Gerontologe übers Älterwerden

«Die Kirche sollte sich als Labor für das Alter verstehen»

Gutes Altern will gelernt sein. Gerade in einer Zeit, in der alle krampfhaft jung sein möchten. Warum er das Alter schätzt, wie er mit dem Tod umgeht und was die Kirche für ältere Menschen tun kann, erzählt Heinz Rüegger, Theologe, Ethiker und Gerontologe, im Interview.

Die Kirche sollte die älteren Mitglieder ermutigen, eine altersgerechte Kultur mitzugestalten. Das findet der Altersforscher Heinz Rüegger. Im Bild: Gottesdienstbesucher in der evangelisch-reformierten Kirche in Thalwil im Kanton Zürich. (Alessandro Della Bella/ Keystone)

Herr Rüegger, wie möchten Sie alt werden?
Ich habe mir vorgenommen, bewusst zu altern, das Leben anzunehmen, so wie es kommt. Ich erkenne das Alter als eine Lebensphase, in der andere Erfahrungen und Einstellungen möglich sind als zuvor. Und ich möchte die Dimensionen des Älterwerdens als Chance wahrnehmen.

Werden Sie gerne alt?
Ja! Im Gegensatz zu dem, was die Gesellschaft oft predigt – nämlich möglichst jung zu bleiben. Das halte ich für ein denkbar schlechtes Rezept. Es bedeutet nur mehr vom Gleichen. Ich denke, es ist vorteilhafter, bewusst die eigene Rolle und Einstellung zum Leben zu reflektieren. Ich will ein älterer Mensch sein und herausfinden, wie sich das anfühlen kann und welche Chancen sich bieten.

Zur Person

Heinz Rüegger (Jg. 1953) ist Theologe, Ethiker und Gerontologe. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Fragen des Alters und des Alterns. Rüegger hatte verschiedene Leitungs- und Stabsfunktionen innerhalb der Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule. Er war u.a. als Heimseelsorger und als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Neumünster tätig, einem auf Altersfragen spezialisierten interdisziplinären Kompetenzzentrum.

Seit seiner Pensionierung Ende 2018 ist er freiberuflich und als freier Mitarbeiter des Instituts Neumünster tätig. Rüegger hat zahlreiche Bücher zum Thema Alter verfasst. Er hat drei erwachsene Kinder und wohnt mit seiner Frau in Zollikerberg bei Zürich. (bat)

Wann und wo bereitet Ihnen das Alter(n) Mühe?
Ich merke, dass ich bei den raschen Entwicklungen im IT- und Elektronik-Bereich nicht mehr recht mitkomme; das erschwert gewisse alltagspraktischen Dinge. Und ich merke gewisse gesundheitliche Einschränkungen, die chronisch sind und nicht mehr besser werden, zum Beispiel meine Polyneuropathie.

Sie sind einer der bekanntesten Gerontologen im Land, haben über Jahrzehnte zum Altern geforscht. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?
Das Älterwerden wird traditionell als degeneratives Phänomen angesehen. Oft wird es nur als Phase des Verlusts und der Einschränkungen wahrgenommen. Interessanterweise zeigen internationale gerontologische Forschungen, dass die Lebensglückskurve tatsächlich umgekehrt ist. Nach einem Tiefpunkt zwischen 45 und 50 Jahren nimmt die empfundene Lebenszufriedenheit wieder zu, mit einem Glückshoch zwischen 50 und 70 Jahren. In unserer Leistungsgesellschaft wird uns aber eingetrichtert, dass nur wer jung, fit und produktiv ist, glücklich sein kann. Das ist ein Trugschluss.

Warum sind ältere Menschen glücklicher?
Weil sie mehr Lebenserfahrung haben, auch im Umgang mit schwierigen Situationen. Weil eine zunehmende Reife hilft, besonnener zu agieren und das Leben besser auszubalancieren. Und weil die nachfamiliäre und nachberufliche Lebensphase eine enorme Freiheit bei einem Weniger an Verantwortung ermöglicht – das kann sehr lustvoll sein.

«Ich versuche, das Phänomen des «In-sich-Ruhens» zu kultivieren, jenseits von Konkurrenzverhältnissen.»

Sie sind 70 Jahre alt. Sind Sie glücklich?
Mit dem Älterwerden? Ja! Ich versuche, das Phänomen des «In-sich-Ruhens» zu kultivieren, jenseits von Konkurrenzverhältnissen und freue mich, wenn andere in den Vordergrund treten. Ich sehe das Leben, wie es ist, und halte es für wichtiger, am Leben zu partizipieren und das Leben zu spüren, als eigene Vorstellungen durchzusetzen. Trotzdem bin ich ehrenamtlich tätig und gebe mein Wissen und meine Erfahrung als Gerontologe weiter. Das ist sehr befriedigend.

Viele fallen nach der Pensionierung in ein Loch. Werden sie zu schlecht darauf vorbereitet?
Nicht unbedingt. Es gibt ja in allen Betrieben Vorbereitungskurse auf die Pensionierung hin. Aber alle müssen sich selber auf die Zeit des Pensioniertseins vorbereiten und sich überlegen, wofür sie sich dann einsetzen und wie sie ihre Zeit verbringen wollen. Das wäre m.E. durchaus ein wichtiges Thema kirchlicher und allgemeiner Erwachsenenbildung. Wichtig ist die Einsicht, dass man lernen muss, so etwas wie eine Lebenskunst des Alterns zu entwickeln. Das versteht sich nicht von selbst.

