Die Generationen driften auseinander
Das Gestell befindet sich am Ende des Cafés, in dem sich gerade einige Familien und ältere Menschen austauschen. Fein säuberlich sind darin Schuhkartons aufgereiht. In einem von ihnen liegen kleine, pinke Gummistiefel und Kopfhörer, die an einen MP3-Player angeschlossen sind. «Ich heisse Max. Aber ich habe nicht immer so geheissen», sagt eine Kinderstimme.
Max ist Trans. Die pinken Gummistiefel sind Teil seiner Geschichte. «Im Kindergarten haben alle gesagt, dass die Stiefel der Beweis dafür sind, dass ich ein Mädchen bin.» Doch Max fühlt sich nicht als Mädchen. Deshalb sei er nach Hause gegangen und habe seinen Eltern gesagt, dass er von nun an nicht mehr Mona heissen wollte. Wer will und kann, darf in Max Gummistiefel schlüpfen und während der Aufnahme darin ein paar Schritte gehen. «A mile in my shoes» heisst die Ausstellung des Generationenhauses in Bern (siehe Infobox).
Die Geschichte von Max ist eine von vielen. In den Kartons befinden sich Wanderschuhe, Ballerinas oder Sneakers in verschiedenen Grössen und Zuständen. Hinter allen steckt eine Erzählung, manche sind fröhlich, andere regen zum Nachdenken an. Da ist beispielsweise die 101-jährige Susanne, die von einem erfüllten Leben mit Kindern und Enkelkindern berichtet, Schauspieler Heiko, der über den frühen Tod seiner Mutter und seinen vererbten Herzfehler spricht oder Naomie, die von einer Fehlgeburt und den anschliessenden Geburten ihrer Kinder erzählt.
Unverständnis zwischen Generationen
Die Ausstellung im Generationenhaus sollte das Vermögen stärken, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und mit ihnen zu fühlen. Mitgestaltet wurde sie von der britischen Künstlerin Clare Patey, die das «Empathy Museum» ins Leben gerufen hat. Sie erforscht, wie Empathie gefördert werden kann – ein Ziel, das auch das Berner Generationenhaus verfolgt. Schliesslich ist Empathie der Kitt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ohne die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, sind Konflikte vorprogrammiert.
Und die nehmen zu, wie der aktuelle Generationenbarometer des Generationenhauses zeigt. «Über die Hälfte der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren nimmt einen Graben zwischen den Generationen wahr», heisst es darin. «Das war in dieser Deutlichkeit überraschend», sagt Michael Fässler vom Programmteam des Generationenhauses. Bei den letzten beiden Befragungen habe sich das noch nicht abgezeichnet.
Seit drei Jahren lässt das Generationenhaus vom Meinungsforschungsinstitut Sotomo den Generationenbaromenter erstellen. Die repräsentative Umfrage soll Aufschluss darüber geben, wie es um den gefühlten Zusammenhalt zwischen den Generationen steht. «Dazu gibt es kaum Daten», sagt Fässler.
Eine Frage der Perspektive(n)
Was der Generationenbarometer ebenfalls zeigt: Jüngere Menschen haben nicht nur das Gefühl, dass die Generationen auseinanderdriften, sie sind im Vergleich zu älteren Menschen auch deutlich unzufriedener mit ihrem Leben.
Das ganze Jahr hindurch sind im Generationenhaus Ausstellungen zu sehen. Anfang Juni ist beispielsweise ein Tag für zukünftige Generationen geplant. Der Anlass geht auf ein Projekt zurück, bei dem tausende Versprechen für zukünftige Generationen gesammelt und in einer Zeitkapsel bis 2051 aufbewahrt werden. Am Tag halten acht Persönlichkeiten wie Martina Kühne, Trend- und Zukunftsforscherin, oder Daniel Graf, Co-Leiter Feuilleton der «Republik», kurze Referate zum Thema enkeltaugliche Zukunft.
Weiter steht im Juni der Dialogtag an. Leute, die verschieden über ein Thema denken, setzen sich gemeinsam an den Tisch und hören einander zu. Spätestens beim Apéro sollen die Differenzen in den Hintergrund rücken.
Fässler sieht den Klimawandel als einen wichtigen Grund dafür – gemeinsam mit anderen Krisen. «Es gibt einen Bruch in der Fortschrittserzählung», sagt Fässler. Der Glaube daran, dass die Lebensqualität mit jeder Generation zunimmt, schwinde bei jüngeren Menschen. Ältere Generationen, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren worden seien und denen alle Möglichkeiten offenstanden, seien von vielen Problemen nicht mehr direkt betroffen.
Eine Sorge teilen die Menschen jedoch generationenübergreifend: 77 Prozent der Befragten haben das Gefühl, dass die Empathie in der Gesellschaft abgenommen hat – und damit auch die Fähigkeiten der Menschen, die Sorgen oder Hoffnungen von Menschen anderer Generationen nachvollziehen zu können. Mit Ausstellungen wie dieser («A mile in my shoes») will das Berner Generationenhaus diesem Trend entgegenwirken.