Kirchliche Medien
«Affaire Protestinfo»: Nun liegt der Bericht vor
Das Wichtigste in Kürze
Warum wurden die beiden «protestinfo»-Journalisten entlassen?
Die Untersuchungskommission der Konferenz der reformierten Kirchen der Westschweiz (CER) sieht weder Zensur noch journalistisches Fehlverhalten. Ausschlaggebend waren vielmehr anhaltende Spannungen mit einzelnen Kirchenleitungen und ein gestörtes Vertrauensverhältnis – insbesondere nach Recherchen zu Missbrauchsvorwürfen gegen einen bekannten Theologieprofessor aus der Waadt.
Welche Probleme stellte die Untersuchungskommission fest?
Der Bericht kritisiert vor allem strukturelle Mängel und eine unklare Governance bei «protestinfo» und «ref-médias». Den Journalisten habe eine redaktionell kompetente Führung gefehlt, die ihre Arbeit gegenüber dem Druck aus reformierten Kirchen der Romandie hätte schützen können.
Welche Konsequenzen empfiehlt der Bericht?
Die Kommission empfiehlt eine neue Direktion mit klaren Kompetenzen sowie eine bessere Trennung zwischen CER-Exekutivrat und Medienleitung. Zudem sollen Mitarbeitende der reformierten Kirchen in der Westschweiz zu Pressefreiheit, journalistischen Rechten und Pflichten sowie zum professionellen Umgang mit Medien geschult werden.
Neun Monate Untersuchung, 18 Seiten Bericht: Die Analysekommission um Pierre-Philippe Blaser und Gilles Cavin legt ihre Ergebnisse vor. Eingesetzt worden war sie von der Generalversammlung der Konferenz der reformierten Kirchen der Westschweiz (CER). Die fünfköpfige Kommission sollte die Umstände beleuchten, die zu zwei Entlassungen bei der kirchlichen Nachrichtenagentur «protestinfo» geführt haben.
Im Oktober 2025 waren die Journalistin und der Journalist überraschend entlassen worden. Die CER als Arbeitgeberin der Medienschaffenden begründete den Schritt mit einem «Verlust des Vertrauens» zwischen Kirchenlandschaft und Journalisten (ref.ch berichtete). Es hiess, nicht ein einzelner Artikel sei Schuld daran gewesen, sondern ein unüberwindbarer «Dissens» über die journalistische Arbeit.
Aus dem Umfeld der Journalisten hiess es hingegen, bei den Entlassungen handle es sich um Zensur: Das «protestinfo»-Team hatte zu Missbrauchsvorwürfen gegen einen Theologieprofessor recherchiert, der in der Romandie sehr bekannt ist. Mit den Entlassungen war auch die Recherche beendet. Aus Solidarität mit den Medienschaffenden erschienen offene Briefe (ref.ch berichtete). Nationale und internationale Medien berichteten über die Entlassungen.
Sogar der Europarat wurde auf das Thema aufmerksam. Er nahm den Fall auf und publizierte ihn auf seiner «Plattform für die Sicherheit von Journalisten» (ref.ch berichtete). Im Bericht der Kommission, der ref.ch vorliegt, heisst es, das Ansehen der reformierten Kirchen habe darunter stark gelitten.
Keine Zensur, keine missbräuchliche Kündigung
Die Analysekommission sichtete Unterlagen, Emails, Protokolle, Briefe, synodale Vorstösse und dergleichen mehr im Zusammenhang mit der Arbeit der Medienschaffenden. Sie sprach mit den Entlassenen, ihren Vorgesetzten, den Personalverantwortlichen und Vertretern des CER-Exekutivrats. Experten erstellten ein Rechtsgutachten und eine journalistische Expertise.
Am Ende sagt die Kommission, sie habe weder Anzeichen einer Zensur noch journalistischen Fehlverhaltens gefunden. Ausserdem schreibt sie, die Entlassungen seien im Sinne des Schweizer Arbeitsrechts «trotzdem nicht missbräuchlich» gewesen. Angesichts dieser Ambivalenz stellt sich die Frage: Weshalb erhielten die Journalistin und der Journalist die Kündigung?
CER-Vizepräsident Yves Bourquin erklärte im Oktober 2025 in den Westschweizer Medien, das Vertrauensverhältnis zwischen Kirchenmitarbeitenden und den «protestinfo»-Journalisten sei gestört gewesen. Er machte geltend, dass sich Vertreter der Landeskirchen Genf und der Waadt wiederholt bei der CER über die journalistische Vorgehensweise beschwert hätten.
Vorwürfe «unzutreffend» und «unangebracht»
Den Medienschaffenden wurden verschiedene handwerkliche Fehler vorgeworfen. Die Waadtländer Kirche legte ihnen ausserdem zur Last, sie hätten manipulative Fragen gestellt und eine Interviewpartnerin «in die Falle locken» wollen. Dies entkräftet die Untersuchung aber: Die Kommission hält fest, die Vorwürfe seien «unangebracht und unzutreffend». Die Arbeitsweise der Medienschaffenden habe der journalistischen Praxis entsprochen – verglichen mit weltlichen Medien, schreibt die Kommission, sei sie «eher konziliant» gewesen.
