Corona-Rückblick

Ein Jahr wie kein anderes

Seit genau zwölf Monaten hält die Corona-Pandemie die Schweiz in Atem. Welche Debatten haben die Kirchen in dieser Zeit beschäftigt, welchen Herausforderungen mussten sich die Pfarrerinnen stellen – und was gab trotz allem Anlass zur Hoffnung? Ein Streifzug durch das Archiv von ref.ch.

Ein Mitarbeiter der Stadt Zürich nimmt im Mai 2020 ein Plakat der Präventionskampagne ab. Die Pandemie sollte zu diesem Zeitpunkt aber noch lange nicht vorbei sein. (Bild: Keystone / Alexandra Wey)

Am 25. Februar 2020 meldete das Bundesamt für Gesundheit den ersten Corona-Fall in der Schweiz. Hiess es damals noch, die Regierung stufe die Gefahr für die Bevölkerung auch weiterhin als moderat ein, so stehen wir heute – ein Jahr danach – an einem ganz anderen Punkt.

Rund 550'000 Menschen haben sich bisher in der Schweiz mit dem Virus infiziert. Wie viele davon mit Spätfolgen zu kämpfen haben, lässt sich derzeit nicht feststellen. Die Angehörigen und Freunde von 9200 Menschen trauern um ihre Eltern, Grosseltern, Partnerinnen, Geschwister und Kollegen. Zwei Shutdowns, Kontaktbeschränkungen und wirtschaftliche Ängste zehren an den Nerven vieler, auch derjenigen, die bisher von der Krankheit verschont geblieben sind.

Für die Kirchen war dieses Corona-Jahr in mehrfacher Hinsicht eine Herausforderung. Zum einen mussten sie wie so viele andere Institutionen ihr Angebot vom einen Moment auf den anderen umkrempeln. Zum anderen stehen sie bis heute vor der Frage, wie sie den Menschen in dieser Zeit am besten Halt geben können. Mit Präsenzgottesdiensten? Telefonseelsorge? Oder mit einer ganz neuen Form der kirchlichen Arbeit? Und wie schaffen es Pfarrerinnen und Seelsorger, dabei selbst gesund zu bleiben – mental wie körperlich?

Die Redaktion von ref.ch hat das Archiv nach Artikeln zum Thema Corona durchforstet und Beiträge zusammengestellt, die den Verlauf der Pandemie, aber auch der Diskussionen innerhalb der Kirche wiedergeben. Manches liest sich bedrückend, manches aus heutiger Sicht erstaunlich. Manches davon gibt aber auch Hoffnung.

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«Ocean Viking» wegen Coronavirus in Quarantäne

Im Februar 2020 schien das Coronavirus in der Schweiz noch weit entfernt. Es überrascht darum kaum, dass die erste Meldung von ref.ch dazu eher eine Randnotiz war: In Italien war das Rettungsschiff «Ocean Viking» von den Behörden unter Quarantäne gestellt worden. Hätten wir damals schon gewusst, was noch kommen würde – wir hätten sicher einen anderen Start für unsere Corona-Berichterstattung gewählt.

Corona-Virus: Kirchen bekommen Einschränkungen zu spüren

Bereits wenige Tage danach war das Virus in der Schweiz angekommen. Der Bundesrat gab die ersten Massnahmen bekannt und auch die Kirchen begannen vorzusorgen. Es war der Beginn einer Phase voller Unsicherheiten, Krisensitzungen und Orientierungspapieren.

«Es kommt schon gut!»

Bis Mitte März spitzte sich die Lage rund um das Coronavirus weiter zu. Wir wollten damals von einem Pfarrer, einer Spitalseelsorgerin und einem Zen-Lehrer wissen, wie sie und die Menschen, mit denen sie im Gespräch sind, mit der Situation zurecht kommen. Der Artikel wurde am 16. März publiziert. Am gleichen Tag verkündete der Bundesrat den Shutdown. Ob der Titel des Artikels danach noch gleich gesetzt worden wäre?

Corona-Shutdown fordert die Kirchen heraus

In Bezug auf die Corona-Massnahmen der Kirchen glich die Schweiz bis zum 16. März einem Flickenteppich: Hier wurden lediglich die Konfirmationen verschoben, dort sämtliche Gottesdienste eingestellt. Mit dem Shutdown schuf der Bundesrat Klarheit: Keine Gottesdienste mehr bis zum 19. April. Die Suche nach Alternativen zum gewohnten kirchlichen Leben begann.

Kirchgemeinden gehen in die Streaming-Offensive

Schnell war klar, welch wichtige Rolle das Internet in dieser Zeit für die Kirchen spielen würde. Viele Gemeinden setzten auf Streaming und Aufzeichnungen. Für die meisten war es eine ungewohnte Premiere. Doch manche konnten auch von ihren Erfahrungen profitieren.

