Missbrauchsvorwürfe holen Theologieprofessor ein
100'000 Franken. Um diese Summe ging es gemäss einer Recherche von protestinfo bei einer Vereinbarung Anfang der 2000er Jahre zwischen dem Kanton Waadt und der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons. Über mehrere Wochen gingen ein Journalisten-Duo Hinweisen nach und führte rund 80 Gespräche. Was die Recherche nun zeigt: Auslöser für die Vereinbarung soll ein Missbrauchsfall gewesen sein.
Ihren Anfang nimmt die Geschichte 1997. Eine Theologiestudentin kontaktiert die Meldestelle der Universität Lausanne (Unil) und sagt, dass sie zwei Jahre zuvor von einem ihrer Professoren sexuell missbraucht worden sei. Die Information bestätigt der ehemalige Dekan und Theologieprofessor Pierre Gisel. Sein Vorgänger habe ihn beim Antritt der Stelle über die hängige Beschwerde informiert.
Nur: Das Dossier mit der Beschwerde bleibt liegen. Vom Februar 1996 bis im Oktober 1997 war die Mediationsstelle unbesetzt, wie die Unil erklärt. Genauer will sie sich nicht zum Fall äussern, die Verantwortlichen verweisen auf den Persönlichkeitsschutz.
Erste Untersuchung ergebnislos
Der beschuldigte Theologieprofessor weist auf Anfrage von protestinfo die Darstellung zurück. Eine Beschwerde sei eingereicht worden, eine Untersuchung habe stattgefunden, nur sei dabei nichts herausgekommen. Der Fall sei deshalb zu den Akten gelegt worden, heisst es von seiner Seite. Für den Mann gilt die Unschuldsvermutung.
Die Studentin zieht die Beschwerde aus Angst vor Vergeltungsmassnahmen damals nicht weiter. Sie bittet lediglich darum, keine Kurse des Professors mehr besuchen zu müssen. Die Universität zeigt sich damit einverstanden.
Damit wäre die Angelegenheit abgeschlossen gewesen. Doch erst dann geschieht etwas, das den Fall wieder ins Rollen bringt. Der Ehemann der Studentin schliesst sein verkürztes Theologiestudium ab. Das Stipendium von 100'000 Franken müsste er dem Kanton Waadt zurückzahlen, sofern er nicht mindestens zehn Jahre lang als Pfarrer für den Kanton arbeitet.
Als er vom mutmasslichen Missbrauchsfall erfährt, schreibt er dem damaligen Präsidenten des Synodalrats der Waadtländer Kantonalkirche, Daniel Schmutz, einen Brief und fordert eine Erklärung. Eine Kopie lässt er auch dem Kanton zukommen. Ausserdem lässt der Mann seine Karrierepläne als Pfarrer fallen.
100'000 Franken-Darlehen erlassen
Der ehemalige Dekan der Universität Lausanne, Pierre Gisel, erinnert sich, dass ein Synodalrat ihm daraufhin gesagt habe, dass es zwischen Staatsrat Claude Ruey und Synodalratspräsident Daniel Schmutz zu einer Abmachung gekommen sei. Um das Ansehen der Kirche nicht zu beschädigen, werde seitens des Kantons auf die Rückerstattung der 100'000 Franken verzichtet. Zu diesem Zeitpunkt sind Kanton und Landeskirche eng verbunden, die Pfarrpersonen sind Kantonsangestellte.
Auf Anfrage händigt der Synodalrat protestinfo ein internes Protokoll aus, das auf den 3. September 2001 datiert ist. Darin steht, dass der Kanton aus «rechtlichen Gründen» auf seine Forderung gegenüber des Ehemanns der Theologiestudentin verzichtet. Weitere Kenntnisse zu diesem Fall habe der aktuelle Synodalrat nicht.
