80 Jahre Kriegsende

Die Schweiz, meine Kippa und ich

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg und damit auch die Shoah. Wie fühlt es sich achtzig Jahre danach an, in der Schweiz jüdisch zu sein? Ein Gastbeitrag von Alfred Bodenheimer.
Ein Mann konzentriert sich in einer Synagoge auf einen Text, das Bild ist in Zürich aufgenommen. (Bild: Gaëtan Bally)

Mein Vater wäre dieses Jahr hundert Jahre alt geworden. Sowohl er wie auch meine Mutter, die sechs Jahre jünger war, waren Kinder eingesessener jüdischer Familien in Basel. Als sich Europa in ihrer Jugend in eine Todeszone verwandelte, ging ihr Leben und ging das Leben ihrer Gemeinde in Gehdistanz zu dieser Todeszone einfach weiter; in Freiheit und praktisch ohne Einschränkungen.

Späte Klarheit

Ich selbst bin zwanzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in derselben Stadt geboren und dort aufgewachsen. In meinem jüdischen Freundeskreis war ich fast der Einzige, dessen nähere Familie nicht von Verfolgung und Verlust in der Shoah gezeichnet war. Im Gegenteil – mein Grossvater hatte, wie mir erst später richtig klar wurde, etlichen der Verwandten meiner aus Wien stammenden Grossmutter und auch einigen anderen Menschen ausserhalb der Verwandtschaft zur Auswanderung verhelfen können und ihnen so das Leben gerettet.

Dass er meiner Urgrossmutter, die ihre letzten Jahre in Basel verbrachte, und den Schwestern meiner Grossmutter, die in London lebten, bei der Flucht geholfen hatte, war mir diffus bewusst, auch wenn nicht viel darüber gesprochen wurde. Andere Menschen erzählten mir erst als Erwachsenem, sie selbst oder ein Elternteil von ihnen seien von meinem Grossvater gerettet worden.

Fern der Furcht

Dieses Gefühl des Unbeschadetseins, dieses Vertrauen, als jüdischer Mensch nicht verfolgt zu werden, hat mich geprägt. Ich habe mich vor Antisemitismus kaum je gefürchtet, die wenigen Erfahrungen, die ich in meiner Jugend in dieser Hinsicht machte, eher als lästig und lächerlich empfunden. 

Mir fehlte jeder Reflex von Verfolgung oder Gefahr, als Kinder einer anderen Schule uns «Saujud» nachriefen. Ich fand das im höchsten Masse unterbelichtet und hatte eher Mitleid mit ihnen. Wenn jüdische Freunde sich darüber beklagten, fand ich das hysterisch und unbegreiflich.

Gefahr vor Aggressionen

Seit ich etwa zehn Jahre alt war, trug ich auf der Strasse immer die Kippa, später auch im Schweizer Militär und an der Universität – und dies tue ich heute noch. Die Kippa auf meinem Kopf war nie nur Teil meiner jüdischen Identität, sondern immer auch ein Bekenntnis zu einer Umgebung, die mir ihr Tragen in der Öffentlichkeit ermöglicht und damit ihrem Anspruch, eine freie Gesellschaft zu gewährleisten, gerecht wird.

Zur Person

Alfred Bodenheimer ist Professor für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums an der Universität Basel. Zwischen 2010 bis 2012 war der 59-Jährige Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Basel.

Bodenheimer schreibt zudem Kriminalromane. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern sowie Grossvater mehrerer Enkelkinder. (jow)

Es gab eine Zeit, in der ich erklärte, nirgends hinzugehen, wo ich meine Kippa nicht offen tragen könne, denn das hiesse, dass man mich dort nur in Ruhe lassen würde, wenn man nicht wisse, wer ich sei. Dieses Prinzip habe ich, vor allem hinsichtlich vieler Destinationen ausserhalb der Schweiz, inzwischen aufgeben müssen.

So erklärte der bekannte britische Rabbiner David Meyer vergangenes Jahr öffentlich, man könne heute in Teilen Grossbritanniens die Kippa nicht mehr offen tragen, ohne der Gefahr von Aggressionen ausgesetzt zu sein. In Frankreich und Teilen Schwedens warnen Exponenten der jüdischen Gemeinschaft davor, sich als Jude zu erkennen zu geben, in Berlin hat die Polizeipräsidentin jüngst erklärt, Juden mit Kippa sollten gewisse Stadtteile meiden.

