Missbrauchsvorwürfe
Westschweizer Kirchen setzen Zusammenarbeit mit Theologieprofessor aus
Was 2024 mit einer Recherche der kirchlichen Nachrichtenagentur «protestinfo» begann, mündet nun in einen Knall: Die Konferenz der reformierten Kirchen der Westschweiz (CER) empfiehlt ihren Mitgliedern, auf jegliche Zusammenarbeit mit einem ehemaligen Theologieprofessor und Mitglied des Waadtländer Pfarrkörpers zu verzichten.
Der Hintergrund: Zwei Frauen haben mutmassliche sexuelle Übergriffe des Professors gemeldet. Sie sollen sich in den 1990er-Jahren ereignet haben, als die Frauen Studentinnen dieses Professors waren.
Eine Journalistin und ein Journalist von «protestinfo» haben zu diesen Vorwürfen recherchiert (lesen Sie hier die deutsche Fassung des Artikels). Die Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» hat die Recherche im Juli 2024 veröffentlicht.
Strafverfahren eingeleitet
Vergangene Woche machte das Westschweizer Fernsehen RTS publik, dass die Waadtländer Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen den emeritierten Theologieprofessor eröffnet hat. Auslöser dafür sei eine Meldung des Synodalrats der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Waadt (EERV) im Februar 2026 an die Strafbehörden gewesen.
Journalisten von «Le Temps» waren am Montag an der CER-Generalversammlung. Die reformierten Kirchen sähen sich mit dem Vorwurf der Untätigkeit konfrontiert und dem «institutionellen Schweigen» im Umgang mit dem Theologen, dem mutmasslicher Missbrauch vorgeworfen wird, heisst es im «Le Temps»-Artikel sinngemäss. Der öffentliche Druck war gestiegen, seit das französische Magazin «Le Cri» den Namen des Beschuldigten genannt hatte.
Stellungnahme abgelehnt
Der emeritierte Professor sei an der Generalversammlung ebenfalls zugegen gewesen, schreibt «Le Temps» weiter. Er habe sich vor dem Plenum äussern und seine Sicht der Dinge darlegen wollen. Für den Theologen gilt die Unschuldsvermutung.
Doch für seinen Auftritt hätte die Traktandenliste angepasst werden müssen. Die Delegierten lehnten den entsprechenden Antrag ab. Zu «Le Temps» sagte der beschuldigte Professor, er warte ab, was das Strafverfahren ergebe. Und: «Ich weiss, dass ich keinerlei Gewalt ausgeübt habe.»
Die Zeitung zitiert aus der schriftlichen Stellungnahme des Theologen, die er nicht vorlesen konnte: «Falls ich ungeschickte Gesten der Vertraulichkeit gezeigt habe, entschuldige ich mich öffentlich dafür und bitte um Vergebung.» Vor dreissig Jahren seien «gewisse Grenzen» nicht so wahrgenommen worden wie heute. Die Anschuldigungen bezeichnet der Mann als «vage und unpräzise».
Unbequeme Recherche
Den Fall ins Rollen gebracht hat eine Recherche von «protestinfo». Nach einem ersten Artikel 2024 griffen die zwei Medienschaffenden der Agentur 2025 den Fall nochmals auf und führten die Recherche weiter. Als die Journalistin und der Journalist im Oktober des vergangenen Jahres freigestellt wurden, gingen manche davon aus, Exponenten der CER wollten damit die Recherche unterbinden.
Yves Bourquin, Präsident des Synodalrats der Evangelisch-reformierten Kirche Neuenburg und Vizepräsident der CER, verneinte dies öffentlich. Er sagte, ausschlaggebend für die Entlassung seien «interne Gründe». Sie seien das Ergebnis «eines Risses im Vertrauen zwischen der Kirchenlandschaft und der Redaktion der Agentur».
Gleichwohl verfassten Unterstützende der Medienschaffenden Offene Briefe zu ihren Gunsten. Die Plattform für die Sicherheit von Journalistinnen und Journalisten des Europarats löste Alarm wegen «mutmasslicher Verletzung der Medienfreiheit» aus (ref.ch berichtete). Daraufhin meldete sich sogar der Bund zu Wort und verschickte eine Stelllungnahme (ref.ch berichtete). Die CER lässt eine Untersuchung durchführen, die klären soll, wie es im Detail zu den Kündigungen bei «protestinfo» kam.