«Wir arbeiten in einem Schönwettermodell»
Das vergangene Jahr bezeichnet Daniel Meier als eines der härtesten seines Lebens. In der Gemeinde, in der er als Pfarrer arbeitet, eskalierte ein Konflikt. Kündigung reihte sich an Kündigung, die Stimmung wurde zusehends schlechter. «Das Arbeitsklima war toxisch. Einige, die gegangen sind, brauchten danach psychologische Unterstützung», sagt Daniel Meier, der in Wahrheit anders heisst. Um seine Persönlichkeit zu schützen, sind seine Schilderungen anonymisiert.
Meier ist seit 15 Jahren Pfarrer. Spricht er über seine Arbeit, den Kontakt zu den Menschen und die Vielschichtigkeit der Aufgaben, klingt er wie jemand, der seine Berufung gefunden hat. Er sei unglaublich gerne Pfarrer, sagt er. Doch der Konflikt in der Gemeinde habe tiefe Spuren hinterlassen und seinen Blick auf die Kirche verändert. «Ich hätte nicht gedacht, dass das in unseren Strukturen möglich ist – dass sich Menschen derart unchristlich verhalten.»
Meier spricht von Lügen, Beleidigungen und Fehlern in den Arbeitsabläufen – etwa von Beschlüssen, die seiner Ansicht nach unter unzulässigen Bedingungen gefasst wurden. Die Konfliktlinien verliefen zwischen einem Teil des Kirchenstandes – andernorts Kirchenpflege oder Kirchgemeinderat genannt – auf der einen Seite und dem anderen Teil der Behörde sowie dem Pfarramt auf der anderen Seite. Hinzu kam, dass eine Beschwerde derjenigen Mitarbeiter, die trotz des schwierigen Arbeitsumfeldes ausharrten, ergebnislos blieb. Eine professionelle Instanz, die der Behörde auf die Finger geschaut hätte? Fehlanzeige.
Laienbehörden als Problem
Konflikte, wie ihn Meier erlebt hat, gibt es in den reformierten Kirchen immer wieder. Einige wie etwa derjenige im zürcherischen Fällanden sorgen weitherum für Schlagzeilen. Andere können noch vor der ganz grossen Eskalation gelöst werden, etwa durch ein Eingreifen des Kirchen- oder Synodalrates. Dass jeder Konflikt unter spezifischen Begebenheiten entsteht und darüber hinaus die kirchlichen Strukturen von Kanton zu Kanton unterschiedlich sind, macht Vergleiche schwierig.
Für Meier ist dennoch klar, dass die Ursachen oft in der Kirche selbst zu suchen sind. Als Problem nennt er etwa die Gemeindeleitung, die auf Behördenmitglieder und Pfarrpersonen aufgeteilt wird. Erstere sind zuständig für Finanzen und Personelles, letztere für die theologische Leitung.
In der Praxis kann dies beispielsweise bedeuten, dass der Kirchenstand vorschlägt, eine Veranstaltungsreihe zum Thema Gleichberechtigung aus Kostengründen einzustellen. Die Pfarrperson könnte dagegenhalten, dass es aus seelsorgerlicher Perspektive wichtig ist, die Menschen über diese Fragen aufzuklären und sie darin zu bestärken. «Wenn man es gut hat miteinander, findet man in der Diskussion eine Lösung, hinter der alle stehen können. Wenn nicht, wird das Arbeiten auf dieser Basis schier unmöglich», sagt Meier. «Das ist ein absolutes Schönwettermodell.»
Hinzu kommt, dass die Behörden aus Laien bestehen, die keine besonderen Qualifikationen mitbringen müssen. Meier spricht von einer «Lotterie» – wer gewählt würde, sei Glückssache. Sei der Kirchenstand zudem einmal im Amt, würde er kaum mehr kontrolliert. Und bis sich etwa der Kirchenrat einschalte, sei schon viel Geschirr zerschlagen. «Heute bin ich überzeugt: Die Laienbehörde ist der grösste Stolperstein auf dem Weg zu einer modernen Kirchenstruktur.»
Reformen stossen auf Widerstand
Diese Analyse teilt im Grundsatz auch Thomas Schaufelberger, Leiter der Abteilung Kirchenentwicklung bei der Zürcher Landeskirche sowie von A+W – Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer der Deutschschweiz und des Tessins. «Die Organisation der Kirchgemeinden ist ein grosses Problem. Das ehrenamtliche Leitungssystem braucht dringend eine Reform», sagt er.
Das sei allerdings viel einfacher gesagt als getan, weil die reformierte Kirche eng mit dem politischen System verbunden sei. In Zürich etwa gelte für die Wahl in die Kirchenpflege das kantonale Wahlgesetz – und dieses schreibe für gewählte Ämter keinerlei Voraussetzung vor. «Solange wir an der Staatsnähe festhalten, können wir keine einzige Bedingung an die Mitglieder der Laienbehörden stellen. Wir können sie noch nicht einmal zu einer Weiterbildung verpflichten», sagt Schaufelberger. Zudem sei die Gemeindeautonomie das höchste Gut der Reformierten und alles, was in Richtung Zentralisierung gehe, rufe erheblichen Widerstand hervor.
Die jüngste Vergangenheit gibt Schaufelberger recht: Der Reformprozess «KirchgemeindePlus» der Zürcher Landeskirche, der auf Fusionen und verstärkte Kooperationen zwischen den Kirchgemeinden zielte, war von erheblichen Verwerfungen begleitet. Kirchenratspräsident Michel Müller musste sich unter anderem deswegen im Sommer 2019 gar einer Kampfwahl stellen.
