Kirchenzukunft
Die wichtigsten Fakten zu Fusionen
Die Kirchenlandschaft durchläuft grosse Veränderungen. Die Zahl der Kirchgemeinden nimmt ab. ref.ch hat sich bei den evangelisch-reformierten Landeskirchen Zürich, Bern (refbejuso), Waadt, St. Gallen, Aargau und Baselland nach den Fusionsentwicklungen in den letzten zwanzig Jahren erkundigt und die wichtigsten Erkenntnisse für Sie zusammengefasst.
Wo wird fusioniert?
Grundsätzlich überall. Es gibt aber Unterschiede, was die Anzahl und den Zeitraum der Fusionen angeht. Mit 21 Zusammenschlüssen führt die Zürcher Landeskirche die Liste an. Seit 2014 gibt es dort fast jährlich Fusionen. Die zweitgrösste evangelisch-reformierte Landeskirche der Schweiz förderte Fusionen bis vor einem Jahr aktiv mit dem Projekt «Kirchgemeindeplus».
Sehr häufig fusioniert wird auch in der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen. Dort fanden 12 der 13 Fusionen in einem Zeitraum von fünf Jahren statt. Das ist vor allem auf einen politischen Beschluss der Synode zurückzuführen. Diese entschied 2013, dass ab 2016 nur noch Kirchgemeinden mit über 1000 Mitgliedern Beiträge aus dem Finanzausgleich erhalten sollten. Daraufhin stieg die Zahl der Fusionen sprunghaft an. Der letzte Zusammenschluss erfolgte Anfang 2017.
Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn zählen seit dem Jahr 2000 insgesamt 11 Fusionen, wobei fünf Projekte derzeit laufen – etwa in den Städten Bern und Thun. Am wenigsten Fusionen unter den befragten Landeskirchen fanden im Aargau statt. Dort gab es bisher erst 2006 und 2022 eine Fusion, über zwei weitere wird verhandelt. Das Thema gewinnt aber an Bedeutung – erst kürzlich trat der Aargauer Pfarrer Lutz Fischer mit seinem Vorschlag einer einzigen Kirchgemeinde im ganzen Kantonsgebiet eine Diskussion los.
Wie die Landeskirche des Kantons Waadt auf Anfrage erklärt, hat sich bisher nichts an der Zahl von 86 Kirchgemeinden geändert. Allerdings sehe das Reformprojekt «Église 29» eine Entwicklung hin zu 25 bis maximal 30 Kirchgemeinden vor. 2013 fand bereits eine Art Fusion auf übergeordneter Ebene statt, als die Zahl der Kirchenbezirke von 18 auf 11 reduziert wurde.
Was wird fusioniert?
In der Regel schliessen sich zwei bis drei Kirchgemeinden zusammen. Gerade im städtischen Raum finden aber auch grössere Fusionen statt. Bekanntestes Beispiel ist Zürich, wo aus 32 städtischen Kirchgemeinden 2019 eine einzige wurde.
In der Stadt Bern stimmen die zwölf Kirchgemeinden und die Gesamtkirchgemeinde bis im Mai 2025 über die Fusion zu einer Kirchgemeinde ab – wie sie vom 16. bis ins frühe 18. Jahrhundert bereits einmal existierte. Auch in Thun laufen Verhandlungen für die Fusion der fünf städtischen Kirchgemeinden. Die Abstimmung ist für das Jahr 2025 geplant, die Fusion soll 2027 in Kraft treten.
Wie steht es um die Erfolgsquote?
Erfahrungsgemäss führen Verhandlungen auch zur Fusion. Das hat damit zu tun, dass die fusionsskeptischen Kirchgemeinden meistens gar keine Verhandlungen aufnehmen oder stattdessen auf andere Formen der Zusammenarbeit setzen, die ebenfalls weit verbreitet sind. Dennoch gibt es Fälle, in denen die Verhandlungen abgebrochen oder das ausgehandelte Projekt abgelehnt wurden – in Zürich sind zwei solche Fälle bekannt, bei refbejuso einer.
Die Stimmberechtigten der involvierten Kirchgemeinden entscheiden jeweils separat, ob sie der Fusion zustimmen oder nicht. Abgestimmt wird an den Kirchgemeindeversammlungen.
Etwas komplizierter ist es bei grösseren Fusionsprojekten aus. In Bern braucht es beispielsweise die Zustimmung der Mitglieder der Gesamtkirchgemeinde (Briefwahl) und von mindestens neun der zwölf Kirchgemeinden. Lehnen die Stimmberechtigten der Gesamtkirchgemeinde die Fusion ab, ist das Projekt vom Tisch. Lehnen die Mitglieder einer Kirchgemeinde die Fusion ab, bleibt diese Kirchgemeinde selbständig.
Dass sich eine fusionierte Kirchgemeinde wieder getrennt hätte, ist in keiner der befragten Landeskirchen vorgekommen. Die letzten Aufteilungen von einer Kirchgemeinde in mehrere datieren noch aus Zeiten, als die evangelisch-reformierten Kirchgemeinden am Wachsen waren.
Weshalb wird fusioniert?
Viele Kirchgemeinden verlieren Mitglieder und dadurch Einnahmen. Gleichzeitig haben sie Mühe, ihre Stellen zu besetzen. Durch den Zusammenschluss mit einer anderen Kirchgemeinde hoffen sie, ihre Kräfte bündeln und Synergien nutzen zu können. Das kann beispielsweise bedeuten, dass der wöchentliche Gottesdienst an wechselnden Orten stattfindet oder sich das Personal die anfallenden Aufgaben besser aufteilen kann.
Die veränderte Lebensrealität der Menschen dient ebenfalls als Argument für Fusionen. So hat die Mobilität der Menschen zu- und ihre Bindung zu Orts- oder Quartierkirchen abgenommen. Gerade in urbanen Gebieten sollen die kirchlichen Strukturen deshalb übersichtlicher und flexibler werden.
Schliesslich sind die Ansprüche an gewählte Behördenmitglieder gestiegen, was beispielsweise die Personalführung, das Immobilienmanagement oder Innovationen angeht. Durch Fusionen lassen sich diese Aufgaben eher professionalisieren.
Wie lauten die Argumente gegen Fusionen?
Fusionsverhandlungen werfen Fragen der Identität auf und können bei Beteiligten starke Emotionen hervorrufen. Gegnerinnen von Zusammenschlüssen befürchten häufig, dass kulturelle Eigenheiten der beteiligten Kirchgemeinden, beliebte Angebote sowie die Nähe zu den Mitgliedern dabei verloren gehen könnten.
Ein weiteres Gegenargument lautet, dass Fusionen zu mehr Bürokratie und längeren Entscheidungswegen führen. Ausserdem wird bemängelt, dass Zusammenschlüsse nichts an den grundlegenden Problemen wie dem Mitgliederverlust ändern. Stattdessen würden die Umstrukturierungen Ressourcen bündeln, die für Innovationen nötig wären.
Schliesslich heisst es von den Fusionsgegnern auch, dass Zusammenschlüsse zu höheren Verwaltungskosten führen würden.
Handelt es sich bei Fusionen um ein kirchliches Phänomen?
Nein. Auch die Zahl der politischen Gemeinden in der Schweiz ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gesunken. Im Jahr 2000 gab es laut Bundesamt für Statistik 2899 Gemeinden, 2024 waren es noch 2131. Die Gründe für die Fusion politischer Gemeinden gleichen denjenigen für die Fusion von Kirchgemeinden – schlechte finanzielle Aussichten, vakante Milizämter oder zusammenwachsende Infrastrukturen.