Geschlechtsidentitäten in der Kirche

«In Zürich ist die queere Theologie in-existent»

Rhea Dübendorfer ist non-binär – fühlt sich also weder ausschliesslich als Frau noch als Mann. Die Kirche müsse sich noch stärker wandeln, um auch queere Personen abzuholen, meint Dübendorfer.

Das Bedürfnis nach Spiritualität und Ritualen ist auch in der queeren Gemeinschaft gross, sagen queere Gläubige. Im Bild zu sehen: Eine Trauung eines gleichgeschlechtlichen Paares in einer Zürcher Kirche. (Bild: Gaëtan Ball/ Keystone)

Rhea Dübendorfer, wie erleben Sie als non-binäre Person die Kirche?
In der Kirche zu wirken und queer zu sein, ist noch immer ein ziemlich grosser Spagat. Im Moment ist die Abwehrhaltung in der queeren Community grösser, wenn ich sage, dass ich Theologie studiere, als die Abwehrhaltung in der reformierten Kirche, wenn ich sage, dass ich queer bin.

Worauf führen Sie das zurück?
Das hat damit zu tun, dass viele queere Menschen in ihrer religiösen Heimat Verletzungen erlebt haben und die Kirche nicht für sie da ist. Selbst wenn sie toleriert sind, wird ihrer Queerness kein Raum gegeben. Deshalb suchen queere Menschen anderswo nach Spiritualität. Das kann ich nachvollziehen. Ich bin immer noch Kirchenmitglied und traue der Kirche Positives zu. Sie muss aber eine Theologie entwickeln, die sich nicht nur an Männern und Frauen orientiert, die sich in der vorherrschenden Geschlechter- und Beziehungstradition zu Hause fühlen.

Wie kann das gelingen?
Aktuell werden in der Kirche Gefässe geschaffen, wie zum Beispiel das LGBTQI-Pfarramt in Zürich. Ich finde es zudem wichtig, dass immer mehr Kirchen Pride-Gottesdienste oder Namensfeiern für trans Personen organisieren. Es reicht aber nicht, wenn nur eine oder zwei Personen in Zürich für alle queeren Menschen mit spirituellen Bedürfnissen in der Schweiz da sind. Da ist ein Burnout vorprogrammiert. Zudem haben viele queere Personen keinen Zugang zu diesem Angebot, weil der Weg zu weit und die Zugtickets zu teuer sind.

Sie sagen, Sie begrüssen Stellen wie ein Spezialpfarramt. Führen Angebote wie dieses, das spezifisch für queere Menschen geschaffen ist, nicht dazu, dass konservative und liberale Kirchgemeinden auseinanderdriften?
Auch wenn das so ist: Dank dieser Gefässe sind queere Menschen nicht mehr von der Kirche ausgeschlossen. Diese Anlaufstellen bilden eine Grundlage, damit ein Dialog entstehen kann. Die Leute sind wegen des Glaubens in der Kirche, unabhängig ihrer politischen und ethischen Ansichten. Dank eines gemeinsamen Vokabulars kommen sie ins Gespräch. Mir hat das geholfen, Verständnis dafür zu entwickeln, weshalb jemand etwas komplett anders sehen kann als ich.

Zur Person

Rhea Dübendorfer wuchs im Zürcher Unterland mit dem Gefühl auf, anders zu sein. In der Heavy-Metal-Szene fand Dübendorfer eine erste Heimat, weil viele Fans dieses Gefühl teilten. 2014 beginnt Dübendorfer ein Theologie-Studium an der Universität Zürich. 2019 outete sich ein*e Freund*in Dübendorfers als non-binär – ein Gedankenprozess setzte ein. Was macht Weiblichkeit aus? Und entspricht die Kategorie «Frau» dem Selbstverständnis? «Ich feiere, was ich an mir als weiblich empfinde, aber ich bin nicht nur das», sagt Rhea Dübendorfer. Während eines Zoom-Meetings im Sommer 2021 findet Dübendorfer keine passenden Pronomen für sich und bezeichnete sich zum ersten Mal als non-binär.