Damit konfrontiert, zeigt sich Staatsrat Claude Ruey heute überrascht. Er spricht von einer falschen Interpretation der Fakten. Der Staatsrat sei nie über Anschuldigungen gegen den Professor informiert worden. Bei der Abmachung, die im Rahmen üblicher Treffen zwischen dem Staatsrat und dem Kirchenrat stattgefunden habe, sei es um eine ausserordentliche Hilfsmassnahme für eine Person in Not gegangen. Einen Zusammenhang zwischen einem mutmasslichen Missbrauchsfall und dem Verzicht des Kantons auf eine Rückzahlung des Geldes weist er zurück.
Damalige Mitglieder des Synodalrats können sich auf Anfrage von protestinfo nur noch vage oder gar nicht mehr an eine finanzielle Vereinbarung erinnern.
Weitere Frauen melden sich
Weitere Dokumente zum Fall gibt es nicht, auch nicht in den Archiven des Kantons. Dafür gibt es weitere Anschuldigungen gegen den Theologieprofessor. Nach 2010 erhält die damalige Präsidentin des Waadtländer Synodalrats, Esther Gaillard, Hinweise von zwei weiteren Frauen zu wiederholten Grenzüberschreitungen des Beschuldigten. Sie bezeichnet die Aussagen als glaubwürdig.
Erst im vergangenen Juni haben sich die Synodalen der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) gegen eine Missbrauchsstudie auf nationaler Ebene ausgesprochen.
Eine aufwändige Dunkelfeldstudie hätte Missbrauch in der gesamten Gesellschaft untersuchen sollen – nicht nur innerhalb der evangelisch-reformierten Kirche. Das Thema hatte zuvor für hitzige Debatten gesorgt. Der EKS-Rat hat von der Synode den Auftrag erhalten, einen neuen Vorschlag für eine Studie auszuarbeiten. Eine konkrete Vorlage soll an der Sommersynode im kommenden Jahr vorgelegt werden. (pef/ dst)
Gemäss den beiden Personen habe der Professor seine Position ausgenutzt, um von Studentinnen sexuelle Gefälligkeiten einzufordern. Die damalige Synodalratspräsidentin Gaillard trifft nach eigenen Aussagen mehrmals Vertreterinnen der Universität, darunter einmal die Vize-Rektorin Franciska Krings.
Die Anschuldigungen liessen sich gemäss Krings allerdings nicht überprüfen. Ausserdem wurde keine Klage eingereicht. Deshalb wird nichts unternommen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Theologieprofessor bereits in Pension.
Die Gerüchte sind bekannt
Ehemalige Angestellte der Fakultät sagen aber, dass sie ähnlich lautende Gerüchte über das Verhalten des Mannes gehört hätten. Mehrmals taucht das Thema im Synodalrat wieder auf. So erhebt ein Theologe, der mit dem Fall der Theologiestudentin vertraut ist, 2019 in einem Brief an den Synodalrat schwere Vorwürfe. Der Synodalrat antwortet, dass nur betroffene Personen Klage erheben können.
Noch 2020 zeigt sich ein Mitglied des Synodalrats und ehemaliger Pfarrkollege des Beschuldigten besorgt über den Fall. Man könne nicht sagen, dass man nichts gewusst habe, steht in einem Dokument.
Im Dezember des letzten Jahres kontaktiert der Theologe, der sich schon 2019 gemeldet hatte, ein zweites Mal den Synodalrat. Daraufhin besucht eine Delegation den pensionierten Professor. Dieser streitet alle Vorwürfe ab.
Der Professor habe nichts mit der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Waadt zu tun gehabt, lässt die aktuelle Synodalratspräsidentin Anne Abruzzi verlauten – obwohl dieser nach wie vor zahlreiche Vorträge und Predigten in Kirchgemeinden des Kantons Waadt hält.
Fabio Peter hat den Artikel von «protestinfo» übersetzt und gekürzt. Er ist Redaktor bei ref.ch.
Nach Erscheinen des Artikels hat sich der ehemalige Staatsrat Claude Ruey bei den Redaktionen von protestinfo und ref.ch gemeldet und sich erneut zum Vorfall geäussert. Der 10. Abschnitt des Artikels wurde daraufhin ergänzt. Ruey hat zudem in einem Interview im Le Temps ausführlich Stellung zu den Vorwürfen genommen.