«Die Unterstützung der Kirchen ist beeindruckend»

Am 29. November kommt die Konzernverantwortungsinitiative vors Volk. Bereits jetzt bringen sich die Befürworter in Stellung. Welche Rolle die Kirchen beim Abstimmungskampf spielen und worauf es fürs Gewinnen ankommen wird, erzählt Jan Tschannen, Theologe und Mitbegründer der Plattform Kirche für Konzernverantwortung, im Interview.

Personen einer breiten Koalition aus rund 80 Organisationen reichen im Oktober 2016 in Bern die Konzernverantwortungsinitiative ein. (Bild: Keystone/Peter Schneider)

Herr Tschannen, noch dieses Jahr soll die Konzernverantwortungsinitiative vors Volk kommen. Sind Sie bereit, in den Abstimmungskampf zu ziehen?
Ja, wir sind bereit. Schon seit zehn Jahren wird versucht ein Gesetz einzubringen, das Konzerne etwa für Kinderarbeit oder Umweltverschmutzung zur Rechenschaft ziehen soll. Das wurde immer verhindert. Es ist darum gut, dass es nun ernst wird. Viele, auch auf der bürgerlichen Seite und aus der Wirtschaft selbst, sind motiviert, die fehlerbaren Unternehmen endlich in die Pflicht zu nehmen. Denn wie sich gezeigt hat, war man bisher im Parlament nicht bereit, das Problem mit der Konzernverantwortung ernsthaft anzugehen.

Lange sah es so aus, als ob das Parlament den Initianten so weit entgegenkommen würde, dass der Vorstoss hätte zurückgezogen werden können. Der jetzige Gegenvorschlag sieht jedoch keine neuen Haftungsregeln für Unternehmen vor, sondern lediglich Berichterstattungspflichten. Was sagen Sie dazu?
Das ist ein Alibi-Vorschlag, der Täter schützt statt Opfer. Vor den Wahlen sah es noch ganz anders aus. Aber offenbar hatte das Lobbying von Economiesuisse und Swissholdings starken Einfluss auf die Parlamentarier. Die Sache mit der Berichterstattungspflicht ist reine PR für die Unternehmen. Es geht darum, eine Hochglanzbroschüre zu drucken, in der man sich verpflichtet, grundlegende Menschenrechte einzuhalten. Das ist purer Zynismus.

Warum?
Weil Menschenrechtsverletzungen nur mit rechtlichen Massnahmen geahndet werden können. Ich schreibe auch nicht einfach eine Entschuldigungskarte, nachdem ich jemanden umgebracht habe. Aber genau das wollen gewisse Konzerne.

Glauben Sie, dass sich mit der Initiative die Menschenrechte stärken lassen? Schliesslich hat das Parlament bei der Umsetzung das letzte Wort und da haben die grossen Wirtschaftsverbände, wie Sie sagten, grossen Einfluss.
Ja, die Initiative ist sorgfältig formuliert und greift. Und wir als Bevölkerung haben nun die Möglichkeit, unseren Parlamentarierinnen den Rücken zu stärken. Mit einem klaren Votum können wir ihnen den Auftrag mitgeben, den Volkswillen auch umzusetzen.

Auffallend ist, wie breit die Unterstützung für die Initiative ist. Gerade von kirchlicher Seite, auf der man sich unter dem Mantel «Kirche für Konzernverantwortung» zusammengefunden hat. Wie wichtig ist dieses Engagement?
Für mich ist diese Unterstützung unglaublich wichtig und beeindruckend. Bis jetzt wollen 400 Kirchgemeinden die Abstimmungskampagne unterstützen. Das sind 20 Prozent aller katholischen und reformierten Kirchgemeinden der Schweiz. Das letzte Mal, dass man hier ein so grosses politisches Engagement der Kirchen sah, war vor 30 Jahren beim Kampf gegen die Apartheid in Südafrika. Auch da ging es um die Verletzung der Menschenwürde und fundamentaler Grundrechte. Ich rechne deshalb auch damit, dass vor der Abstimmung noch viele Kirchgemeinden dazu kommen werden.

Worin sehen Sie den Grund für das starke Engagement der Kirchen?
Bei der Initiative geht es um christliche Werte. Um den Schutz der Menschenwürde und des Lebens, zum Beispiel. Das sind Themen, für die sich die Kirche immer und überall einsetzt. Zudem ist die Bibel durchdrungen von Geschichten, die davon handeln, sich für Schwächere einzusetzen. Deshalb fällt es den Kirchen wohl auch nicht schwer, sich hier klar zu positionieren.

Auf was werden Sie beim Abstimmungskampf setzen?
Entscheidend wird sein, ob die Einzelschicksale, die hinter dem doch sehr technischen Begriff «Menschenrechtsverletzungen» stecken, die Menschen berühren können. Zwar stehen die Unternehmen, die Flüsse vergiften oder die Luft so verpesten, dass Menschen davon krank werden, bei der Initiative im Fokus. Aber man darf dabei die Opfer nicht aus den Augen verlieren. Denn diese Menschen leben sowieso schon in Armut und werden noch zusätzlich geschädigt.