Bischöfin Mariann Budde in der Nahaufnahme

Die Unbequeme

Die anglikanische Bischöfin Mariann E. Budde ist zur Heldin wider Willen geworden. Wer ist die Theologin, die sich in einer Predigt mutig gegen den US-Präsidenten Donald Trump stellte? 
Eine Frau mit Haltung: Mit ihrer Predigt anlässlich der Amtseinsetzung von US-Präsident Donald Trump erlangte die Washingtoner Bischöfin Mariann Budde weltweite Bekanntheit. (Bild: Evan Vucci/ Keystone/AP)

Ist Mariann Edgar Budde eine neue Jeanne d’Arc? Eine königliche Esther oder furchtlose Judith? Ein weiblicher David, der den Kampf gegen einen übermächtigen Goliath aufnimmt? Die mittlerweile weltbekannte Begegnung der anglikanischen Bischöfin mit dem neu eingesetzten US-Präsidenten Donald Trump vom vergangenen Januar gleicht tatsächlich dem Stoff, aus dem Legenden gemacht sind. Denn in der grossartigen gotischen Washington National Cathedral standen sich zwei Menschen gegenüber, die verschiedener nicht sein könnten: Eine kleine zierliche Frau wendet sich an einen grossen korpulenten Mann. Ihr offener Blick trifft auf zugekniffene, ausweichende Augen. Ihre kritischen, aber respektvollen Worte führen zu einer Flut unanständiger Beleidigungen. Die Theologin, für die Nächstenliebe die wichtigste Botschaft Christi ist, steht vor einem Politiker, der die eigene Macht als «Willen Gottes» deutet. 

Mariann Budde selbst will keine Heldin sein. Das hat sie in den letzten Wochen und Monaten gegenüber Medien immer wieder klargestellt, und das hat sie auch in ihrem Auftritt am evangelischen Kirchentag in Hannover deutlich gemacht (ref.ch berichtete). Sie habe getan, was zu tun war; gesagt, was gesagt werden musste. Die leidenschaftlichen Reaktionen, die positiven wie die negativen, widerspiegelten vor allem das gereizte Lebensgefühl der Menschen. Die Bischöfin sagt über den viel diskutierten Gottesdienst: «Für mich war es eine theologisch klare, fast unspektakuläre Predigt. Doch die Zeit, in der wir leben, hat sie aufgeladen – hat sie grösser gemacht, als ich es je gedacht hätte.»*

Liebet eure Feinde

Es stimmt, thematisiert wurden an Donald Trumps Amtseinsetzungsfeier klassische christliche Werte wie Einigkeit, Bescheidenheit, Ehrlichkeit und die Anerkennung der Würde aller Menschen. Mariann Budde erinnerte an die wichtige Botschaft der Bergpredigt, wo es heisst: «Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen» (in Matthäus 5,44). 

Spektakulär, oder zumindest auffallend, war höchstens, wie klar die Predigerin auch die Kehrseite der christlichen Glaubensideale benannte: Einigkeit meine den offenen Umgang miteinander, sagte sie. Einigkeit bedeute nicht absolute Übereinstimmung oder Gleichschaltung und schon gar nicht den Sieg über Andersdenkende. Wer die Würde eines jeden Menschen respektiere, könne Menschen nicht verspotten und verleumden. Bescheidenheit verbiete die anmassende Zweiteilung der Welt in Gut und Böse. Ehrlichkeit verlange bei der Wahrheit zu bleiben, auch wenn sie etwas koste. Ohne Personen oder Parteien beim Namen zu nennen, wurden auf diese Weise die moralischen Schwachstellen des wiedergewählten Präsidenten entblösst. 

Mariann Budde predigte gegen eine «Kultur der Verachtung» – und wurde deswegen von einem Teil der USA verachtet und wüst beschimpft. Rechtskonservative Christen dämonisierten ihre Glaubensgenossin gar als «Hexe» und «Werkzeug des Teufels». Sie sei der beste Beweis dafür, dass Frauen prinzipiell nicht Bischöfinnen werden sollten. 

Auf seiner Plattform «Truth Social» textete Donald Trump: «Diese sogenannte Bischöfin ist eine radikal-linke Trump-Hasserin. Sie hat ihre Kirche auf äusserst rüde Art in die Welt der Politik gebracht.» Das sagt ausgerechnet der Mann, der das Christentum erst für sich selbst entdeckte, als ihm die Nützlichkeit der Religion für die eigene Machtkonsolidierung klar wurde. 

Sie fühlte das Gewicht

Dass das Verhältnis von Religion und Politik nie spannungsfrei ist, weiss Mariann Budde aus eigener Erfahrung. Denn die National Cathedral, in der sie seit 2011 als erste Frau das Bischofsamt innehat, ist zwar keine Staatskirche im traditionellen Sinne, sondern eine finanziell unabhängige religiöse Institution. Doch mit Sitz in der Regierungshauptstadt Washington DC und mit ihrer eindrücklichen Architektur dient sie de facto als nationale ökumenische Gebetsstätte.

Hier hielt der Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King am 31. März 1968 seine letzte Predigt, fünf Tage vor seiner Ermordung. Hier wurde nach den Terroranschlägen vom September 2001 eine Gedenkfeier abgehalten. Hier finden wichtige Staatsbegräbnisse statt. Zuletzt am 9. Januar 2025 als Expräsident Jimmy Carter verabschiedet wurde. Nur zwölf Tage später, am 21. Januar, würdigte Bischöfin Budde die Amtseinsetzung von Donald Trump wie üblich mit einem Gottesdienst.

Bischöfin Budde wusste seit dem letzten Sommer, dass sie an diesem Anlass predigen würde – egal wer die Wahl gewinnt. Sie war sich bewusst, dass sie zu einer mächtigen Gruppe von Leuten sprechen würde. Sie fühlte das Gewicht und die Verantwortung dieser Aufgabe. Aber sie beugte sich nicht dem unausgesprochenen Wunsch des politischen Establishments, rein zeremoniell die spirituelle Krönung einer demokratischen Wahl vorzunehmen. 

«Wenn ich predige, erwarte ich nicht, dass alle mit dem einverstanden sind, was ich zu sagen habe. Es ist meine Aufgabe, Probleme anzusprechen und den Menschen zu helfen, über diese Probleme nachzudenken, im Gebet, theologisch, biblisch, im Rahmen einer Glaubensgemeinde», sagt Mariann Budde.

Es sei für eine Seelsorgerin wichtig zu wissen, was die Leute beschäftigt, wenn sie in die Kirche kommen, und ihre Freuden und Sorgen zu würdigen. Radikal sei das nicht. Denn Jesus sei nicht bloss in die Welt gekommen, fasst Bischöfin Budde zusammen: «Ich glaube fest daran, dass Jesus für die Welt kam. Und es ist die Welt, für die er starb. Wenn wir nicht darauf achten, was ausserhalb unserer unmittelbaren Umgebung passiert, ist das eine Ablehnung der Welt, die Gott so sehr liebt.» 

Mutig sein

Mariann Edgar Buddes Weg zu diesem weltzugewandten Glauben ist so verzweigt wie das Leben selbst. Ihre eigene Familie war nicht besonders religiös. Eine Freundin lud sie im Teenageralter in ihre Kirche ein, die alle aufforderte, «Jesus im Herzen zu empfangen». Die junge Mariann fühlte sich akzeptiert, sicher.

«Ich liebte die Musik. Ich liebte die Menschen. Sie gaben mir Erdung, als mein Familienleben in grossen Schwierigkeiten steckte.» Bald schon stiess sich Mariann Budde an der engen Leseart der Bibel in dieser vermutlich evangelikalen Kirche. «Ich wollte einen Ort, an dem Zweifel und Komplexität und die Vielfalt der menschlichen Erfahrung anerkannt und sogar gefeiert werden.»

Sie fand ihre spirituelle Heimat in der anglikanischen Kirche, die ein umfassenderes und grosszügigeres Verständnis von Gott und der Welt erlaubte. Das habe einfach besser zu ihr gepasst, sagt sie. 1989 erhielt Mariann Budde die Priesterweihe. Sie wirkte achtzehn Jahre lang als Gemeindepfarrerin in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota, bevor sie 2011 ihren einflussreichen Posten als Bischöfin der Episkopalischen Diözese Washington antrat, der 86 Kirchen der Region unterstehen.

Dass sie hier oft im Zentrum von politischen Stürmen stehen würde, nahm sie mit Gelassenheit hin. «Es ist nirgends gesagt, dass eine Christin nicht politisch engagiert sein kann», sagt sie. «Die Heilige Schrift lehrt uns, wir sollen Acht geben auf die Probleme, welche das Allgemeinwohl betreffen.»

Als Bischöfin Budde gegen Ende ihrer Amtseinsetzungspredigt Präsident Trump direkt ansprach und sagte: «Im Namen unseres Gottes bitte ich Sie, Erbarmen zu haben mit all den Leuten in unserem Land, die jetzt Angst haben», dachte sie keinen Moment, sie könnte ihn direkt umstimmen.

Sie wollte vielmehr diejenigen Menschen sichtbar machen, die von der neuen Regierung erbarmungslos verfolgt werden: die Sans-Papier, die LGBTIQ-Gemeinde, ungewollt schwangere Frauen, politische Dissidenten… Sie wollte hinweisen auf die Pflicht zur Gnade, zu der wir alle aufgerufen seien, vor allem aber diejenigen, welche Macht ausüben.

Die Arbeit an ihrem Buch «Mutig sein» (deutsche Übersetzung soeben erschienen) habe sie noch einmal in ihrem Glauben an Gott und die Menschen gestärkt, sagt Mariann Budde: «Im Universum gibt es eine Kraft, welche letztendlich gut ist. Die wir anzapfen können und die uns ermächtigt». 

Und die Heldin wider Willen fährt fort: «Ich glaube, dass dies das Leben im Glauben ist. Aber man muss keinem bestimmten Glauben angehören, um darauf zu vertrauen, dass uns Menschen die Fähigkeit gegeben ist, Liebe, Güte und Stärke in unser eigenes Leben und in die Welt zu lenken.» 

*Redaktioneller Hinweis: Die Zitate in diesem Mariann Budde Portrait stammen aus der Wochenzeitung «Die Zeit», dem ökumenischen christlichen Magazin «Sojourners», dem US-amerikanischen Wochenmagazin «The New Yorker» und der US-Monatszeitschrift «Washingtonian». 

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