Corona-Pandemie trifft ökumenische Kampagne hart

Ebenso schnell wurde aber auch klar, dass Pandemie und Shutdown viele negative Konsequenzen haben würden. So warnte die Dargebotene Hand schon früh vor psychischen Problemen, und die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz lancierte einen Spendenaufruf für die Flüchtlinge auf Lesbos. Derweil wollte die Ökumenische Kampagne auf das Thema Saatgut aufmerksam machen. Wegen Corona allerdings verlief bei den Aktionen kaum etwas so wie geplant.

Kirchen lancieren Oster-Aktion

Karfreitag und Ostern mussten 2020 neu gedacht werden. So spannten etwa die grossen Kirchen zusammen und setzten ein Zeichen der Hoffnung und Solidarität.

Mit einer Corona-Bibel gemeinsam gegen die Einsamkeit

Einen ganz eigenen Lichtblick setzen wollten auch Uwe Habenicht und Roman Rieger: Sie lancierten das Projekt der Corona-Bibel. Die Idee dahinter: Durch das Abschreiben der gesamten Bibel sollten sich verschiedene Menschen in ihrer Isolation miteinander verbunden fühlen. Mittlerweile ist die Bibel online einsehbar.

«Zu den Vulnerablen gehören nicht nur unsere Grosseltern»

Die Situation der Flüchtlinge an den Aussengrenzen Europas war im Frühling 2020 immer wieder Thema. Die drei Landeskirchen und das Netzwerk Migrationscharta appellierten an den Bundesrat, Menschen aufzunehmen, deren Situation sich wegen der Pandemie zuzuspitzen drohte. Daran erinnerte auch die Theologin Andrea Bieler im Interview über Verletzlichkeit und Solidarität in der Corona-Krise.

Er schickt Bach in den Kampf gegen Covid-19

Eine Geschichte, die aufmunterte, war die des Organisten Elie Jolliet: «JSB_1685 vs. Covid-19 – Das grosse Duell» nannte er seine Livekonzerte, die er jeden Mittwoch gab und in denen er Bach gegen Covid antreten liess.

Weiterhin keine Gottesdienste

Mitte April gab der Bundesrat seine Ausstiegsstrategie aus dem Shutdown bekannt. Gottesdienste sollten bis zum 8. Juni keine stattfinden. Nur bei Beerdigungen wurde schon früher eine kleine Lockerung in Aussicht gestellt.

«Der Tod ist in der Krise präsenter geworden»

Online-Gottesdienste waren das eine. Doch wie sollten Seelsorgende im Shutdown mit den Menschen in Kontakt bleiben? Wir fragten bei Judith Bennett, Pfarrerin in Küsnacht nach. Ein Interview über Einsamkeit, stundenlanges Telefonieren und einen komplett umgekrempelten Pfarralltag.

UN warnen vor massiven Hungersnöten

Die Krise hatte globale Auswirkungen. Bereits im April warnten die Vereinten Nationen vor massiven Hungersnöten aufgrund der Pandemie. Seither sind die Meldungen über verschärfte Konflikte, zunehmende Gewalt gegen Minderheiten und Rückschläge bei den Menschenrechten nicht mehr abgerissen.

«Gottesdienste dürfen vom Bundesrat nicht vergessen werden»

Ab Ende April gab es erste kirchliche Stimmen, die auf eine schnellere Lockerung für Gottesdienste drängten. Es war der Beginn einer Kontroverse, die bis heute andauert: Welche Rechte gelten für die Kirchen in Bezug auf die physische Präsenz in Kirchenräumen? Und muss alles, was erlaubt ist, auch tatsächlich gemacht werden?

Offener Brief wirft Fragen zu Gottesdienst-Öffnung auf

Die Reaktion liess nicht lange auf sich warten: Im Mai riefen mehrere reformierte Pfarrerinnen und Pfarrer in einem Offenen Brief dazu auf, über die geplante Öffnung der Kirchen für Gottesdienste nachzudenken. Insbesondere fürchteten sie, dass vulnerable Personen ausgeschlossen werden könnten.

«Der Schrecken sitzt uns noch in den Gliedern»

In der italienischen Provinz Bergamo starben in der ersten Welle der Pandemie mehrere tausend Menschen, Angehörige und Gesundheitspersonal standen unter Schock. ref.ch fragte bei Winfrid Pfannkuche, Pfarrer der Waldensergemeinde in Bergamo, nach, wie er den Ausnahmezustand erlebt hatte. Die Angst sei in der Stadt auch nach den ersten Lockerungen noch präsent, sagte Pfannkuche im Interview.

