Medien

Aufregung in der Romandie um reformierte Publikationen

Zensur oder nicht? Darüber ist in der Romandie eine Debatte entbrannt. Zwei Journalisten der Agentur «Protestinfo» sind entlassen worden – vielleicht, um eine Missbrauchs-Recherche zu verhindern. Der Eklat kommt zu einer Zeit, in der die reformierte Medienwelt in der Westschweiz im Umbruch ist.
Die reformierten Kirchen in der Romandie publizieren über die Agentur Protestinfo und das Mitgliedermagazin Réformés eigene Inhalte. Nun hat Protestinfo keine Journalisten mehr, «Réformés» steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Foto: gab

Mitte Oktober hat der Rat der Konferenz der Reformierten Kirchen der Westschweiz (CER) die Chefredaktorin der reformierten Nachrichtenagentur Protestinfo, Anne-Sylvie Sprenger, und den Redaktor Lucas Vuilleumier entlassen (ref.ch berichtete). Zu Wochenbeginn ist ein Offener Brief publiziert worden, mit dem gegen diese Entlassung protestiert wird. Über 100 Medienschaffende, Professorinnen und Professoren, Mitarbeitende der Westschweizer Kirchen sowie einige Pfarrpersonen und kirchliche Mitarbeitende der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (Refbejuso) haben ihn unterzeichnet.

Sie werfen der CER Zensur vor: Sprenger und Vuilleumier hätten einen Missbrauchsfall recherchiert, den die Landeskirchen lieber «unter dem Deckel» behalten würden. Ein Mitglied des Kirchenrats der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Waadt, das gleichzeitig im Rat der CER sitze, habe die Entlassungen erwirkt. Dazu muss man wissen: Die Mitarbeitenden von «Protestinfo» unterstehen dem CER. Und deren Recherche befasst sich mit einer bekannten – aber ungenannten – Kirchenpersönlichkeit aus dem Kanton Waadt.

Angriff auf die Pressefreiheit?

Ein erster Artikel über den mutmasslichen Missbrauchsfall erschien im Sommer 2024 (ref.ch berichtete). Der Zeitung «Le Temps» sagten Sprenger und Vuilleumier nun, sie seien mit einer tiefergehenden Recherche dieses Falles beschäftigt gewesen, als sie die Kündigung «überraschend» traf. In verschiedenen Sendungen des Westschweizer Radios und Fernsehens (RTS) wurde Vuilleumier anschliessend befragt. Der Tenor: Die CER verletzt die Pressefreiheit. Der Offene Brief schliesst sich dem an. Es heisst darin unter anderem: «Eine Presseagentur steht nicht im Dienst einer Institution, sondern im Dienst des öffentlichen Interesses.»

Im Fernsehen Stellung beziehen konnte auch Yves Bourquin. Er ist Pfarrer, Präsident des Synodalrats der Evangelisch-reformierten Kirche Neuenburg und Vizepräsident der CER. Er sagte, die Entlassung der einzigen beiden Beschäftigten von «Protestinfo» habe nichts mit einer allfälligen Recherche zu tun. Ausschlaggebend seien «interne Gründe». Die Kündigungen seien das Ergebnis «eines Risses im Vertrauen zwischen der Kirchenlandschaft und der Redaktion der Agentur».

Zusätzlich vertrackt macht die Lage, dass die Mitgliedskirchen der CER gleichzeitig Geldgeber der Agentur und Gegenstand der Berichterstattung sind. Bourquin sagte, diese Ausgangslage sorge schon seit Jahren für Spannungen. Mitarbeitende der Mitgliedskirchen würden sich über die Arbeitsweise der Journalisten beschweren. Diese wiederum bemängelten, dass ihnen oft der Zugang zu Informationen verwehrt bleibe. Innerhalb der CER habe es 2023 eine Interpellation gegeben, sagte Bourquin, welche sich gegen die Arbeitsweise der Journalistinnen gerichtet habe.

Kritische Zeit für kirchliche Medien

Der Eklat um die Redaktion von «Protestinfo» ereignet sich in einer Zeit der Unsicherheit und der Veränderungen in der protestantischen Medienwelt der Romandie. Denn: Nicht nur «Protestinfo» steht nach der Entlassung der einzigen zwei Redaktionsmitglieder vor einer ungewissen Zukunft. Auch das Mitgliedermagazin «Réformés» wird tiefgreifende Veränderungen durchmachen. Beide Titel befinden sich unter dem Dach von «Médias-pro», einer Abteilung der CER.

Von der Agentur «Protestinfo» beziehen Westschweizer Medien Berichte über Themen aus der reformierten Kirche. Die Redaktion ist den Statuten nach unabhängig und soll reformierte Themen sichtbar machen. Manche Mitgliedskirchen der CER stellen die finanzielle Unterstützung der Agentur infrage, weil ihnen die Berichterstattung zu kritisch und voreingenommen erscheint. Yves Bourquin hat versichert, dass «Protestinfo» trotz der internen Kritik und der Entlassungen als journalistisch unabhängige Redaktion weiterbestehen werde.

