«Beim Tod stösst das Weltbild an Grenzen»
Herr Müller, das Interesse am Tod scheint in der Gesellschaft gestiegen zu sein. Geht dieser Trend weiter?
Ich glaube nicht, dass es nur eine Modeerscheinung ist. Die Verdrängung des Todes hat ihren Zenit erreicht. Im Zuge der Individualisierung und Subjektivierung wird das Thema relevant bleiben.
Auch für junge Menschen?
Ja. Ich beobachte, dass bei unseren Studierenden an der Zürcher Hochschule der Künste ein hohes Interesse für das Thema besteht. Es gibt auch ein Grundinteresse für die Probleme der älteren Bevölkerung.
Bereits als Kind realisiert man, dass das Dasein endlich ist und man eines Tages sterben wird. Ist diese Erkenntnis ein Schock, der einen ein Leben lang begleitet?
Das ist es in der Tat. Man kennt das aus dem Tierreich: Schimpansen erschrecken, wenn einer der ihren stirbt. Der Tod ist etwas, das wir Menschen nicht wirklich nachvollziehen und mit unseren alltagsweltlichen Erfahrungen in Einklang bringen können. Wir sehen, wie andere sterben und wissen daher, dass wir auch sterben werden. Das ist ein existenzielles Problem.
Haben Sie das auch so erfahren?
Meine Mutter kommt aus der Innerschweiz, dort wurden die Toten in einem Gebäude beim Friedhof aufgebahrt. Wenn ich den Sommerferien in der Region war, habe ich oft tote Menschen gesehen.
Ist es gut, dass wir uns schon so früh im Leben mit dem Tod auseinandersetzen müssen?
Das Aufbahren ist aus einer anthropologischen Perspektive ein wichtiges Übergangsritual. Ich glaube, es ist wichtig, dass das Jenseitige in der diesseitigen Welt eine Sichtbarkeit erhält. Das schafft ein Bewusstsein dafür, dass Sterben Teil des Lebens ist.
Gibt es Kulturen, in denen diese Sichtbarkeit stärker ist als bei uns?
Ich habe viel Zeit in Mexiko-Stadt verbracht, wo der Tod alltagsweltlich eine hohe Sichtbarkeit hat und eine Ästhetik hervorbringt, die ich als wichtig erachte. Am 2. November feiern die Mexikaner jeweils mit dem «Día de los muertos» den Tag der Toten. In der Kunst und Literatur wird der Tod oft thematisiert. Totenköpfe sieht man in Bars, Restaurants und auf T-Shirts. Mexiko verdiesseitigt den Tod ästhetisch.
Hat sich in der Schweiz der Umgang mit dem Tod in den letzten 50 Jahren verändert?
Ja, es hat sich sehr viel verändert. Gesellschaftliche Trends wie Individualisierung, Pluralisierung und Säkularisierung haben einen enormen Einfluss. Früher hatten die Kirchen und institutionalisierten Religionen das Monopol auf die letzten Übergänge. Sie haben diese mit symbolischen und rituellen Ressourcen ausgestaltet und in gewisser Weise auch verwaltet. Dieses Monopol ist im Zuge der Säkularisierung aufgebrochen.
Wie meinen Sie das?
Durch die Individualisierung und Subjektivierung ist es zur Entfremdung gegenüber bestimmten religiösen Ritualen gekommen. Heute muss eine Abdankung nicht mehr zwingend in einer Kirche und von einer Pfarrperson durchgeführt werden. Symbole auf dem Grabstein müssen nicht mehr religiös konnotiert sein, sie dürfen einen individuellen Lebensstil zum Ausdruck bringen.
Dass dieses Monopol aufbricht – bringt das auch Probleme mit sich?Durchaus. Nur schon auf der rein praktischen und organisatorischen Ebene erleichtert eine Abdankung in einer Kirche vieles. Heute kommen mehr Entscheidungen auf die sterbende Person und die Hinterbliebenen zu. Das kann fordernd sein, manche gar überfordern. Das haben wir auch in unserem Nationalfonds-Forschungsprojekt zu Sterbesettings gesehen.
Zu welchen Erkenntnissen sind Sie gelangt?
Es zeigte sich unter anderem, dass sich viele Menschen in Anbetracht des nahenden Todes religiösen Fragen öffnen – sei es aus eigenem Antrieb oder durch die Seelsorge, die wiederum einen religiösen Absender hat. Auch bei Atheisten oder Agnostikern kam das teilweise zum Ausdruck.
An wen denken Sie?
Zum Beispiel an den Theaterregisseur Christoph Schlingensief, der eher atheistisch oder agnostisch lebte und sich in der prämortalen Phase plötzlich mit dem Katholizismus auseinandersetzte. Seelsorgerinnen, die ich im Zuge des Forschungsprojekts interviewte, schilderten mir ähnliche Beispiele.
