«Die Ideologie des Islamischen Staates lebt weiter»

Nachdem alle Gebiete des sogenannten Islamischen Staates im Irak zurückerobert wurden, kehren die Geflüchteten langsam in ihre Dörfer und Städte zurück. Dabei hilft ihnen das christliche Hilfswerk Capni. Dessen Mitbegründer, der irakische Erzdiakon Emanuel Youkhana, war zu Besuch in Zürich und erklärte, warum er an Frieden in der Region glaubt.

«Ich hoffe auf die junge Generation im Irak.» Emanuel Youkhana, Mitbegründer des christlichen Hilfswerks Capni.

Herr Youkhana, kürzlich ist die letzte Bastion des sogenannten Islamischen Staates (IS) gefallen. Ist der IS nun besiegt?
Zu sagen, dass der IS besiegt ist, wäre ein grosser Fehler. Zwar hat er seine Territorien und die Schlacht verloren, aber seine Ideologie lebt leider weiter. Die Kämpfer sind in den Untergrund gegangen und agieren nun als Schläfer. Im Irak gibt es deshalb immer wieder Anschläge.

Wie könnte der IS endgültig besiegt werden?
Die irakische Zentralregierung müsste das ganze Problem ernster nehmen. Es findet keine nationale Debatte darüber statt, warum der IS im Irak so gross werden konnte. Den Opfern des IS‘ wird beispielsweise seitens der Regierung lediglich gesagt, dass sie alles vergessen und nach vorne blicken sollen. Aber so einfach ist das nicht. Nur wenn Muslime, Jesiden, Christen, Juden und Mandäer lernen, friedlich miteinander zu leben, besteht Hoffnung auf Frieden.

Was braucht es dazu?
Es braucht ein nationales Bewusstsein, dass im Irak die unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften schliesslich alle unter dem gleichen Dach leben, im gleichen Staat. Leider scheitert die Regierung daran, dieses Bewusstsein zu schaffen. Dabei gäbe so viele Möglichkeiten. Man könnte zum Beispiel die heiligen Feiertage der unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften alle zusammen feiern oder Schulen nach christlichen, jesidischen oder muslimischen Prominenten benennen. Nur wer sich kennt, kann sich auch respektieren.

Wie und wo hilft Capni?
Wir konzentrieren uns zurzeit auf Projekte, die eine Heimkehr der Geflüchteten unter anderem in der Ninive-Ebene, im Norden des Iraks, erleichtern. Wir haben bis heute 1200 Häuser wieder in Stand gestellt, 32 Schulen und sieben Kirchen gebaut. Wir restaurieren auch zerstörte Geschäfte, damit die Menschen eine Arbeit, eine Perspektive haben und vergeben dafür Mikrokredite.

Eine der grössten Flüchtlings-Katastrophen war im August 2014 die Vertreibung und Ermordung von Jesiden in Sindschar. Wie haben Sie die Situation erlebt?
Wir waren schockiert und fragten uns, ob wir wirklich im 21. Jahrhundert leben. Die unschuldigsten Geschöpfe auf der Welt, die Kinder, mussten auf der Strasse schlafen. Es war schwer zu ertragen. Es heisst immer, die Welt sei dank der Globalisierung ein Dorf geworden. Aber wenn es um Menschenrechte geht, wird man plötzlich alleine gelassen. Trotzdem leisteten wir damals vor allem Nothilfe. Wir haben Notrationen, Decken und Hygiene-Packs abgegeben und mobile Kliniken aufgebaut.

Capni ist ein christliches Hilfswerk. Was bedeutet es, im Irak Christ zu sein?
Der Glaube ist sehr gefestigt, da wir die Last von Diskriminierung und Leid ertragen müssen. Aber als Christ sind wir Brückenbauer zwischen den Konfliktparteien. Das macht uns glücklich.

Glauben Sie, dass es für den Irak nach Jahrzehnten des Konflikts eine glückliche Zukunft gibt?
Ja. Die Frage ist nur, wie lange es dauert, bis wir friedlich zusammenleben können. Die Leute haben den Krieg satt, sie haben genug gelitten. Ich hoffe sehr auf die junge Generation. Die jungen Leute an den Universitäten sind sehr offen. Sie wollen ein neues, ein friedliches Kapitel in ihrem Land beginnen.

Der Iraker Emanuel Youkhana (60) ist Erzdiakon der Assyrischen Kirche des Ostens. Er ist Mitbegründer und Geschäftsführer des irakischen christlichen Hilfswerks Christian Aid Program Nohadra Iraq (Capni).