Von der Idee, die Bezirkskirchenpflegen abzuschaffen und die Aufsicht über die Gemeinden stattdessen der Synode zu übertragen, nahm der Kirchenrat gleich ganz Abstand, nachdem in der Vernehmlassung massive Kritik laut geworden war. So beschränken sich die Landeskirchen in den meisten Fällen darauf, für Fragen der Personalentwicklung zu sensibilisieren, Beratungsstellen für den Konfliktfall zu schaffen und freiwillige Schulungen für Behördenmitglieder anzubieten.
Hohe Kosten
Dabei hätten eigentlich sowohl die Kantonalkirchen wie auch die Kirchgemeinden ein Interesse daran, die Strukturen zu reformieren. Kommt es in einer Gemeinde zum Konflikt, werden oft externe Sachwalter eingesetzt, die für eine begrenzte Zeit die Geschäfte führen. Das geht schnell ins Geld, wie das Beispiel Zürich zeigt: Laut Nicolas Mori, Kommunikationsverantwortlicher bei der Landeskirche, fielen seit 2012 rund 1,5 Millionen Franken konfliktbedingte Sachwalterkosten an; rund die Hälfte davon entstand beim Fall Fällanden.
Die Kosten werden in solchen Fällen gemäss dem Verursacherprinzip zu 100 Prozent den Kirchgemeinden verrechnet. Wenn Sachwalter dagegen aufgrund von Personalmangel eingesetzt werden, etwa weil in einer Gemeinde zu viele Behördenmitglieder auf einmal zurücktreten, übernimmt die Landeskirche die Rechnung.
Den Kirchen gehen die Pfarrer aus
Doch die Finanzen sind noch nicht einmal das Hauptproblem. Unklare Strukturen und schwierige Arbeitsbedingungen in den Kirchgemeinden tragen auch dazu bei, dass den Kirchen das Personal ausgeht. Laut einer Auswertung der Nachwuchsförderung Theologie, die von den Theologischen Fakultäten und den kirchlichen Organen für Aus- und Weiterbildung getragen wird, waren in der Deutschschweiz im vergangenen Jahr schon 86 Pfarrstellen vakant; 2020 waren es noch deren 70. Gleichzeitig stieg die Zahl der Pfarrpersonen, die über das Pensionsalter hinaus arbeiteten, von 49 auf 86.
Kurzum: Die Kirchen können ihren Personalbedarf nicht mehr decken. Und eine Besserung ist jetzt, da die geburtenstarken Jahrgänge in Pension gehen, erst recht nicht in Sicht. «Der Personalmangel wird krass. Viel krasser, als manche Kirchenleitung das wahrhaben möchte», sagt Thomas Schaufelberger, Leiter von A+W, dazu.
Die Gründe sieht er zum einen im allgemeinen Fachkräftemangel und der Tatsache, dass das Image von Kirche und Theologiestudium gelitten habe. Das führe dazu, dass immer weniger Menschen sich überhaupt für eine Pfarrlaufbahn entschieden. Zum anderen stelle A+W aber auch fest, dass ein nicht unerheblicher Teil der Berufsanfänger wieder aus dem Pfarramt ausscheide. Die Befragungen unter diesen Personen zeigten klar, dass es hier um schlechte Rahmenbedingungen gehe: «Wenig Spielraum in der Art und Weise, wie die Pfarrerinnen ihr Amt ausüben können, zu viele Menschen, die mitreden, unausgesprochene und unerfüllbare Erwartungen etwa an die Präsenz der Pfarrer, dazu vielleicht sogar noch eine Wohnsitzpflicht – das alles führt zu Frustration.»
Wie noch Kirche sein?
Zwar gebe es mittlerweile Bestrebungen, das Problem anzugehen. So würden Studentinnen bereits während des Studiums dazu angehalten, sich über ihr Profil und ihre Kompetenzen klar zu werden, um sich später auf wirklich passende Gemeinden bewerben zu können. Gleichzeitig sei jedoch das Bewusstsein, dass sich etwas ändern müsse, noch nicht überall vorhanden, so Schaufelberger. Er hofft, dass der Pfarrmangel dazu führt, dass manch ein alter Zopf fällt – und der Markt regulierend wirkt. «Landeskirchen und Gemeinden, die hier keinen Schritt vorwärts machen, werden im Rennen um die guten Köpfe chancenlos bleiben.»
Daneben, ist Schaufelberger überzeugt, brauche es aber auch Ideen, wie Kirche anders – und mit weniger Personal – gelebt werden kann. Nach Projekten gefragt, die bereits heute in diese Richtung gehen, nennt er das «Orbit» in Winterthur, eine Mischung aus Co-Working-Space und Quartier-Initiative mit reformierter Beteiligung. Oder den Pfarrhaus-Garten in Illnau-Effretikon, den ein Sozialdiakon für afghanische Flüchtlinge öffnete und in dem so eine Gemeinschaft entstehen konnte. «Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Wie schaffen wir Strukturen, die so etwas ermöglichen?»
Es ist in der Tat die alles entscheidende Frage. Und sie führt zurück zu Daniel Meier, zum Konflikt in seiner Kirchgemeinde und zur Erkenntnis, die er daraus zieht. «Ich kenne so viele Kolleginnen und Kollegen, die das Pfarramt verlassen. Die sagen: ‹Das tue ich mir nicht mehr an›.» Um dieses langsame Ausbluten zu verhindern, müsse die Kirche Arbeitsbedingungen schaffen, die «ihrer würdig» sind, findet Meier.
Der Konflikt in seiner eigenen Kirchgemeinde hat sich mittlerweile ein wenig entspannt. Daniel Meier hat der Kirche nicht den Rücken gekehrt – trotz allem.