«Fehler sind nötig, um zu lernen»
Frau Müller, schweizweit haben Frauen am 14. Juni gestreikt. Kurz zuvor hat eine reformierte Kirchenrätin öffentlich gemacht, dass sie ein Burnout hatte. Auch viele Pfarrerinnen sind stark beansprucht. Sie wollen Präsidentin der reformierten Zürcher Landeskirche werden. Offenbar zählen Sie nicht zu den erschöpften Kirchenfrauen.
Die Erschöpfung der Frauen ist eine Realität, nicht nur, aber auch in der Kirchenlandschaft. Frauen müssen mehr leisten, um in Führungspositionen zu kommen. Auch ich bin manchmal müde. Aber meine intrinsische Motivation und meine Freude an der Arbeit sind gross. Ich trage mir Sorge, indem ich einen Ausgleich schaffe – ich pflege beinahe täglich meinen Garten oder spaziere mit meinen zwei Hündinnen.
Sie klingen sehr entspannt. Unterschätzen Sie das Zürcher Kirchenratspräsidium?
Ich finde das Amt sehr anspruchsvoll. Ich habe Respekt davor, aber keine Angst. Ich weiss, was es heisst, grosse finanzielle Summen zu verwalten und sie einzusetzen. Ich bin erfahren darin, viele Menschen zu führen. Bei jeder neuen Aufgabe lernen wir einen Teil «on the job». Ich hätte Lust darauf, mich in Neues einzuarbeiten. Das Amt reizt mich auch, weil es an der Schwelle zu Theorie und Praxis ist.
Im Gegensatz zu Amtsinhaber Michel Müller und Herausfordererin Esther Straub waren Sie weder Synodale noch Kirchenrätin. Sie haben keine politische Erfahrung und arbeiteten sechs Jahre als reformierte Pfarrerin. Reicht so ein Profil aus für diesen Job?
Vielleicht ist es für die Zürcher Landeskirche sogar von Vorteil, wenn jemand von aussen kommt. National und international habe ich langjährige Kirchenerfahrung. Ich habe Reformprozesse in der Schweiz und in Deutschland begleitet und analysiert und mit verschiedenen Landeskirchen in der Schweiz und der Evangelischen Kirche Deutschland gearbeitet. Aus meiner Zeit in Bäretswil weiss ich, was es heisst, Ortspfarrerin zu sein. Ich bringe eine sehr breite inhaltliche und strategische Erfahrung mit. Das scheint mir genauso wichtig zu sein wie Jahre im Pfarramt oder in der Kirchenpolitik.
Angenommen, Sie würden gewählt werden. Welche Herausforderungen würden Sie zuerst angehen?
Ich möchte das Narrativ, dass die Kirche «älter, ärmer, kleiner» wird, ändern. Es birgt die Gefahr, zum Beispiel Ortsgemeinden zu entmutigen. Die Ortsgemeinden und deren Autonomie sind mir sehr wichtig. Daher würde ich dort präsent sein und nach aussen gehen. Dort engagiert sich unsere Basis: die Kirchenpflegerinnen, die Freiwilligen. Gleichzeitig müssen wir in Zukunft Kirche anders denken, regionaler, digitaler. Ich möchte das Arbeitsklima verbessern. Ich höre immer wieder Klagen über mangelnde Wertschätzung. Ich will aufzeigen, dass wir in der Kirche Hoffnung haben dürfen.
Wie meinen Sie das?
Für mich ist Kirche überall da, wo sich die «Christusverheissung» ereignet. Das kann etwa dann sein, wenn ich mit Studierenden über den Klimawandel rede und diese sich nach dem Gespräch gestärkt fühlen, Dinge zum Guten zu ändern. Kirche kann im Kleinen passieren, dort, «wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen.» Ich denke Kirche als Institution und Organisation – aber auch als Bewegung und Moment.
Sie haben ein wertschätzendes Arbeitsklima angesprochen. Dieses herrscht auch an einer Universität nicht immer. Birgt das Zürcher Kirchenratspräsidium nicht die Gefahr, von einem Haifischbecken im nächsten zu landen?
Als Frau eine Führungsposition zu übernehmen, heisst manchmal, in einem Haifischbecken zu schwimmen. Konflikte gehören zu Managementaufgaben. Es ist mir nicht fremd, klar Stellung zu beziehen. Das hat mir die Freude und Energie an meiner theologischen Arbeit nicht vertrieben. Zentral ist, solidarische Gemeinschaften zu schaffen, besonders für und mit Frauen. Es ist wichtig, an der Spitze der Zürcher Landeskirche eine Frau zu haben.
Wieso?
Wir haben eine Vorbildfunktion. Bei meinen Studentinnen erlebe ich oft, dass sie ermutigt werden, wenn sie eine Frau vor sich haben und sehen: «Es ist möglich.» Arbeitskollegen wird mehr zugetraut als Arbeitskolleginnen. Und wir haben noch immer zu wenig Frauen in kirchlichen Leitungsfunktionen.
Sabrina Müller ist Privatdozentin für Praktische Theologie und Geschäftsleiterin des Universitären Forschungsschwerpunktes «Digital Religion(s)» sowie Co-Direktorin des Zentrums für Kirchenentwicklung der Universität Zürich. Die 43-Jährige ist in Gossau im Zürcher Oberland aufgewachsen. Der Region ist sie verbunden geblieben, wohnt heute aber in Hinwil. Müller ist verheiratet, sie hat zwei Chihuahua-Hündinnen aus dem Tierschutz.