Das Journal «Réformés» erschien bis anhin elf Mal pro Jahr in Papierform. Eine von den Mitgliedskirchen angestossene Neuausrichtung sieht nun vor, dass «Réformés» in Zukunft vor allem online publiziert wird und nur noch sechs Mal pro Jahr gedruckt erscheint. Das Magazin soll dann nicht mehr gratis an die reformierten Haushalte verteilt, sondern nur noch an Abonnenten verschickt werden. Damit soll sich die Publikation selbst finanzieren. Für die Redaktion vorgesehen sind 150 Stellenprozente. Medienexperten kritisierten diesen Schritt bereits im Juni: Einerseits genüge die Dotation einer solchen Redaktion nur für ein «Tourismus- oder PR-Journal», andererseits seien mindestens 20'000 Abos nötig für eine Selbstfinanzierung – und dies sei in der Romandie «sehr, sehr optimistisch» gerechnet.

CER befasste sich im September damit

An der Generalversammlung der CER Anfang September 2025 standen alle aktuellen Themen im Zusammenhang mit den eigenen Medien auf dem Programm. Über die Neuausrichtung des Journals «Réformés» wurde laut Protokoll kontrovers debattiert.

Ein weiteres Thema war die räumliche Zukunft von «Médias-pro». Weil die Redaktionen die gemeinsamen Räumlichkeiten verlassen müssen, braucht es eine Anschlusslösung. Die CER favorisierte den Kauf einer Immobilie, in die neben den Redaktionen auch die CER-Büros einziehen sollen. Bislang sind diese auf mehrere Kantone verteilt.

 «Médias-pro» hingegen möchte zusammen mit der katholischen Nachrichtenagentur «Cath.ch» um- und gemeinsam ein Grossraumbüro beziehen. Dadurch könne man die Miete teilen und redaktionelle Synergien nutzen. Bei dieser Weichenstellung entschied sich die Generalversammlung, den Kauf einer Immobilie weiterzuverfolgen.

Leitfaden für Zusammenarbeit

Und schliesslich wurde eine «Charta der institutionellen Zusammenarbeit zwischen den Kirchen der CER und der Presseagentur Protestinfo» besprochen. Weder auf der Traktandenliste noch im Protokoll wird sie erwähnt. Doch die Unterlagen liegen ref.ch vor, sind auf den Tag der Generalversammlung datiert und CER-Vize Bourquin erwähnte die Charta in seinem TV-Interview mit RTS.

Diese Charta soll das Vertrauen zwischen Kirchenmitarbeitenden und der Agentur wiederherstellen und den künftigen Umgang regeln. Sie ergänzt eine viel kürzer gefasste aus dem Jahr 2000, den Anfängen von «Protestinfo», – und lässt tief blicken in das Zerwürfnis, das Bourquin einen «Riss des Vertrauens» genannt hat.

Im Papier wird ein «Klima des Misstrauens und Notwendigkeit, Vertrauen wieder aufzubauen» seitens der Mitarbeitenden der Kirchen erwähnt. «Die Journalisten selbst», heisst es weiter, «möchten die Grundlagen für eine klare, selbstbewusste und anspruchsvolle Berufsethik schaffen».

Einfache Regeln festgehalten

In der Folge formuliert die Redaktion als Grundsätze, dass sie Themen nach öffentlichem Interesse und nicht nach Skandalpotenzial aussuchen wolle. Dass gründliche Recherche, Faktenprüfung, neutrale Sprache oder die Möglichkeit zur Korrektur bei Fehlern gewünscht sind – grundlegende Dinge der journalistischen Arbeit.

Im Gegenzug verpflichten sich die Kirchenmitarbeitenden in dieser Charta dazu, die redaktionelle Unabhängigkeit zu respektieren und einen offenen Zugang zu Informationen zu ermöglichen. Kritische Berichterstattung soll künftig akzeptiert und darauf verzichtet werden, die Agentur öffentlich zu diskreditieren.

Ausserdem verständigen sich die Parteien darauf, bei Konflikten ein dreistufiges Verfahren einzuhalten. Zuerst soll der direkte Dialog zwischen der Kirchenseite und der Redaktion stattfinden. Bleibt der Konflikt ungelöst, ist eine interne Mediation vorgesehen. Als letzte Instanz würde ein Ethik-Duo beigezogen, das von der CER eingesetzt wird.

Der Entwurf dieser Charta wurde Anfang September vorgestellt. Im November hätte er nochmals der Generalversammlung zur Genehmigung vorgelegt werden sollen und ausserdem hätten auch die Journalistenverbände die Charta prüfen sollen. Vor dem Hintergrund dieser Bemühungen ist es überraschend, dass die CER bereits im Oktober – einen Monat nach Vorstellung der Charta – die «Protestinfo»-Redaktion entlassen hat.

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