Im eigenen sozialen Umfeld legt Rhea Dübendorfer Wert darauf, dass die Leute sensibilisiert sind und ein gewisses Mass an Verständnis haben. Auch in der Kirche outet sich Dübendorfer konsequent. Ein Doppelleben als Pfarrperson käme für Dübendorfer nicht infrage. Bei der Arbeit in der Gastronomie und im Detailhandel verzichtet Dübendorfer hingegen darauf, sich zu outen. Alle tragen dieselbe Kleidung und verrichten dieselbe Arbeit. «Und ich kann nicht jedem Kunden sagen, dass er mich nicht Fräulein nennen soll», sagt Rhea Dübendorfer. «Alle paar Monate kommt es dafür vor, dass mich jemand Monsieur nennt, dann bin ich wieder glücklich.» (pef)

Sie studieren an der Universität Zürich Theologie. Werden Geschlechtsidentitäten dort thematisiert?
Bei uns nicht. Durch den Austausch mit Theologiestudierenden aus Basel und Bern habe ich den Eindruck, dass Bern diesbezüglich am weitesten ist. Dort gibt es Veranstaltungen, an denen über Gender und Queerness gesprochen wird. In Basel ist es im Theologiestudium Pflicht, einige Kurse in Genderstudies zu absolvieren. In Zürich ist die queere Theologie in-existent. Weshalb das so ist, weiss ich nicht.

Wie begegnen Mitstudierende Ihnen?
An der Uni bin ich geoutet. Ich habe aber nicht den Anspruch, mit allen gesprochen zu haben. Ich merke, ob jemand offen auf mich zukommt oder einen grossen Bogen um mich macht.

Sie lachen. Dabei sind solche Begegnungen bestimmt nicht immer einfach ...
Mir hat noch nie jemand gesagt: Was du machst, ist falsch. Auch Professorinnen und Professoren haben immer respektvoll reagiert und mich zum Beispiel danach gefragt, wie sie mich richtig ansprechen können. Aber sich zu outen braucht jedes Mal wieder Mut und Nerven. Es bedeutet, exponiert zu sein.

«Da ist nicht männlich und weiblich...»

Am 31. Oktober findet in Bern die Frauenkonferenz der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz zum Thema Geschlechtsidentitäten statt. Andrea Coduri und Liliane Rudaz erklären, worum es bei Geschlechtsidentitäten überhaupt geht. Danach nähert sich die queere Pfarrerin Irène Schwyn dem Thema aus theologischer Perspektive. Mit Elisha Schneider kommt eine non-binäre Person zu Wort, die sich in der Kirche engagiert. Schliesslich können sich die Gäste in Kleingruppen austauschen. Ein Besuch der Ausstellung «Queer – Vielfalt in unserer Natur» im Naturhistorischen Museum Bern rundet das Programm ab.

Junge Menschen studieren häufig Medizin, Jura, Politikwissenschaften. Was hat Sie von einem Theologiestudium überzeugt?
Mein Vater hat auf dem zweiten Bildungsweg Theologie studiert. Ich habe bei ihm gesehen, dass Theologie alle Bereiche vereint, die mir Spass bereiten: Geisteswissenschaften, Pädagogik, Soziales und die Reflexion über den Glauben. Ob ich auch ohne ihn diese Wahl getroffen hätte, weiss ich nicht. Glaube war in unserer Familie immer etwas sehr Intimes und Privates. Ich war der Überzeugung, das frommste Mitglied der Familie zu sein, und war überrascht, als mein Vater das Studium begann.

In der Schweiz wollen immer weniger Menschen als Pfarrperson arbeiten. Was reizt Sie am Beruf?
Mich begeistert am Profil, Menschen ganzheitlich zu begleiten, von der Taufe bis zur Beerdigung. Mein Seelsorge-Praktikum in einem Spital hat mich darin bestärkt. Es ist eine Art, für Leute da zu sein, die mir sehr zusagt. Ich gehöre auch zum Seelsorge-Team des Greenfield-Festivals, eines Open-Airs. Ein Festival ist ein Ort der Emotionen. Viele Leute haben die Erwartung, ihr bestes Wochenende des Jahres zu erleben und merken dann, dass sie ihre Alltagssorgen nicht vergessen können. Plötzlich besteht Redebedarf. Dann ist es gut, dass es uns gibt. Genau das macht Kirche für mich aus: Sie soll dorthin gehen, wo die Leute in ihrer Lebensrealität sind, und für die Menschen da sein.

Erfüllt die Kirche diesen Anspruch?
Im Moment wird in der Kirche noch häufig über marginalisierte Menschen gesprochen. Entweder geht es darum, wie schwer sie es haben oder ob ihre Forderungen legitim sind. Mit den Betroffenen wird aber sehr wenig gesprochen. Die Leute müssen vielmehr aktiv einbezogen werden. Es studieren beispielsweise mehr Frauen als Männer Theologie, in höhere Positionen schaffen es aber immer noch mehr Männer. Das ist ein Ungleichgewicht. Wichtig wäre die Bereitschaft, zu akzeptieren, dass auch eine queere Person, eine dunkelhäutige Person oder eine Person mit einer Beeinträchtigung Vorgesetzte sein kann.