Steigender Antisemitismus

In der Schweiz wurde die Gesellschaft, und nicht nur die jüdische, aufgeschreckt, als im März vergangenen Jahres ein jüdischer Familienvater mitten in der Stadt Zürich von einem islamistisch fanatisierten Jugendlichen niedergestochen, schwer verletzt und nur dank des beherzten Eingreifens von Passanten nicht getötet wurde.

Gewalt gegen jüdische Menschen hat es schon seit den 1990er Jahren immer wieder gegeben, Angriffe auf Leib und Leben auf der Strasse (wovon einer in Zürich 2001 tödlich endete) oder Brandanschläge auf Synagogen oder jüdische Geschäfte und Wohnungen. Tatorte waren neben Zürich etwa Lugano (2005), Genf (2007) oder jüngst Davos (2024), wie Medienberichte dokumentieren. Auch Antisemitismusberichte belegen die Steigerung der Anzahl an Vorfällen.

Wachsende Sensibilität

Im Detail scheint mir die Lage etwas komplexer, und ich möchte sie in dem Bereich schildern, der mir als Professor besonders gut bekannt ist: den Universitäten. Die Universitätsleitungen scheinen sich der Tatsache bewusst zu sein, dass Agitation, die Israels Existenzrecht abstreitet oder sich auf die Terrororganisation Hamas beruft, und das Propagieren des Boykotts israelischer Universitäten und Wissenschaftler nicht geduldet werden kann, weil es jüdischen – und nicht nur jüdischen – Universitätsangehörigen als unmittelbare Bedrohung erscheint.

Als Co-Präsident eines im vergangenen Jahr gegründeten Vereins zum Schutz jüdischer Hochschulangehöriger in der Schweiz weiss ich aus etlichen Kontakten, eigenen und solchen unserer Mitglieder, dass zumindest in der Deutschschweiz eine gewisse Sensibilität entstanden ist.

In der Romandie ist das anders. Agitation darf dort viel deutlicher ausgelebt werden. Boykotte werden offen diskutiert, und als einem offenen Hamas-Sympathisanten der auslaufende Lehrauftrag an der Uni Lausanne – notabene ohne unmittelbaren Bezug auf seinen politischen Aktivismus – nicht verlängert wurde, äusserte eine Boulevard-Zeitung den Verdacht, dies sei nur ein Einknicken vor dem autoritären politischen Wind, der seit Trumps Amtsantritt aus den USA herüberwehe. Die Universitätspolitik ist ein Spiegel der öffentlichen Meinung.

Volatile Sicherheit

Und gerade hier liegt ein Knackpunkt, der mir immer bewusster wird und mir auch Angst macht. Die Sicherheit der jüdischen Minderheit scheint nicht als moralischer Imperativ in Stein gemeisselt, sondern Objekt politischer Auseinandersetzungen und Stimmungslagen zu sein.

Ein relativ breiter Konsens scheint heute gegeben, doch wir wissen, wie schnell politische Stimmungen drehen können. Setzt der Staat, setzen sich Behörden und Schulleitungen auch noch für uns ein, wenn die öffentliche Meinung, aus welchem Grund auch immer, kippt, oder könnten uns dann Schutz und Goodwill entzogen werden?

Zeichen der Zugehörigkeit

Natürlich, ich bin nicht mehr der gutgläubige Jugendliche von einst, der vertrauensvoll auf die Umwelt schaut – allerdings brauchten damals die Synagogen, die jüdischen Gemeinde- und Schulhäuser hierzulande kein Sicherheitsdispositiv, geschweige denn professionelle Wachteams.

Die Kippa trage ich zumindest in meiner Heimatstadt Basel weiterhin offen, wenn auch nicht mehr ganz so unbelastet wie noch vor ein paar Jahren. Denn ich weiss, dass andere jüdische Menschen hier deswegen schon in verschiedener Weise belästigt worden sind. 

In diesem Sinne ist meine Kippa, die für mich seit jeher auch ein Zeichen meiner Zugehörigkeit, meiner Sorglosigkeit und meiner Übereinstimmung mit der Umwelt war, heute schon eher zum Symbol eines Wunsches und einer Aufforderung geworden: Nehmt mir nicht das weg in diesem Land, was mir das Teuerste überhaupt ist, nämlich nicht verstecken zu müssen, wer ich bin.


Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema