«Zu den Vulnerablen gehören nicht nur unsere Grosseltern»

Verletzlichkeit als menschliche Erfahrung gehört zu den Forschungsschwerpunkten der evangelischen Theologin Andrea Bieler. Im Interview erzählt sie, wie sie die Corona-Pandemie erlebt und warum Nächstenliebe auch in Krisenzeiten nicht an Staatsgrenzen enden darf.

Andrea Bieler lehrt Praktische Theologie an der Universität Basel. Gerade in Krisen müsse sich Theologie in die öffentliche Debatte einbringen. (Bild: Universität Basel)

Frau Bieler, wie hat Corona Ihren Alltag verändert?
Wie viele andere lebe ich mehr oder weniger in der Isolation. Seit über drei Wochen arbeite ich im Homeoffice. Die Universität Basel hat komplett auf Online-Teaching umgestellt. Das klappt im Grossen und Ganzen gut. Der Austausch mit den Studierenden ist sogar intensiver geworden. Trotzdem ist die Situation auch eine Belastung.

Warum?
Da ich allein wohne, habe ich keine physischen Kontakte mehr. Alles spielt sich über die virtuellen Medien ab. Ich bin noch nicht so lange in der Schweiz. Meine engsten Bezugspersonen leben woanders. Für mich als Westdeutsche ist die Einschränkung der Reisefreiheit zudem etwas völlig Neues. Vor allem beschäftigt mich, dass ich meine inzwischen hochbetagte Mutter nicht besuchen kann.

Die Corona-Pandemie löst bei vielen Menschen Verunsicherung aus. Wie haben Sie die letzten Wochen erlebt?
Mit sehr ambivalenten Gefühlen. In der Krise hat sich die ganze Spannbreite der menschlichen Natur gezeigt. Berührend fand ich die grosse Solidarität vieler Menschen. Ärztinnen, Gesundheitspersonal und viele Freiwillige auf der ganzen Welt arbeiten mit Engagement und manchmal bis zur Erschöpfung gegen das Virus an. Menschen riskieren und verlieren ihr eigenes Leben, um anderen zu helfen. Auf der anderen Seite wurde auch egoistisches Verhalten an den Tag gelegt.

Inwiefern?
Mich enttäuschte, dass die europäischen Länder auf die Hilferufe aus Italien erst einmal gar nicht reagiert haben. Jedes Land war sich selbst das nächste. Die Solidarität kam stattdessen aus Russland, China oder Kuba, die Ärzte zur Unterstützung der Spitäler in der Lombardei schickten. Bei uns sorgte man sich hingegen vor allem darum, ob der Schutz der eigenen Bevölkerung gewährleistet war. Man zog sich zurück und machte die Grenzen dicht.

Die Pandemie bringt viel Leid mit sich. Menschen erfahren Einsamkeit, werden krank oder verlieren Angehörige. Entdecken wir in der Krise, dass wir verletzliche Wesen sind?
Eine aktuelle Befragung in Deutschland ergab, dass sich die Menschen derzeit noch wenig bedroht fühlen. Das Vertrauen ins Gesundheitssystem ist noch intakt, auch bei Infizierten. Es ist also nicht so, dass in der Bevölkerung eine Todespanik wahrnehmbar wäre. Näher an uns herangerückt ist allerdings die Einsicht, dass die Medizin Pandemien unter Umständen nicht kontrollieren kann. Ob das zu einer bewussteren Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit führt, weiss ich nicht. Dafür ist die Bedrohungslage hierzulande vielleicht noch zu gering. Würden in Basel Militärfahrzeuge mit Särgen durch die Strassen fahren, wie das in der Lombardei der Fall ist, wäre die Situation eine andere.

Viel ist auch die Rede von der Krise als Chance. Wie sehen Sie das?
Es stimmt, dass Krisen grundsätzlich Potentiale für Veränderungen enthalten. Ob wir diese Chancen aber packen und in Zukunft zum Beispiel zu einer solidarischeren Gesellschaft finden, muss sich erst zeigen. Ich weiss ja noch nicht einmal für mein eigenes Leben, was nach der Krise von diesen Erfahrungen bleibt.

Gibt es denn positive Erfahrungen, die Sie mitnehmen möchten?
Als mit dem Shutdown zunächst viele meiner Termine weggefallen sind, habe ich eine grosse Erleichterung verspürt. Das Herunterfahren des öffentlichen Lebens hatte für mich zu Beginn auch etwas Beglückendes. Ich genoss die Stille und die Verlangsamung des Lebens. Zum Beispiel konnte ich mir viel mehr Zeit für Gespräche nehmen. Etwas von diesem Gefühl möchte ich mir für die Zeit danach bewahren.

Die Kirchen mischen sich derzeit sehr aktiv in die öffentliche Debatte. Wie kann die Theologie in der Krise helfen?
Ich glaube, dass das Christentum über gewisse Ressourcen gegen Panikmache und Pessimismus verfügt. Das christliche Menschenbild ist auch wesentlich von Krisen und der Frage, wie wir mit ihnen umgehen, geprägt. Ich meine damit etwa Themen wie Verbundenheit, Solidarität oder Nächsten- und Selbstliebe. Heute stellt sich zum Beispiel die Frage, was Nächstenliebe in Zeiten von «Physical Distancing» bedeutet. Eine andere Frage, in die sich die Theologie einbringen kann, ist das Thema Abschied. Wie verabschieden wir uns von Sterbenden, die wir nicht begleiten können? Daneben scheint mir wichtig, dass sich die Kirche weiterhin in ethische und politische Debatten einmischt.

Zum Beispiel?
Was mich stark beschäftigt, ist die Situation der Flüchtlinge in den Lagern in Griechenland. Dort könnten Hunderte von Menschen an Corona sterben, weil die europäischen Länder nicht reagieren wollen. Auch die Schweiz weigert sich, Flüchtlingskinder aufzunehmen. Gleichzeitig gibt man Millionen dafür aus, um Menschen mit der eigenen Nationalität aus dem Ausland zurückzuholen. Als Christen und Christinnen müssen wir deutlich machen, dass unsere Botschaft eine andere ist. Wir dürfen den Wert des menschlichen Lebens nicht mit nationalstaatlichen Egoismen verknüpfen. Nächstenliebe endet nicht an der Landesgrenze. Zu den Vulnerablen zählen eben nicht nur unsere Grosseltern. Sondern genauso jene Menschen, die wir nicht kennen, die aber trotzdem zu uns gehören.