«Monogamie hat eine tragische Dimension»

Die evangelische Theologin Andrea Bieler spricht an der Frauenkonferenz des Kirchenbundes über Geschlechtervielfalt, menschliches Begehren sowie guten und schlechten Sex. In der kirchlichen Diskussion über Sexualität würden viele Themen immer noch unterschlagen, kritisiert sie.

Andrea Bieler lehrt an der Universität Basel Praktische Theologie. (Bild: ZVg)

Frau Bieler, was ist guter Sex?
Guter Sex hat mit leiblicher Kommunikation zu tun, er geschieht freiwillig und mit Zustimmung beider Partner. Das schliesst ein, dass beide verantwortlich und verlässlich handeln. Wer sein Einverständnis zum Sex gegeben hat, wünscht sich, dass die Kommunikation im sexuellen Erleben aufrechterhalten bleibt. Dabei kann es auch um den fröhlichen, spielerischen Wechsel von passiven und aktiven Rollen gehen. Von schlechtem Sex würde ich sprechen, wenn dieser Konsens nicht vorhanden ist, der Sex also erzwungen ist. Aber natürlich gibt es viele Grauzonen. Sexualität ist nicht per se gut oder schlecht.

Sondern?
In unserer christlichen Tradition herrscht in Bezug auf Sexualität bis heute ein Schwarz-Weiss-Denken vor. Einerseits wird Sexualität verteufelt als etwas Unkontrollierbares, das kontrolliert werden muss und sündig ist. Auf der anderen Seite wird Sex verherrlicht und mit einem überzogenen, religionsähnlichen Glücksversprechen aufgeladen. Im Alltag ist Sexualität oft weniger eindeutig. Sie wird als veränderlich und widersprüchlich erlebt. Daraus können Verletzungen entstehen.

Zum Beispiel, wenn jemand betrogen wird?
Nehmen wir das Beispiel der monogamen Beziehung mit dem daran geknüpften Treueversprechen. Viele Menschen verbinden damit den Wunsch, dass die Partnerin einen als einzigartig und unersetzbar wahrnimmt. Dieser Wunsch nach Anerkennung meiner Einzigartigkeit ist zutiefst menschlich und prägt zugleich die christliche Religiosität. Aber Menschen können sich voneinander entfernen, sich entlieben oder fremdgehen. Dann wird an den Grundfesten des Selbstwertgefühls und der Beziehung gerüttelt. Was in diesen Lebenserfahrungen Treue wirklich bedeutet, muss sich zeigen und steht nicht von vornherein fest.

In einem Aufsatz kritisieren Sie, dass Themen wie das Sich-Entlieben auch in den Kirchen zu wenig diskutiert würden.
In den Kirchen dominiert beim Thema Sex nach wie vor ein Regulierungsdiskurs. Das heisst, es geht meist um die Frage, ob etwas erlaubt ist oder nicht. Wir fragen zu wenig danach, wie wir unser eigenes Verhalten eigentlich wahrnehmen. Die kirchliche Bildungsarbeit könnte hier die Funktion haben, Sexualität in ihrer Schönheit und ihrer Zwiespältigkeit besser wahrzunehmen. Dazu gehört zum Beispiel, dass die tragische Dimension der Monogamie nicht verschwiegen wird. Aber auch das Thema Sexualität im Alter, oder Jugendliche und Pornokonsum. Oder was mit unserem Begehren passiert, wenn wir 60 Stunden in der Woche arbeiten.

Die Frauenkonferenz hat den Titel «Sexualität zwischen Sünde und siebtem Himmel». Ist es nicht altbacken, im Zusammenhang mit Sexualität von Sünde zu reden?
Ich selbst spreche lieber von Entfremdung. Das heisst, ich kann Sexualität als Entfremdung von mir selbst oder der anderen erfahren. Zum Beispiel, wenn ich sie als gewaltvoll erlebe oder selber anderen Gewalt antue. Oder wenn der Sex so zur Routine geworden ist, dass ich mich leer dabei fühle. Das sind Erfahrungen, über die wir unbefangen reden sollten, ohne zu moralisieren.