«Die Kirche sollte sich nicht für ihre Überalterung schämen.»

Was bedeutet das für die Kirche?
Sie hat überproportional viele ältere Menschen in ihren Reihen. Die Kirche sollte sich nicht für ihre Überalterung schämen. Stattdessen sollte sie sich als Laboratorium verstehen, in dem kreative Wege zur Gestaltung des Älterwerdens erprobt werden. Dies kann durch eine moderne Freiwilligenarbeit und eine Erwachsenenbildung geschehen, die sich mit Themen wie der psychologischen und philosophischen Gestaltung des Älterwerdens befassen.

Die Kirche als Alterskompetenz-Zentrum?
Durchaus. Sie sollte die älteren Mitglieder ermutigen, eine altersgerechte Kultur mitzugestalten, und ihre Fähigkeiten und Erfahrungen konstruktiv in die Gesellschaft einbringen.

Findet das nicht in der Diakonie oft genau so statt?
Nach meiner Erfahrung ist in der Diakonie oft eine zwar wohlgemeinte, aber dennoch etwas paternalistische Haltung zu finden: Die jungen Gesunden kümmern sich um die armen, kranken und behinderten Alten. Der Austausch sollte mindestens auf Augenhöhe stattfinden, damit sich die älteren Menschen wirklich einbringen können. Jüngere könnten von Einsichten und Erfahrungen der Älteren profitieren und diese könnten ihnen Mut machen, sich auf das Älterwerden einzulassen.

«Man muss nicht bis 98 leben und sich dann beklagen, nicht sterben zu können oder dement zu werden.»

Zum Alter gehören auch Tod und Krankheit. Wie gehen Sie selbst mit diesen Themen um?
Das Leben kann jederzeit enden. Daher versuche ich, eine positive Haltung gegenüber dem Sterben zu entwickeln. Für mich stellen sich Fragen wie: Wann fühlt man sich lebenssatt? Wann ist es an der Zeit, eine potenziell tödliche Krankheit zuzulassen und «abzudanken» (ein wunderschönes Wort!)? Es wäre sehr hilfreich für unser Gesundheitswesen, wenn ältere Menschen die Freiheit hätten, zu sagen, es ist genug. Man muss nicht bis 98 leben und sich dann beklagen, nicht sterben zu können oder dement zu werden. Manchmal haben wir uns selbst in diese Lebenslage gebracht. Viele könnten früher sterben, wollen das aber nicht. Und die Medizin unterstützt sie natürlich dabei.

Serie: Generationen

In einer Serie beleuchtet die ref.ch-Redaktion das Thema «Generationen». Am Donnerstag, 15. Juni 2023, erzählt ein Altersforscher, wie wir gut altern und welchen Beitrag die Kirche in diesem Bereich leisten könnte. (red)

Im Alter kann Krankheit immer mehr zum Thema werden. Dies ist nicht nur für Betroffene selbst, sondern auch für die Angehörigen belastend, die zu Pflegenden werden. Was raten Sie Angehörigen, die in einer solchen Situation sind?
Tatsächlich erlebe ich, dass Angehörige unter der Situation mitunter leiden. Es ist wichtig, dass Angehörige zu ihren Grenzen stehen und sich nicht verpflichtet fühlen, mehr Unterstützung zu bieten, als für sie stimmt. Darüber sollte man offen reden.

Wie meinen Sie das?
Es sind häufig die Töchter und Schwiegertöchter, die ohne offene Diskussion in die Unterstützerrolle schlüpfen. Am Anfang werden sie um Hilfe bei grossen Einkäufen oder beim Frühjahrsputz gebeten. Oder es wird erwartet, dass sie alle zwei Wochen die Wohnung putzen. Schrittweise übernehmen sie mehr Verantwortung, ohne dass dies klar besprochen und Grenzen definiert worden wären.

«In unserer Gesellschaft gibt es keine festgeschriebene Regel, dass Kinder im Alter die Pflege ihrer Eltern übernehmen müssen.»

Sind Söhne und Töchter verpflichtet, sich um ihre Eltern zu kümmern?
Ältere Menschen sollten nicht davon ausgehen, dass, weil sie früher ihre Kinder betreut haben, diese nun für sie sorgen müssen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Eltern, die Kinder in die Welt setzen, sich um diese kümmern. Im Gegenzug gibt es in unserer Gesellschaft keine festgeschriebene Regel, dass Kinder im Alter die Pflege ihrer Eltern übernehmen müssen. Viele Aspekte der Pflege haben wir an soziale Institutionen ausgelagert, was ich gut finde. Ältere Menschen sollten sich rechtzeitig darum bemühen, Hilfe zu organisieren, wenn sie diese benötigen. Das ist ihre eigene Verantwortung.

Welches Rezept empfehlen Sie für ein friedliches Zusammenleben mit den Eltern?
Eine sogenannte «Intimität auf Distanz». Das bedeutet, regelmässigen Kontakt mit den Eltern zu haben, sie zu schätzen und auch zu lieben. Gleichzeitig aber eine gewisse Distanz zu wahren. Jeder hat sein eigenes Leben zu leben. Auch im Alter.