Onlinegottesdienste haben noch Luft nach oben

Ein erstes Fazit zu den Online-Angeboten der Kirchen zeigte: Viele konnten während des Shutdowns wertvolle Erfahrungen sammeln. Es gab allerdings noch Verbesserungspotenzial.

«Für diese Menschen ist die Krise noch lange nicht vorbei»

Immer wieder nahmen wir in diesem Jahr auch die Menschen am Rand in den Blick: Die Flüchtlinge in Griechenland, die Obdachlosen oder Sans-Papiers in der Schweiz. Hier zeigte sich, dass die Unterstützung der Kirchen für viele Projekte zentral war.

Pfarrerinnen lancieren grössten Onlinegottesdienst der Schweiz

Ein Highlight in Sachen Innovation war der Online-Gottesdienst, den Mirja Zimmermann-Oswald und Priscilla Schwendimann zu Pfingsten organisierten. Am Projekt, das unter dem Namen #churchunited lief, wirkten über 90 Personen aus allen Landesteilen mit. Daraus hat sich mittlerweile eine Community gebildet, die später einen Weihnachtsgottesdienst sowie ein Video zur Jerusalema-Challenge produzierte.

So feierten reformierte Kirchen nach den Corona-Lockerungen

Der Druck der Kirchen hatte gewirkt: Entgegen seines ursprünglichen Entscheides liess der Bundesrat Gottesdienste bereits Ende Mai – und damit rechtzeitig zu Pfingsten – wieder zu. Viele Gemeinden nahmen die Möglichkeit war, gemeinsam zu feiern. Andere warteten noch zu.

«Viele Wirte spürten nach dem Lockdown eine Ohnmacht»

Nach dem Ende des Shutdowns beruhigte sich die Lage zusehends und andere Themen wurden wieder wichtiger. Für diejenigen, die wegen der Pandemie nicht oder nur eingeschränkt arbeiten konnten, galt dies indes nicht. Wir fragten bei der Aargauer Gastroseelsorgerin Corinne Dobler nach, welche Sorgen die Wirte plagten und wie sie ihnen zu helfen versuchte.

Unsicherheit vor Corona-Herbst macht Pfarrern zu schaffen

Auf einen unbeschwerten Sommer folgte ein Herbst der Unsicherheiten. Würde die zweite Welle kommen, und wenn ja, wann und wie schlimm? Was würde das für die Gottesdienste bedeuten und könnte man so überhaupt für Weihnachten planen? Eine Herausforderung für Pfarrerinnen und Pfarrer.

Kirchen rechnen wegen Corona mit Einbussen

Schon früh hatte sich abgezeichnet, dass die Kirchen auch finanziell von der Pandemie getroffen würden. Dies vor allem wegen sinkender Steuereinnahmen. Wie hoch die Verluste genau ausfallen, ist nach wie vor offen. Erste Anhaltspunkte gaben einige Kirchenvertreter auf Nachfrage von ref.ch im September.

Bundesrat begrenzt Gottesdienste auf 50 Personen

Ende Oktober war es wieder soweit: Der Bundesrat untersagte Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen – darunter auch Gottesdienste. Einzelne Kantone erliessen strengere Massnahmen. Das befeuerte die Kontroverse vom Frühling aufs Neue.

Raus zu den Menschen

Gerade in der katholischen Kirche mehrten sich die Stimmen, die sich gegen die Einschränkungen bei Gottesdiensten wehrten. Doch auch in der reformierten Kirche war ähnliches zu hören. Der Zürcher Pfarrer Michael Wiesmann hielt in einem Gastkommentar dagegen. Statt sich auf die Präsenzgottesdienste einzuschiessen, sollten die Kirchen besser danach fragen, wo es sie denn wirklich braucht, schrieb er in seinem flammenden Plädoyer.

Theologen lancieren Erklärung zur Würde des Menschen

Im November waren so viele Menschen durch das Coronavirus gestorben wie nie zuvor in diesem Jahr. Damit rückte nicht nur der Tod in den Vordergrund, sondern auch die Frage, wie unsere Gesellschaft damit umgeht – und welchen Stellenwert wir den Verstorbenen in der Öffentlichkeit einräumen. Zwei reformierte Pfarrer und ein katholischer Theologiestudent lancierten deshalb eine Erklärung zur Würde des Menschen. Darin forderten sie, dass das Sterben nicht stillschweigend hingenommen werden dürfe.

«Bedürftige sollen an Weihnachten nicht auf der Strasse stehen»

Für viele bedürftige Menschen sind die Weihnachtsfeiern der kirchlichen Sozialwerke jeweils ein Lichtblick in der dunklen Jahreszeit. Die Pandemie nahm darauf keine Rücksicht. Doch in der Not zeigten sich die Werke erfinderisch. Eine Geschichte über soziales Engagement in Krisenzeiten.

«Viele Pfarrpersonen fühlen sich in der Corona-Pandemie sehr einsam»

Was tun Seelsorgende, wenn sie selber einmal Seelsorge brauchen? Unter anderem können sie sich an Esther Quarroz wenden. Die Theologin und ausgebildete Kunsttherapeutin sprach mit ref.ch über die Herausforderungen von Pfarrpersonen in der Pandemie, über unlösbare Differenzen und das Aushalten von Ohnmacht.

«Eine Extrawurst wäre schwer vermittelbar»

Weihnachten rückte näher, doch die zweite Welle war noch nicht wieder abgeflacht. Würde der Bundesrat neue Einschränkungen beschliessen – und damit den Weihnachtsfeiern und Christmetten einen Riegel schieben? Erneut appellierten die Landeskirchen an den Bundesrat und baten ausserdem um eine Lockerung bezüglich des Gesangs. Doch es gab auch Kritik an diesem Wunsch.

«Ich habe Pflegende weinen sehen»

Im Dezember spitzte sich die epidemiologische Lage mehr und mehr zu. In den Medien wurde über Triage debattiert und mehrere Spitäler machten auf die angespannte Lage auf ihren Stationen aufmerksam. Die Pflegenden waren am Anschlag, die Intensivbetten knapp. Wir wollten von Pfarrerin Barbara Oberholzer, die als Spitalseelsorgerin am Universitätsspital Zürich arbeitet, hören, wie sie die Situation erlebt. Es wurde ein bewegendes Interview.

Ein lauter Protest in stiller Form

Wie sollte die Schweiz den Menschen gedenken, die wegen des Coronavirus gestorben waren? Diese Frage trieb Simon Gehren und Roman Bolliger, Initiatoren der Corona-Mahnwachen, um. Wir fragten nach, warum ihnen die Erinnerung an die Toten wichtig ist und was sie sich von Politik und Gesellschaft wünschen.

«Die Corona-Krise ist auch eine Krise für die Menschenrechte»

Corona hat die Schwachen weltweit schwächer gemacht und gleichzeitig autoritäre Regimes noch härter durchgreifen lassen. «Eine Krise für die Menschenrechte», fasste dies Markus N. Beeko (53), Generalsekretär des deutschen Zweigs von Amnesty International, in einem Interview zusammen.

«Die Kirchgemeinden müssen Richter spielen»

Über Weihnachten und Silvester sah der Bundesrat noch von einer Verschärfung der Massnahmen ab. Am 13. Januar jedoch verkündete er einen erneuten Teil-Lockdown. Anders als im Frühling wurden die Kirchen indes ausgenommen, religiöse Feiern mit 50 Personen blieben weiterhin erlaubt. Der Ball lag damit bei den Kirchgemeinden: Sollten sie den erlaubten Spielraum ausnutzen oder besser ganz auf Präsenzgottesdienste verzichten? Kein einfacher Entscheid, wie Nachfragen von ref.ch zeigten.

«Eine Impfflicht wäre das letzte Mittel»

Der Januar war nicht nur geprägt von neuen Einschränkungen, sondern auch vom Start der Impfkampagne – der grössten in der Geschichte der Schweiz. Allerdings zeigte sich schnell, dass die Skepsis gegenüber der Corona-Impfung in Teilen der Bevölkerung gross ist. Wie damit umgehen? Das wollte ref.ch von drei Ethikern wissen.

Bedford-Strohm fordert mehr Impfstoff für arme Länder

Die Impfdebatte brachte den globalen Aspekt dieser Pandemie erneut in den Fokus. So mahnten Experten, dass Covid-19 kaum in den Griff zu bekommen sei, solange nur die Bevölkerung der reichen Länder geimpft würde. Kirchenvertreter riefen zudem zu mehr Solidarität mit den Ländern des Südens auf. Unter ihnen war auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm.

Damit sind wir im Jetzt angelangt. Gerade hat der Bundesrat wieder Lockerungen in Aussicht gestellt, die Zahl der Neuansteckungen ist im Vergleich zum Dezember stark gesunken. Gleichzeitig mahnen Epidemiologen weiterhin zur Vorsicht. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die kommenden zwölf Monate weniger aussergewöhnlich werden als die vergangenen.

* Die Artikel auf dem Zeitstrahl sind in chronologischer Reihenfolge angeordnet. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit entsprechen die Abstände zwischen den einzelnen Punkten aber nicht den realen zeitlichen Begebenheiten.