Wie ist das zu erklären?
Es fällt auf, dass das säkulare Weltbild beim Thema Tod an seine Grenzen stösst. Es gibt Bereiche, die sich wissenschaftlich nicht erklären lassen. Das Sterben rein biologisch zu betrachten, reicht uns Menschen offensichtlich nicht.
Religionen springen in die Lücke.
Kirchen haben dieses Thema lange stark besetzt und dabei auch so etwas wie Fähigkeiten und Kompetenzen im Umgang mit Transzendenz entwickelt. Die Psychologie befasst sich ebenfalls mit dem Tod, aber sie hat diese Jahrtausende alte Erfahrung nicht. Und sie hat keine Rituale.
Francis Müller leitet die Perspektive «Religion» im vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Projekt «Sterbesettings», das von der Berner Fachhochschule und der Zürcher Kunsthochschule (ZHdK) realisiert wird. Der Kultur- und Religionssoziologe unterrichtet an der ZHdK. Er hat zudem Lehraufträge an der Universität St. Gallen und an Universitäten in Chile, Mexiko und Spanien. (hz)
Bild: Regula Bearth
Wird sich unser Verhältnis zum Tod in den nächsten zehn Jahren verändern?
Ich denke nicht, dass das Sterben entritualisiert wird. Für mich ist das nicht vorstellbar. Ich habe das Gefühl, dass das Religiöse und Rituelle bleibt und sich den gesellschaftlichen Entwicklungen anpasst.
Bleiben die Rituale dieselben?
Ich war einmal an einer Abdankung, die in einer Bar stattgefunden hat – mit Diashow des Verstorbenen. Die Bandbreite der Rituale ist riesig.
Neue Möglichkeiten könnte die Künstliche Intelligenz eröffnen. Sie ist ein aktuelles Gesprächsthema. Wird sie Einfluss auf unsere Sterberituale haben?
In diesem Bereich passiert viel. LSD-Papst Timothy Leary liess sich bereits in den Neunzigerjahren ein digitales Grab einrichten. Es gibt digitale Friedhöfe und heute auch digitale Kommunikationen mit Verstorbenen, wobei diese selbstverständlich von den Lebenden geführt werden, die so gewissermassen in eine transzendente Sphäre kommunizieren.
Wer will, kann als digitales Ich weiterleben. Sehen Sie diesbezüglich Probleme auf uns zukommen?
Auf jeden Fall. Es stellen sich viele Fragen – ethische und rechtliche: Was geschieht mit den Daten? Wer hat Zugang und wer nicht?
Vielleicht ist die Vorstellung, dass jemand in einem transzendenten Raum weiterlebt und einem nach dem Tod begegnet, gar nicht so reizvoll.
Das kann ich gut nachvollziehen. Rituale sind auch dazu da, etwas abzuschliessen und Abschied zu nehmen. Die Welt darf danach nicht mehr so sein wie zuvor. Wenn etwas nicht ganz abgeschlossen werden kann, weil beispielsweise jemand virtuell weiter existiert, kann das anstrengend sein für Hinterbliebene. Aber solche Probleme kennen wir auch aus der analogen Welt.
Inwiefern?
Wenn zum Beispiel jemand wünscht, dass ihre oder seine Urne im Wohnzimmer aufgestellt wird, die Hinterbliebenen das aber gar nicht wollen. Die analogen und digitalen Probleme sind oftmals identisch – im Digitalen einfach nochmal komplexer.
Sie haben viel zum Sterben geforscht. Haben Sie sich schon Gedanken über Ihr eigenes Sterbesetting gemacht?
Ich stelle mir das Sterben mit Morphium angenehm vor: ein Übergang in einen traumähnlichen und schmerzfreien Schwebezustand. Meine Bestattung müsste katholisch sein, auch wenn ich Agnostiker bin. Allerdings bin ich etwas unschlüssig.
Wieso?
Wenn wir jetzt über den Tod sprechen, können wir Annahmen treffen. Aber wir wissen nie, wie wir uns in Sterbephasen verhalten. Deshalb bin ich vielleicht so vorsichtig, mich festzulegen. Die Mehrzahl von uns stirbt ja leider nicht schnell.
Leider?
Ja, wie heute üblich würde ich einen schnellen Tod bevorzugen, was allerdings gar nicht selbstverständlich ist: Im Mittelalter war das lange Sterben das Ideal, die «Ars Moriendi» war die Kunst, sich auf den Tod vorzubereiten. Das Leiden, Hoffen, Ringen und Kämpfen stelle ich mir schlimm vor. Beim schnellen Tod können wir all dem aus dem Weg gehen.
Sie denken, beim Sterben kann die Religion nur bedingt helfen?
Es gibt sogar Fälle, bei denen Personen in Anbetracht der Grausamkeit eines nahenden Todes den Glauben verlieren. Es kann sehr viel passieren.