Der Arbeit von «protestinfo» stellt die Kommission objektiv ein gutes Zeugnis aus. Die Agentur habe 2024 mehr als 70 Veröffentlichungen in verschiedenen Westschweizer Zeitungen erreicht. Eine grosse Mehrheit der Kirchenmitglieder habe die Arbeit von «protestinfo» geschätzt, «sowohl hinsichtlich der Qualität als auch der Zahl der Übernahmen durch Westschweizer Zeitungen», heisst es im Untersuchungsbericht.
«Eine Nachrichtenagentur ist ein echter Vorteil für die reformierte kirchliche Institution», heisst es weiter, denn: «Sie unterstützt das Bild einer Kirche, die sich mit der Aktualität auseinandersetzt.» Doch innerhalb einiger Kirchenleitungen nahm man die Arbeit von «protestinfo» ganz anders wahr.
Fehlendes Verständnis für journalistischen Auftrag
Laut dem Bericht der Kommission gibt es dafür verschiedene Gründe. Unter anderem seien die Kirchenvertreterinnen und -Vertreter nur mangelnd auf die öffentliche Kommunikation und die Zusammenarbeit mit einer internen Nachrichtenagentur vorbereitet worden.
Folgerichtig stellten laut dem Bericht bereits ab 2022 manche Delegierte der Generalversammlung die Arbeit der Agentur in Frage: Wie könne sie Recherchen über Kirchen durchführen, von denen sie gleichzeitig finanziert werde – und Informationen erhalte, zu denen andere Medien keinen Zugang hätten?
In jenen Jahren habe der CER-Exekutivrat wiederholt vor der Generalversammlung den Unterschied zwischen institutioneller – kirchlicher – Kommunikation und journalistischer Information – durch «protestinfo» – erklären müssen.
In der folgenden Zeit sei es wiederholt zu Spannungen zwischen Protestinfo und den Mitgliedern verschiedener Kirchenleitungen gekommen. So sei ein Journalist der Agentur bei der Recherche zu Legaten der Genfer Kirche behindert worden. Man verwehrte ihm den Zugang zu einer Informationsveranstaltung und beschwerte sich anschliessend beim CER-Exekutivrat.
Wegen einer anderen Story beschwerte sich ein Synodalrat aus der Waadt beim CER-Rat. Schliesslich erarbeitete man gemeinsam eine neue redaktionelle Charta (ref.ch berichtete), um die Spannungen abzubauen. Gebracht hat es am Ende wenig.
«Schwergewichte der CER» störten sich
Was hatte zu dieser verfahrenen Situation geführt? Der Untersuchungsbericht sagt klar: Die Recherche und Berichterstattung über die Missbrauchsvorwürfe gegen den prominenten Theologieprofessor aus der Waadt. Als 2024 der erste Bericht über die Vorwürfe in «Le Temps» erschien (ref.ch berichtete), sei es zum Bruch im Verhältnis einzelner Kirchenverantwortlichen mit der Redaktion gekommen.
Lange hätten die reformierten Kirchen der Romandie akzeptiert, von «ihren eigenen» Journalisten kritisch beobachtet zu werden. Dann sei dies für einige «Schwergewichte der CER» zunehmend «lästig» und in der Folge sogar «unerträglich» geworden.
Die Autoren des Berichts schreiben, dass es innerhalb der Kirchen den Willen zur Veränderung der strategischen Ausrichtung der Nachrichtenagentur gegeben habe. Dafür hätte es Beratungen und eine Abstimmung im Rahmen der Generalversammlung gebraucht. «Gewisse Kirchen wollten jedoch schneller vorgehen», heisst es im Bericht, «indem sie sofortige personelle Massnahmen verlangten und an ihr Gewicht bei der Finanzierung der Agentur erinnerten.»
Die darauffolgende Doppelentlassung bezeichnet die Kommission als «mediale Katastrophe». Sie sieht vor allem strukturelle Probleme und mangelnde Governance als Gründe dafür.
Wie weiter?
«Während der Krise verfügten die Journalisten über keinen klaren hierarchischen Ansprechpartner», schreibt die Kommission. Der Direktor von «ref-médias» (früher: Médias-pro), zu der «protestinfo» gehört, habe keine Erfahrung im investigativen Journalismus. Ausserdem sei seine Entscheidungsbefugnis «auf Verlangen des CER-Exekutivrats so stark verwässert» worden, dass sie praktisch verschwunden sei.
«Es wäre jedoch notwendig gewesen, dass eine Person die Arbeit der Journalisten auf redaktioneller Ebene verfolgte, verstand und ihre Arbeit auf institutioneller Ebene schützte», schätzt die Kommission ein. Doch so waren sie dem Druck seitens einiger Kirchenleitungen ausgesetzt.
Der Bericht bezeichnet die Entscheidungsprozesse als komplex und die Verantwortlichkeitslinien als zu wenig transparent. «Es wäre notwendig gewesen, die Rollen des CER-Exekutivrats und der Direktion voneinander zu trennen», heisst es weiter.
Deshalb empfiehlt die Kommission, einen neuen Direktor einzusetzen, «der das Vertrauen der Kirche besitzt». Zusätzlich sollen innerhalb der Westschweizer Kirchen Schulungen durchgeführt werden, um den Mitarbeitenden die Rechte und Pflichten von Journalisten und den Umgang mit Medien zu vermitteln.