Berner Kirchgemeinden

Fusion auf dem Prüfstand

In der Stadt Bern beginnt der Abstimmungskampf zur Fusion der 12 Kirchgemeinden zur zweitgrössten evangelisch-reformierten Kirchgemeinde der Schweiz. Ausgerechnet die erste von vielen Abstimmungen wird zur Zitterpartie für die Befürworter.
Die Berner Kirchgemeinden Heiliggeist, Münster und Nydegg entstanden 1721. Zuvor existierte nur eine Kirchgemeinde auf dem städtischen Gebiet. (Bild: Anthony Anex/ Keystone)

Auf die rund 35'000 reformierten Stadtbernerinnen und Stadtberner wartet am 18. Mai 2025 ein Abstimmungstag der Superlative. Neben voraussichtlich eidgenössischen, kantonalen und städtischen Vorlagen dürfen sie sich auch zu einem kirchenpolitischen Thema äussern – der Fusion der 12 bisher autonomen Berner Kirchgemeinden und der Gesamtkirchgemeinde zur Evangelisch-refomierten Kirchgemeinde Bern.

Im Zentrum steht die Frage, ob die Organisationsstruktur der evangelisch-reformierten Kirchgemeinden in der Stadt Bern noch zeitgemäss ist (siehe Infobox). Die Befürworter einer Fusion halten die jetzige Parallelstruktur von 12 Kirchgemeinden und einer Gesamtkirchgemeinde für schwerfällig und erhoffen sich einen effizienteren Einsatz der Ressourcen.

Die Abstimmung ist das Resultat jahrelanger, komplexer Verhandlungen und ihr Ausgang «eine Art Blindflug», wie Hans von Rütte, Präsident des Steuergremiums und Präsident des Kirchgemeinderats Nydegg, jüngst in einem Interview mit dem Berner Lokalmedium «Journal B» sagte. Grund dafür sei, dass es seit Jahren keine kirchliche Urnenabstimmung mehr gegeben habe und Erfahrungswerte zum Stimmverhalten somit fehlten.

Nicht eine, sondern 13 Abstimmungen

Zur Komplexität der Vorlage trägt bei, dass ein Ja an der Urne noch keine Garantie für die Fusion ist. Damit sie zustande kommt, müssen auch mindestens 9 der 12 Kirchgemeinden zustimmen. «Das hat zur Folge, dass die Kirchenmitglieder zweimal abstimmen werden: einmal in ihrer Eigenschaft als Mitglied der Gesamtkirchgemeinde an der Urne, das andere Mal als Teilnehmer in der Kirchgemeindeversammlung in ihrem Quartier», sagt Hans von Rütte. Sagt eine Kirchgemeinde Nein, bleibt sie auch dann eigenständig, wenn die anderen fusionieren.

«Unsere heutige, lebendige Kirchgemeinde im Quartier wird bei einer Fusion aufgelöst.»
Benedict Christ, Präsident des Kirchgemeinderats Paulus

Die Kirchgemeinden haben bis am 30. Mai 2025 Zeit, ihre Mitglieder abstimmen zu lassen. Als Präsident des Kirchgemeinderats Nydegg hätte von Rütte es begrüsst, wenn sich die 12 Kirchgemeinderäte auf ein gemeinsames Datum für ihre Versammlungen und damit die Abstimmung einigen würden. Doch daraus wird nichts. Auf Anfrage von ref.ch haben die meisten Kirchgemeinden zwar erklärt, dass sie das genaue Datum noch nicht festgelegt haben, mindestens zwei haben sich aber schon entschieden – und zwar nicht für denselben Tag.

Ungewisse Dynamik

Die Kirchgemeinde Münster will ihre Mitglieder am 3. Mai 2025 entscheiden lassen. Eiliger hat es die Kirchgemeinde Paulus, die bereits am 16. März Gewissheit haben will. Während sich die meisten der 12 Kirchgemeinderäte laut «Journal B» verhalten positiv zur Fusion äussern – Sorge bereitet der Verlust von Autonomie – gehört die Exekutive der Kirchgemeinde Paulus zu den vehementesten Gegnerinnen des Projekts.

Wie es zur heutigen Struktur kam

Die Gesamtkirchgemeinde Bern entstand 1875 als Folge eines Vertrags zwischen der Stadt Bern und den drei Kirchgemeinden Heiliggeist, Münster und Nydegg. Seither ist sie für die Finanzen und die Liegenschaften der Berner Kirchgemeinden verantwortlich. Bis 1960 entstanden durch das Bevölkerungswachstum in der Stadt Bern zudem neun weitere Kirchgemeinden mit eigenständigen Kirchgemeinderäten und Reglementen.

Doch die Zeiten des Wachstums sind für die Kirchgemeinden schon lange vorbei. Mittlerweile haben sie Mühe, genügend Freiwillige für ihre Kirchgemeinderäte zu finden. Die fusionierte Kirchgemeinde soll deshalb nur noch eine Exekutive und ein Parlament haben. Als Ersatz für die Kirchgemeinden sollen Kirchenkreise geschaffen werden, deren Räte sich «ganz dem kirchlichen Leben widmen» und über die Anstellung von Pfarrpersonen entscheiden können, wie im Bericht zur Fusion zu lesen ist. (pef)

«Unsere heutige, lebendige Kirchgemeinde im Quartier ist bei einer Fusion eine Auslaufgemeinde, die aufgelöst wird», sagt deren Präsident Benedict Christ. Die gebündelten Ressourcen würden vielmehr anderen Kirchgemeinden – nach der Fusion Kirchenkreise – zugutekommen. Ausserdem argumentiert Christ mit den höheren Verwaltungskosten, die eine Fusion nach sich ziehen würde.

Er ist überzeugt, dass die interessierten Mitglieder vorwiegend gegen die Fusion sind. Allerdings hatten diese den Kirchgemeinderat schon einmal zurückgepfiffen, als dieser frühzeitig aus den Fusionsverhandlungen aussteigen wollte. Damals wollten die Mitglieder das konkrete Projekt abwarten.

Wie Kirchgemeinderäte verschiedener Gemeinden betonen, schätzen sie das Interesse der Mitglieder an rechtlichen und strukturellen Fragen der Kirche als gering ein. Entsprechend tief dürfte die Wahlbeteiligung ausfallen – besonders an den Kirchgemeindeversammlungen, die eine physische Präsenz erfordern. Das erlaubt es den überzeugten Befürwortern oder Gegnern einer Fusion, das Abstimmungsergebnis mit wenigen Stimmen zu ihren Gunsten beeinflussen zu können.

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