Kirchenratspräsidium Schwyz

Der Physiker, der an Gott glaubt

Wie politisch darf die Kirche sein? Sie soll zumindest die Konfrontation suchen und aushalten, findet Erhard Jordi. Die exakte Formel hat der Physiker und Präsident der Schwyzer Kantonalkirche aber noch nicht gefunden.

Statt mit Naturwissenschaften muss sich Erhard Jordi in seiner Rolle als Kirchenratspräsident häufig mit rechtlichen Fragen beschäftigen. (Bild: Alexandra Wey)

Auf dem Pult in einem Klassenzimmer in Schwyz stehen ein Massbecher, ein Wasserkocher und eine Herdplatte. Die ganze Bevölkerung spricht über die drohende Energiemangellage infolge des Ukraine-Krieges. Doch was ist Energie überhaupt? Das hat der «Bote der Urschweiz», eine lokale Zeitung, Erhard Jordi gefragt. In einem Video hantiert der Physik- und Mathematiklehrer mit den Objekten auf dem Pult und erklärt auf routinierte Art und Weise, dass Energie Leistung mal Zeit ist.

«Was ist an politischen Aussagen erlaubt, ohne dass man uns Vorwürfe macht?»
Erhard Jordi, Präsident der Evangelisch-reformierten Kantonalkirche Schwyz

Von letzterer hat Jordi bald mehr. In Kürze geht der 63-Jährige in Pension. Noch ist sein Terminkalender aber voll. Im Sitzungszimmer der reformierten Kirche in Brunnen nimmt er sich einen Moment Zeit für ein Gespräch. Seit zwei Jahren ist Jordi Präsident der Kantonalkirche Schwyz. Im Moment beschäftige ihn vor allem eine Frage, erzählt er. «Was ist an politischen Aussagen erlaubt, ohne dass man uns Vorwürfe macht?». Die Suche nach einer Antwort gleicht einem Minenfeld.

Das zeigte sich jüngst bei einer Abstimmung im Schwyzer Kantonsparlament, die Jordi vor einigen Wochen auf Trab hielt. Politiker von der FDP und der SVP wollten die Kirchensteuerpflicht für Unternehmen abschaffen (ref.ch berichtete). Sie ärgern sich bis heute über das Engagement mancher Kirchgemeinden für die Konzernverantwortungsinitiative (Kovi), die 2020 am Ständemehr gescheitert ist. Im Kanton Schwyz lehnten über 68 Prozent der Stimmberechtigten die Initiative ab.

Die Meinungen sind gemacht

Gemeinsam mit der katholischen Kirche setzte sich der reformierte Kirchenratspräsident Jordi zwar erfolgreich gegen den Steuerabschaffungs-Vorstoss aus FDP- und SVP-Kreisen ein. Dennoch bereitet ihm Sorge, dass Gesprächsversuche mit den Motionären ins Leere liefen. «Ich habe ihren Ton nicht gefunden und sie meinen nicht.» Zu verhärtet seien die Fronten gewesen.

Als ehemaliger Rektor und Mediator hat Jordi gelernt, zuzuhören und zu vermitteln. (Bild: Alexandra Wey)

Auch er ist der Meinung, dass manche Kirchgemeinderäte bei der Kovi vorschnell und ohne Rücksicht auf ihre Gemeindemitglieder eine Parole beschlossen hätten. Die Lehren daraus seien jedoch gezogen worden: Die Kirchgemeinden halten sich seither mehrheitlich zurück, wenn es um politische Themen geht (ref.ch berichtete).

«Physiker, die nach einem Beweis für die Existenz Gottes suchen, laufen immer Gefahr, in einen Kreationismus abzurutschen.»
Erhard Jordi, Präsident der Evangelisch-reformierten Kantonalkirche Schwyz

Doch auch für diese Position erntete die Kirche vor der Abstimmung zum Klimaschutzgesetz Kritik. «Klimaschützer haben gefordert, dass die Kirche klarer Stellung bezieht», sagt Jordi. Dafür fehle jedoch die gesellschaftliche Akzeptanz. Jordi spricht von einem Dilemma – im Kanton Schwyz dürfte es noch etwas ausgeprägter sein als anderswo. Während sich die Stimmberechtigten der Schweiz letztlich klar für das Klimaschutzgesetz aussprachen, lehnte es die Bevölkerung im Kanton Schwyz fast ebenso klar ab.

