Antisemitismus
Deutlich mehr antisemitische Vorfälle
Insgesamt registrierten die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) und der Schweizerisch Israelitische Gemeindebund (SIG) in der deutsch-, italienisch- und rätoromanischsprachigen Schweiz im letzten Jahr 221 antisemitische Vorfälle, wie sie in ihrem Antisemitismusbericht 2024 schreiben.
Das sind 43 Prozent mehr als 2023 und sogar 287 Prozent mehr als 2022, dem Jahr vor dem terroristischen Angriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023. Während es vor 2023 kaum zu tätlichen Angriffen auf Jüdinnen und Juden gekommen war, gab es 2024 deren elf.
Massive Zunahmen seien auch bei den antisemitischen Aussagen verzeichnet worden, mit 103 gegenüber 38 im Vorjahr und 6 im Jahr 2022. Nach längerer Zeit wurden dem SIG auch wieder zwei Sachbeschädigungen gemeldet. Je 44 Fälle von Beschimpfungen und Schmierereien wurden registriert. Die Zahl der antisemitischen Auftritte lag bei 10, wie es weiter hiess.
Bei der Meldestelle sind laut dem Bericht rund 500 Meldungen eingegangen. Davon seien 170 als «eindeutig antisemitisch» eingestuft worden. Besonders in Zusammenhang mit Israel seien viele Schmierereien oder Slogans gemeldet worden, die nicht als antisemitisch klassifiziert werden könnten.
Vorwurf der Mitschuld
Ein zentrales Problem liege darin, «dass die Schweizer Jüdinnen und Juden vielfach als Israeli angesehen und so für militärische Aktionen und die Politik Israels verantwortlich gemacht» würden, schreiben GRA und SIG.
Dieses Denken habe laut Bericht auch zum Messerangriff eines 15-jährigen Schweizers mit tunesischem Migrationshintergrund auf einen jüdisch-orthodoxen Mann in Zürich geführt (ref.ch berichtete). Dabei hatte das Opfer nur mit viel Glück überlebt. Dazu kamen ein versuchter Brandanschlag auf eine Synagoge und weitere elf tätliche Angriffe.
Zusammenhang mit Nahost-Kriegen
Bei mindestens 45 Prozent als antisemitisch eingestuften Vorfällen in der realen Welt bestand laut SIG ein direkter Bezug zu den Kriegen im Nahen Osten. 1600 Online-Vorfälle wurden gezählt. Knapp jeder Dritte davon nahm auf die Kriege Bezug.
Seit Anfang 2024 überwacht der SIG das Internet mit einer speziellen Software, die Social-Media-Plattformen und Kommentarspalten nach bestimmten Begriffen durchsucht. Sie erkenne auch, ob die Posts aus der Schweiz stammen, heisst es.
Der grösste Teil der antisemitischen Vorfälle wurde auf dem Messenger-Dienst Telegram gesichtet (890). An zweiter Stelle folgten laut SIG die Kommentarspalten von Online-Zeitungen (300). Bei Tiktok wurden 103 Vorfälle entdeckt.
Gefühl der Unsicherheit
All diese Vorfälle verstärkten das Gefühl der Unsicherheit der jüdischen Gemeinde in der Schweiz. Viele Gläubige versteckten deshalb religiöse Symbole wie eine Kette mit Davidstern-Anhänger oder die Kippa. Eine Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) von 2024 habe das bestätigt.
SIG und GRA fordern von den Behörden eine Antisemitismusstrategie, griffige Massnahmen für Prävention und Sensibilisierung sowie eine wirksame rechtliche Handhabe gegen Online-Hassrede. (sda/ dst)