«Der Schrecken sitzt uns noch in den Gliedern»

Die italienische Provinz Bergamo befand sich viele Wochen im Würgegriff der Corona-Pandemie. Winfrid Pfannkuche, Pfarrer der Waldensergemeinde in Bergamo, hat den Ausnahmezustand miterlebt. Die Angst sei in der Stadt auch nach den ersten Lockerungen noch präsent, sagt er im Interview.

In der Provinz Bergamo wütete die Corona-Pandemie besonders heftig. Zeitweise mussten die Toten gar in anderen Regionen bestattet werden, hier auf einem Friedhof in der Nähe von Mailand. (Bild: KEYSTONE/APA/laPresse)

Herr Pfannkuche, am 4. Mai sind in Italien die ersten Lockerungen der Schutzmassnahmen in Kraft getreten. Sind die Strassen in Bergamo nun wieder belebter?
Die ersten Tage der sogenannten «Phase 2» haben wieder etwas Leben auf die Strassen, Parks und Wanderwege Bergamos gebracht. Aber es ist keine Freude ausgebrochen. Die Menschen sind eher von der Angst geprägt, dass man durch eine vorzeitige Öffnung in die erste Phase zurückfallen könnte. Deshalb verlief der Übergang ruhig und diszipliniert. Auch in der Kirche wollen wir nichts erzwingen. Der Schrecken der letzten Monate sitzt uns noch tief in den Gliedern.

Wie weit reichen die Lockerungen denn konkret?
Erstmals seit vielen Wochen dürfen die Menschen ihre Wohnungen verlassen, um in der Stadt zu spazieren oder zu joggen. Ausserdem dürfen sich Verwandte und Liebespaare wieder besuchen, sofern sie dabei die Abstandsregeln einhalten und eine Schutzmaske tragen. Die Mitteilung der Regierung diesbezüglich ist allerdings etwas vage. Zum Beispiel ist nicht klar, wie weit die Verwandtschaft gefasst wird. Weiterhin in Kraft ist die Reisesperre. Wer keinen triftigen Grund hat, darf die Region nicht verlassen.

Bergamo ist von der Pandemie regelrecht überrollt worden. Nirgendwo in Italien gab es so viele Tote. Wie haben Sie die Anfänge der Krise erlebt?
In unserer Waldensergemeinde hatten wir Ende Februar noch ein Fest. Das war zugleich das Wochenende der grossen Ansteckungswelle. Am 8. März erfolgte der offizielle Shutdown. Wir alle wollten am Anfang nicht wahrhaben, dass die Situation in Bergamo dramatischer war als in anderen Regionen Italiens. So richtig bewusst wurde uns das erst, als die Militärfahrzeuge mit den Särgen durch die Strassen rollten und praktisch ununterbrochen die Sirenen der Ambulanzen heulten. Oder als wir die Bilder der Dutzenden von Krankenwagen sahen, die sich vor dem Spital in Bergamo stauten. Das alles war sehr gespenstisch.

Wie reagierten die Menschen in dieser Situation?
Die Leute hier haben erstaunlich ruhig reagiert. Es gab keine Panik. Vielleicht hängt das ein bisschen mit der Mentalität dieses Bergvolkes zusammen. Die Einwohner gelten als nüchtern und pragmatisch, das Leben hier dreht sich zu einem grossen Teil um die Arbeit. Trotzdem war die Angst natürlich allgegenwärtig. Auch mit Schutzmaske haben wir uns kaum getraut, einkaufen zu gehen.

Als Pfarrer der örtlichen Waldensergemeinde hat sich auch Ihr Alltag schlagartig verändert. Was war die grösste Herausforderung?
Persönlich nahe gegangen ist mir, dass in kurzer Zeit vier Mitglieder unserer kleinen Gemeinde an dem Virus gestorben sind. Die Angehörigen als Seelsorger nur telefonisch begleiten zu können und sie nicht zu sehen, war ungewohnt für mich. Zudem waren die meisten Hinterbliebenen selbst auch infiziert. Diese Menschen waren somit doppelt belastet: Zum einen konnten sie von ihren im Krankenhaus verstorbenen Liebsten nicht mehr Abschied nehmen. Und zum anderen lagen sie selbst krank im Bett und mussten Angst um ihr Leben haben. Diese besondere Situation erforderte von mir mehr und intensivere Betreuungsgespräche.

Wie sehr litten die Menschen darunter, von ihren Angehörigen nicht mehr Abschied nehmen zu können?
Das war eine grosse Belastung für die Menschen. Ich habe miterlebt, dass Kinder ihre Eltern aus diesem Grund erst gar nicht ins Krankenhaus brachten. Sie hatten Angst, dass sie sie sonst nie mehr wiedersehen würden. Tatsächlich war das Gesundheitssystem ja nahe am Kollabieren. Diese Menschen starben dann manchmal sehr leidvoll zuhause, ohne Morphin und professionelle Betreuung. Auch bei den Beerdigungen herrschten desolate Zustände.

Inwiefern?
Der Friedhof in Bergamo ist aufgrund der vielen Toten sehr schnell an die Grenze seiner Kapazitäten gestossen. Die Särge stapelten sich in der Friedhofskapelle. Auch das Krematorium kam mit den Feuerbestattungen nicht nach. Die Stadt hat dann angefangen, die Särge in andere Regionen abzutransportieren. Eine Familie erzählte mir, dass ihr verstorbener Angehöriger nach Bologna gebracht und dort verbrannt wurde. Manche Familien wussten zeitweise nicht, wo ihr Verstorbener gerade war. Inzwischen hat sich die Situation zum Glück deutlich gebessert. Die Zahl der Infizierten sinkt rapide, und auch das Gesundheitssystem greift wieder.

Wie stark ist die Waldensergemeinde von der Krise betroffen?
Die Pandemie hat auch unsere Gemeinde nicht verschont. In unserem Altersheim sind 22 von 60 Bewohnern verstorben. Das ist eine menschliche Tragödie. Finanziell trifft uns besonders, dass die Kollekten durch das Gottesdienstverbot ausgefallen sind. Während der Quarantäne habe ich auf Hausgottesdienste gesetzt und unseren Mitgliedern meine Predigt per E-Mail oder WhatsApp geschickt. Ich habe sie dabei auch gebeten, die Kollekten für später zurückzulegen. Trotzdem ist absehbar, dass unsere Gemeinde durch die Krise grosse finanzielle Sorgen haben wird.

 

Winfrid Pfannkuche (51) ist Pfarrer der Waldensergemeinde von Bergamo. Sie zählt rund 250 Mitglieder.