thema Nonbinarität ins Bewusstsein vieler Menschen gebracht hat. Dass Nemo versucht, den ESC-Sieg zum Umdenken in der Politik einzusetzen, die die nonbinäre Community zuletzt im Dezember 2022 mit dem Bundesratsentscheid zur Nichteinführung eines dritten Geschlechtseintrags heftig vor den Kopf gestossen hat, begrüsse ich sehr.
Durch Nemos Authentizität und Sympathie zeigt Nemo, dass nonbinäre Menschen zuallererst einfach mal Menschen sind wie alle anderen auch. Das schafft in der Gesellschaft sicher Akzeptanz – sowohl für die nonbinären Menschen an sich als auch für die Anliegen der nonbinären Community.
Erste Spuren davon konnte ich bereits erleben: Ich war am Tag nach dem ESC mit einer mehrheitlich aus Senior:innen bestehenden Gruppe auf einem Ausflug; Nemos Sieg und Nonbinarität waren ein riesiges Gesprächsthema. Die Meinungen waren fast durchweg sehr wohlwollend, es war eine Neugierde zu spüren, mehr zu erfahren.
Eine der Hauptfragen, die sie sich auf kirchenpolitischer Ebene stellt, ist, ob wir beim Thema Nonbinarität ähnlich wie bei der «Ehe für alle» eine Vorreiterinnenrolle einnehmen wollen, oder ob wir mutlos abwarten und der gesellschaftlichen Realität hinterherhinken. Diese Frage stellt sich genau jetzt, wo Nonbinarität in der Gesellschaft breit diskutiert wird, und sie muss schnell beantwortet werden.
Ich plädiere für eine radikale Bereitschaft der Kirche, Geschlechter jenseits der Binarität so schnell als möglich ganz offiziell anzuerkennen. Das wäre ein mutiger wenn auch sicher nicht unumstrittener Schritt. Er müsste von einer vertieften theologischen Auseinandersetzung mit Nonbinarität beziehungsweise überhaupt mit Identitäten jenseits der Cis-Geschlechtlichkeit begleitet werden. Aber es wäre ein Schritt ganz im Sinne des Evangeliums, das insbesondere marginalisierten Menschengruppen Befreiung und volle Teilhabe zusagt.
Parallel dazu könnten sehr schnell kleinere konkrete Schritte zu mehr Inklusion von uns nonbinären Menschen gemacht werden, zum Beispiel indem durchwegs geschlechtsneutrale Anreden verwendet werden und generell auf die Verwendung geschlechtersensibler Sprache geachtet wird, indem kirchliche Mitarbeitende für die verschiedenen Facetten des Themas sensibilisiert und darin geschult werden, wie mit nonbinären Menschen und über nonbinäre Menschen geredet werden kann, ohne dass sich Personen verletzt fühlen.
Die reformierte Kirche ist definitiv bereit für das dritte Geschlecht. Menschen mit einer Geschlechtsidentität jenseit der Binariät sind bereits Teil der Kirche und waren das auch immer schon, sowohl als Mitarbeitende wie auch als Mitglieder. Selbst in biblischen Texten sind Spuren von Geschlechtervarianz zu finden, wenn man erst sorgfältig die Sedimentschichten abträgt, die sich während Jahrhunderten von mehrheitlich cisheteronormativ geprägter Bibelauslegung über den Texten abgelagert haben. Und letztlich ist ja auch Gott selbst weder weiblich noch männlich, steht also jenseits der Geschlechterbinarität. Was bitte soll uns da noch daran hindern, nonbinäre Menschen als vollwertige Geschöpfe Gottes anzuerkennen, zumal wenn wir behaupten, wir Menschen seien Abbilder Gottes?