Die Wissenschaft beweist, der Glaube leitet

Geht es ums Klima, geht es auch um zwei Bereiche in Jordis Leben, die sich normalerweise in verschiedenen Sphären bewegen: Die naturwissenschaftliche und die spirituelle. «Physiker, die nach einem Beweis für die Existenz Gottes suchen, laufen immer Gefahr, in einen Kreationismus abzurutschen», sagt Jordi. Das sei nichts für ihn, weil er seinen Glauben definitionsgemäss nicht beweisen müsse.

«Die Bewahrung der Schöpfung ist eines unserer kirchlichen Kernthemen.»
Erhard Jordi, Präsident der Evangelisch-reformierten Kantonalkirche Schwyz
Zur Person

Erhard Jordi wuchs in Muttenz im Kanton Baselland auf. Nach seinem Doktorat an der Universität Basel zog er mit seiner Familie nach Brunnen und trat eine Stelle am Gymnasium Schwyz an. Später leitete er zehn Jahre lang die Schule – er war der erste reformierte Rektor am einst sehr katholischen Kollegium – bevor er sich wieder auf das Unterrichten konzentrierte. Zudem absolvierte er einen CAS als Mediator. Ende Juli geht er in Pension.

Nach sechs Jahren im Kirchgemeinderat von Brunnen-Schwyz wurde er 2021 Präsident der Evangelisch-reformierten Kantonalkirche Schwyz. In seinem Motivationsschreiben hielt er fest, dass er sein Amt zur Verfügung stellen würde, falls eine junge Frau es übernehmen möchte – was bisher jedoch nicht der Fall ist. In seiner Freizeit fotografiert und liest Jordi gerne. Zudem unternimmt er Velotouren und ist passionierter Fasnächtler.

Die Evangelisch-reformierte Kantonalkirche Schwyz ist erst 25 Jahre alt, zuvor waren die sechs Kirchgemeinden dem Evangelisch-reformierten Kirchenverband der Zentralschweiz angegliedert. Die Kantonalkirche Schwyz zählt 17’500 Mitglieder. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt etwas mehr als zehn Prozent. (pef)

Genauso wenig kann er dem Konzept eines Gottes als «Uhrmacher» abgewinnen, der die Welt in Gang gesetzt hat und sich dann zurücklehnt. Das sei ihm zu deterministisch, sagt Jordi. Der Glaube stifte ihm Lebenssinn und die Botschaft, dass er und alle anderen von Gott «gemeint sind». Dazu gehört laut Jordi, dass die Menschen über einen freien Willen verfügen.

Doch beim Klima greifen die beiden Lebensbereiche für einmal ineinander. Den Beweis für den Klimawandel und seine verheerenden Folgen hat die Wissenschaft erbracht. Jordi, der schon seine Dissertation an der Universität Basel zum Thema Sonnenenergie verfasst hat, zeigt sich von der Arbeit des Klimaforschers Reto Knutti beeindruckt. Geht es jedoch um die ethischen Schlüsse aus den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, kommt Jordis Glaube ins Spiel. «Die Bewahrung der Schöpfung ist eines unserer kirchlichen Kernthemen», sagt er. Eigentlich Grund genug, Position zu beziehen. Doch es bleibt schwierig.

Als Präsident der reformierten Kantonalkirche wünscht sich Jordi zumindest, dass die Institution gesellschaftlich relevant bleibt. «Das bedeutet, dass wir mit vielen Leuten in Kontakt bleiben, Konfrontationen suchen und auch aushalten.» Hätte die Kirche das vor 30 Jahren nicht getan, wäre Jordi heute vielleicht nicht ihr Präsident. Als er als junger Lehrer mit zwei Kollegen eine Lokalgruppe von Amnesty International gründete, wehte ihnen im Kanton Schwyz ein kalter Wind entgegen. Doch von der Kirche erfuhren sie Unterstützung. Ein wichtiger Grund, weshalb sich Jordi Jahre später entschloss, sich für sie zu engagieren.