Krieg in der Ukraine
Sie fordert, dass alle Staatenlenker Europas mit Putin auf dem Roten Platz verhandeln
Frau Kässmann, die weltpolitische Lage ist alles andere als sicher. Wie lässt es sich da von Frieden sprechen?
Lassen Sie mich ausholen: Ich bin als Deutsche aufgewachsen mit Eltern, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben im Volk der Täter. Beide meiner Elternteile haben ihre Väter und ihre Heimat an den Krieg verloren. In meiner Kindheit war klar, es ist alles zu tun, um Krieg zu verhindern. Aufrüstung ist wieder in aller Munde. Das belastet mich. Wir brauchen nicht mehr Rüstung, wir brauchen Frieden. Dazu gehören Abrüstungsverhandlungen.
Sie haben sich dezidiert gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen, die seit viereinhalb Jahren gegen Russland kämpft. Haben Sie Ihre Meinung unterdessen geändert?
Im Gegenteil. Meine Position hat sich verstärkt. Die ganzen Waffenlieferungen sind keine Investitionen in eine Wertschöpfungskette, sondern dienen der Zerstörung. Hier ein Kilometer gewonnen, da einer verloren. Es wird immer schlimmer. Die Menschen in der Ukraine tun mir unendlich leid. Der Aggressor ist Russland, das muss man so klar benennen. Aber wir müssen einen anderen Weg finden, diesen Krieg zu beenden.
Welchen?
Es braucht eine neue Strategie. Das könnte eine massive diplomatische Initiative sein. Alle Staatenlenker ganz Europas sollten nach Moskau fahren, sich auf den Roten Platz setzen und zu Putin sagen: «Wenn du nicht verhandelst, fliege ich nicht zurück.» Ich habe einmal einen Film gesehen über Frauen in Liberia, «pray the devil back to hell» hiess der, in Deutsch «bete den Teufel zurück in die Hölle». Die Frauen haben die Männer so lange in einem Hotel blockiert, bis sie verhandelt und ein Friedensabkommen geschlossen hatten. Da kann man drüber lächeln, aber es hat funktioniert.
Mit Verlaub: Der Vergleich hinkt und scheint etwas naiv.
Wer definiert, was naiv ist? Ich finde es auch naiv, zu meinen, Konflikte mit Waffen lösen zu können. Natürlich stecken wir in einer weitaus komplexeren Situation und ich habe keine Lösung für den Krieg in der Ukraine, ausser dass ich sage, es braucht mehr Diplomatie. Vielleicht ist der Vergleich weithergeholt. Aber welche europäische Delegation hat in Moskau verhandelt? Wir lassen Trumps Schwiegersohn hinfahren. Es gibt auch keine Kontakte mehr zur russischen Zivilgesellschaft, obwohl sie teilweise Widerstand leistet. Alle haben Angst, weil Putin ein repressives Regime leitet. Das gilt auch für die Kirchen, dabei könnten die mit Gemeinden in Kontakt kommen.
Margot Kässmann hat in Tübingen evangelische Theologie studiert. Von 1999 – 2010 war sie evangelisch-lutherische Bischöfin in Hannover, zwischen 2009 und 2010 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und von 2003 bis 2010 Präsidentin der deutschen Vereinigung der Kriegsdienstverweigerer. Sie ist Autorin mehrerer Bücher.
Kässmann war verheiratet, nun lebt sie seit vielen Jahren mit ihrer Jugendliebe in einer Partnerschaft. Die 68-Jährige wohnt auf Usedom und in Hannover. Kässmann hat vier Töchter und sieben Enkelkinder. (jow)
Foto: Julia Baumgart
Welche Verantwortung tragen sie?
Die Kirchen haben zum Frieden aufzurufen. Ich kann aus dem Evangelium nichts anderes herauslesen. Jesus hat sich nicht mit Gewalt verteidigen lassen. Menschen sollen sich keine Feindbilder aufdrängen lassen. Das Gegenüber ist immer ein Mensch. Die evangelische Kirche in Deutschland sagt, Pazifismus sei eine Frage der persönlichen Frömmigkeit. Ich sehe das anders und freue mich als Lutheranerin über den Papst, der in seiner letzten Enzyklika sehr klar ist in der Haltung und der versucht zwischen der Ukraine und Russland zu vermitteln.
Für Sie ist es also keine Frage der persönlichen Haltung, Pazifistin zu sein?
Es ist eine persönliche Entscheidung, aber für mich auch eine christliche Haltung. Ein Mann aus Ostdeutschland sagte mir, für ihn fühle es sich fast so an wie ausgebürgert zu werden wegen seiner pazifistischen Einstellung. Ich setze auf demokratische Kräfte, die sagen: «Wir wollen keinen Krieg». In Deutschland müssen junge Männer, die den Wehrdienst verweigern, eine Gewissensprüfung machen. Warum hat der Staat das Recht, deren Gewissen zu befragen, befragt aber nicht auch jene, die den Kriegsdienst leisten wollen? Auch diese jungen Männer müssten ihr Gewissen befreien. Es sind nicht alle Russen Barbaren. Krieg macht Menschen zu Barbaren.
Würden Sie sich eine klarere Positionierung der Kirchen wünschen, zum Beispiel der Evangelischen Kirche in Deutschland, deren Vorsitzende Sie waren?
Ja. Aber ich weiss, dass es im Moment nicht die Mehrheitshaltung ist. Das respektiere ich. Ich denke, die Stimme der Kirche würde gehört werden, wenn sie laut für Frieden plädiert. Denn ich nehme in der Bevölkerung ein grosses Unbehagen war. Meine Physiotherapeutin hat mir kürzlich gesagt, sie wache jeden Morgen auf und denke sich: «Hoffentlich hat kein neuer Krieg begonnen».
Wo liegt für Sie die Grenze der Gewaltlosigkeit?
Gewaltfreiheit heisst nicht, nichts zu tun! Wenn es heisst, die Ukraine sei ohne deutsche Waffenlieferungen ausgeliefert, finde ich das gefährlich. Dann sind wir Kriegspartei. Deutschland hat Europa im letzten Jahrhundert zwei Mal mit Kriegen überzogen. Haben wir daraus keine Lehren gezogen? Müssten wir nicht die grösste diplomatische Kraft Europas sein? Deutschland hat bisher rund 58 Milliarden Euro für militärische Unterstützung der Ukraine beigetragen oder bereitgestellt. Die Rheinmetall-Aktie lag 2022 bei rund 90 Euro, zwischenzeitlich waren es knapp 2000 Euro, aktuell steht sie bei etwas über 1000 Euro. Wir sollten nicht unterschätzen, was für ein Wirschaftsfaktor Rüstung in Deutschland inzwischen ist. Da sind Interessen am Werk. Gleichzeitig wird Wohngeld ebenso wie Unterhaltsvorschuss gestrichen. Dass sich Unmut breitmacht in der Bevölkerung, kann ich verstehen.
Damit arbeiten auch Parteien wie die «Alternative für Deutschland» (AfD), die in Sachsen-Anhalt die Mehrheit geholt hat. Der Aufstieg dieser Partei scheint unaufhaltsam zu sein, und sie trägt nicht dazu bei, den Frieden zu sichern.
In Ostdeutschland sagen viele, wir haben mit Russland ganz gut gelebt, und plötzlich setzt die AfD auf das Friedensthema. Das ist eine Frechheit. Eine Partei, die derartigen Unfrieden sät, die pöbelt und grölt, kann nicht glaubwürdig für Frieden eintreten. Auch die Patriotismus-Geschichten und das völkische Denken sind mir unerträglich. Es ist zutiefst unchristliches Gebaren. Aber die Menschen in Deutschland suchen für ihre Positionen eine politische Option, und die haben die Parteien in der Mitte nicht geboten. Das werfe ich ihnen vor.
Die Schweizer Bevölkerung stimmt Ende Monat ab über die «Neutralitätsinitiative». Wären Sie Schweizerin, würden Sie die Vorlage befürworten oder diese ablehnen?
Nur wer neutral ist, kann in Konflikten vermitteln. In der Konsequenz müsste die Schweiz ihre Rolle wahrnehmen. Neutral zu sein heisst, auf beiden Seiten Vertrauen zu geniessen. Das könnte eine grosse Chance sein. Daher würde ich bei der Vorlage für ein Ja stimmen.
Redaktioneller Hinweis:
Margot Kässmann nimmt vom 18. bis 20. September an der «Schule des Friedens» im Kloster Kappel teil. Mehr Details zur Veranstaltung finden sich hier.
Soeben ist im bene!-Verlag ihr neues Buch erschienen mit dem Titel «Warum ich Pazifistin bleibe», in dem sie beschreibt, warum der Pazifismus für sie alternativlos ist.