Debatte
Aargauer Pfarrer träumt von Mega-Fusion
Die neuesten Zahlen zu den Austritten aus der reformierten Kirche lassen nichts Gutes erwarten: Rund 39‘000 Mitglieder haben im vergangenen Jahr ihrer Kirche den Rücken gekehrt (ref.ch berichtete). Das hat für die einzelnen Kirchgemeinden schmerzhafte Folgen: Ihnen stehen immer weniger Mittel und Personal zur Verfügung.
Viele Kirchgemeinden setzen deshalb auf den Zusammenschluss mit Nachbargemeinden. Im Oberbaselbiet entstehen derzeit durch Fusionen drei neue Grosskirchgemeinden (ref.ch berichtete). Auch im Aargau werden Fusionen von Kirchgemeinden immer öfter zum Mittel der Wahl. Einen Zusammenschluss prüfen derzeit etwa die Gemeinden Unterentfelden und Oberentfelden, während Killwangen-Spreitenbach und Wettingen-Neuenhof bereits in Verhandlung stehen.
Dem Wettinger Pfarrer, Synodepräsidenten und EVP-Grossrat Lutz Fischer geht dies jedoch nicht weit genug. In einem Beitrag für den Blog der Landeskirche fordert er den grossen Wurf: Statt nur einzelne Nachbargemeinden zu fusionieren, sollten sich die 74 Aargauer Gemeinden zu einer einzigen, grossen Gesamtkirchgemeinde zusammenschliessen.
Auf eine Fusion folgt die nächste
Auf Anfrage von ref.ch begründet Fischer seine Idee damit, dass Fusionen einzelner Nachbargemeinden nicht nachhaltig seien. «Solche Zusammenschlüsse sind nur eine vorübergehende Lösung. Inzwischen geht der Mitgliederschwund weiter, sodass nach ein paar Jahren schon die nächste Nachbargemeinde anklopfen wird». Dadurch wären die Gemeinden jahrelang mit Strukturbereinigungen beschäftigt, sagt Fischer.
Für einen grossen Zusammenschluss spreche noch ein weiterer Grund. Während der Corona-Pandemie habe jede Kirchgemeinde ihre eigene Digitalstrategie gehabt – das sei oft wenig professionell gewesen. «Eine einzige Kirchgemeinde kann bestimmte Aufgaben besser und effizienter managen und ihre Mitarbeitenden nach ihren Fähigkeiten einsetzen», sagt Fischer.
Kirchenrat begrüsst den Vorschlag
Der Vorschlag kommt mitten im Reformprozess der Aargauer Kirche. Bis 2030 soll diese fit für die Zukunft gemacht werden. Unter anderem spielen dabei auch Fusionen von Kirchgemeinden eine entscheidene Rolle. «Aufgrund schwindender Ressourcen führt daran kein Weg vorbei», sagt Christoph Weber-Berg auf Anfrage von ref.ch.
Der Aargauer Kirchenratspräsident begrüsst den Blogbeitrag von Lutz Fischer und spricht sich selbst seit einiger Zeit überzeugt für grossräumige Zusammenschlüsse aus. «Es ist gut, dass nun Schwung in die Debatte kommt. Auch wenn ich nicht sicher bin, wie realistisch eine einzige Aargauer Kirchgemeinde ist», sagt er.
Weber-Berg betont, dass die Organisation des kirchlichen Lebens vor Ort massiv erleichtert werde, wenn es nur eine einzige Behörde für mehrere Gemeinden gebe. Eine gemeinsame Verwaltung und Infrastruktur vereinfache viele Prozesse, auch könnten die Teams besser koordiniert werden, ist er überzeugt. «Nur so können die Gemeinden ihre Handlungsfähigkeit auf die Dauer aufrecht erhalten», sagt Weber-Berg.
Kein Zwang von der Synode erwünscht
Derweil hat Fischer bereits Ideen, wie man das Projekt anpacken könnte. So könnten sich Kirchgemeinden, die für einen Zusammenschluss offen seien, gemeinsam an einen Tisch setzten und einen Fusionsvertrag ausarbeiten. «Dieser Vertrag muss offen formuliert sein, sodass nach und nach andere Gemeinden beitreten können», sagt er.
Klar ist für Fischer, dass die Kirchgemeinden diesen Prozess selbst in die Hand nehmen müssen. «Wir haben im Aargau eine starke Gemeindeautonomie. Ich glaube nicht, dass die Gemeinden Zwang von Seiten der Synode möchten», sagt er.
Ein konkreter Vorstoss liegt der Synode, die am 27. November tagt, zwar nicht vor. Dennoch dürfte die Diskussion über die Zukunft der Aargauer Kirchgemeinden nun weiter Fahrt aufnehmen.