Sabrina Müller tritt als Kandidatin der Liberalen Fraktion ausschliesslich für das Kirchenratspräsidium an. Als Kirchenrätin zur Wiederwahl vorgeschlagen haben die Liberalen Katharina Kull. Kirchenrat Andrea Bianca dagegen hat die Fraktion nicht mehr aufgestellt, da mit den Kandidaturen von Müller und Kull bereits die beiden Liberalen Sitze vergeben wären. Bianca tritt nun möglicherweise als Fraktionsloser für die Wiederwahl als Kirchenrat an, er ist seit 16 Jahren im Kirchenrat und seit acht Jahren Vizepräsident. (jow)
Sie führen momentan ein Team von rund 45 Personen. Was sind Ihre Führungsgrundsätze?
Ich bin eine Teamplayerin. Mir ist es sehr wichtig, verschiedene Stimmen anzuhören. Das heisst nicht, dass ich nicht entscheiden kann. Auch Fairness, Gerechtigkeit sind zentral, und ein nicht-diskriminierendes Umfeld. Bei jeglicher Form von Grenzverletzung schreite ich sehr schnell ein.
Sie haben über zehn Jahre als Praktische Theologin an der Universität Zürich gearbeitet. Welches sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse aus Ihrer Forschung und mit welcher Konsequenz lassen diese sich in einer so grossen Landeskirche, wie Zürich es ist, umsetzen?
Mir geht es um Haltungen. Das klingt theoretisch, aber damit meine ich Werte wie Freude, Hoffnung und Wertschätzung – aber auch Fehlerfreundlichkeit und Risikobereitschaft. Wir müssen ein risikofreudiges Klima schaffen und lernen, dass Fehler nötig sind, um zu lernen und uns zu entwickeln.
Sie sind Geschäftsleiterin an der Universität Zürich. Würden Sie Kirchenratspräsidentin, wäre dies das Ende Ihrer akademischen Laufbahn?
Natürlich kann ich nicht mehr Geschäftsleiterin sein. Aber in Deutschland sind Kirchenleitende oft akademisch tätig, indem sie zum Beispiel einmal im Jahr ein Seminar unterrichten. So etwas könnte ich mir für mich vorstellen. Ich bin in Kontakt mit Studierenden, und diese lernen Kirche von einer anderen Seite kennen.
Dem Vernehmen nach haben Sie sich für verschiedene Professuren im Ausland beworben. Ist die Kirchenratskandidatur für Sie bloss eine Notlösung, wenn es damit nicht klappt?
Bewerbungsverfahren im akademischen Kontext dauern oft sehr lange. Von der Ausschreibung bis zu einem Ruf kann es zwei Jahre dauern. Ich habe mich im vergangenen Sommer für verschiedene Positionen im Ausland interessiert, weil sie der nächste logische Karriereschritt sind. Damals war die Diskussion um meine Kandidatur als mögliche Kirchenratspräsidentin noch gar nicht im Gang.
Wie ist es zu Ihrer Kandidatur gekommen?
Ich bin angefragt worden, ob ich mir so etwas grundsätzlich vorstellen könnte. Die Liberale Fraktion hat mich für ein Referat eingeladen. Dabei durfte ich die Synodalen der Fraktion kennenlernen und sie mich. Anschliessend haben wir viele Gespräche geführt. Die Wahlkommission hat mit verschiedenen potenziellen Kandidatinnen Gespräche geführt. Am Ende ist die Wahl auf mich gefallen. Mein Profil passt zu jenem der Fraktion.
Sie sind evangelikal sozialisiert, bezeichnen sich aber als «liberale Theologin». Wie passen diese Welten zusammen?
In meiner Biografie habe ich verschiedene theologische Glaubensrichtungen kennengelernt. Ich komme aus einem kirchenfernen Umfeld, war als junge Erwachsene im Cevi Gossau. Diese Kirchgemeinde gilt als eine der frommsten im Kanton Zürich. Darauf beruht meine evangelikale Prägung. Dafür bin ich dankbar, denn ich habe in Gottesdiensten vor 300 jungen Menschen gepredigt und erfahren, wie lebendig Kirche sein kann. Durch meine Zeit in den USA und durch die Arbeit an der Universität habe ich mich mit neuen Theologien auseinandergesetzt. Das war ein Lernprozess.
Inwiefern?
Das männliche Gottesbild oder der substanzielle Gottesbegriff, in dem Gott Vorgaben macht und ich als Mensch bloss agiere, hat sich für mich nicht mehr erschlossen. Nicht akzeptierbar sind für mich jegliche Formen von Rassismus, Diskriminierung und Homophobie. Ich kenne queere Pfarrpersonen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung eine Stelle nicht erhielten. Gleichzeitig bin ich im Vorstand der ERF Medien, die ich zwischen Landeskirche und Freikirche ansiedle. Mit diesem Engagement habe ich kein Problem. Ich verstehe mich als Brückenbauerin zwischen verschiedenen Glaubenssprachen.
In den Sozialen Netzwerken haben Sie für Ihre Kandidatur Gratulationen aus aller Welt erhalten. Sie sind eine starke Netzwerkerin. Wo sehen Sie die Rolle der Zürcher Landeskirche in der Deutschschweizer Kirchenlandschaft?
Für mich entscheidet nicht allein die Budgetgrösse darüber, wer wie viel Stimme hat. Die Zürcher Kirche kann durch ihre Finanzstärke Diskurse eröffnen, aber jede Playerin hat etwas zu sagen. Es geht um das «bigger picture», also das grosse Ganze. Das heisst, wir sollten überlegen, wo wir Synergien schaffen können – ohne die jeweiligen Identitäten aufzugeben.