Spiritueller Missbrauch

«Das Böse tarnt sich»

Spiritueller Missbrauch ist subtil und schwierig zu erkennen. Doch seine Folgen können gravierend sein. Der Münchner Theologieprofessor Reiner Anselm fordert eine bessere Ausbildung der Pfarrpersonen.
Beim spirituellen Missbrauch manipulieren die Täter die Betroffenen und schieben ihnen nach einer Tat die Verantwortung zu. Einfallstor für die Missbrauchsstrategien ist ausgerechnet die Frömmigkeit der Menschen. Die Fenster befinden sich in der Kirche St. Laurenzen in St. Gallen (Bild: Gaëtan Bally/ Archiv)

Neben anderen Missbrauchsthemen geht der spirituelle Missbrauch häufig fast vergessen. Wo beginnt für Sie spritueller Missbrauch?
Reiner Anselm: Ich würde ihn so beschreiben, dass Formen spezifischer Frömmigkeit missbraucht werden, für Macht- und Gewaltausübung gegenüber anderen. Wenn man so will, werden hier Elemente der Spiritualität als eine Maskierungsstrategie für Überwältigungsversuche verwendet.

Können Sie ein Beispiel geben?
Für evangelische Frömmigkeit ist zentral, die Gottesbeziehung und die daraus resultierenden Wertungen und Handlungsformen zum Eigenen werden zu lassen. Jede gläubige Person hat ihre eigene Richtschnur und kein Aussenstehender gibt ihr das vor. Das ist antihierarchisch und sozusagen in der DNA der Reformation begründet. Das Problem ist, dass diese Form der Internalisierung der Überzeugung nach zwischen Gott und dem Gläubigen geschieht. Über diese Idealisierung der unmittelbaren Gottesbeziehung wird die Aneignung des Glaubens anfällig für «Man-in-the-Middle-Attacks».

Was verstehen Sie darunter?
Das, was geschieht, wenn diese Art des Glaubens genutzt wird, um jemandem bestimmte Wertvorstellungen einzupflanzen und ihn damit gefügig zu machen. Das scheint mir die spezifische Herausforderung im Bereich der evangelischen Missbrauchsformen zu sein. Die Schwierigkeit ist, zu erkennen, wie Normen gesetzt werden, um den anderen, in aller Regel Kindern oder Frauen, das eigene Verhalten so plausibel zu machen, dass die gar nicht merken, dass sie darin missbraucht werden.

Sie haben von «evangelischen Missbrauchsformen» gesprochen. Betrifft es nur diese?
Mir scheint, dass es im Protestantismus wegen der individuellen Gottesbeziehung besonders schwierig ist, spirituellen Missbrauch eindeutig zu benennen. Um es plakativ zu sagen: Das Böse erscheint nicht als Teufel mit Hörnern und Schwanz, sondern es tarnt sich, indem es sich in die eigenen Überzeugungen einschleicht. Das heisst, eine Person übt ihre destruktive Macht nicht direkt aus, sondern indirekt über das Etablieren von Normen – die von anderen als die eigenen internalisiert werden. Das führt dazu, dass Betroffene es vollkommen richtig finden, wenn sie gezüchtigt werden. Denn es entspricht diesen Normen, die auch ihre sind. Dieses Phänomen gibt es auch im Zusammenhang mit der Liberalisierung der Sexualität. Es werden Normen etabliert, was «normal» ist und zur freien Sexualität gehört. Die Handelnden sind in der Regel männlich und folgen ihren Interessen. In meiner Forschung beschäftige ich mich aktuell mit diesem Bereich.

Wo setzen Sie als systematischer Theologe dabei an?
Mich interessieren besonders Sprachformen, Muster und Bilder, mit denen diese Art der Machtausübung verbunden wird. Wie das funktioniert und wer die Verantwortung für diese Semantiken trägt.

Sie sagen, Sprache wird instrumentalisiert. Schliesst das auch biblische Texte ein?
Es sind weniger die biblischen Bilder, die eine Rolle spielen, sondern eher Egalitätssemantiken, wenn man sagt: «Wir sind alle auf einer Ebene und gleichberechtigt». Das kann schnell dazu führen, dass bestehende Hierarchien scheinbar aufgelöst werden. Unter dieser Voraussetzung kann sich die romantische Liebe Eros immer als Agape tarnen, die selbstlose göttliche Liebe. Dann kann beispielsweise jemand sagen, die Leibfeindlichkeit der evangelischen Kirche habe dazu geführt, dass die Dimension des Eros aus dem Bereich der Agape wegdefiniert worden sei und man müsse das gemeinsam wieder einbringen. Das ist eine Strategie spirituellen Missbrauchs, über die die Anbahnung von Übergriffen vorbereitet und schliesslich auch durchgeführt wird. Aber dabei bleibt es nicht, Spiritualität kommt auch nach der Tat ins Spiel.

Und dann?
Geht es in die Vertuschungsphase über und wird noch schwieriger zu demaskieren. Dann wird das Vergebungsgebot dazu genutzt, Taten durch Spiritualität zu vertuschen. Aber nicht direkt, sondern ins Gegenteil verdreht. Der Täter verlangt vom Opfer, dass es ihm vergibt. Er leugnet seine Tat nicht, sondern überträgt die Verantwortung auf das Opfer.

Zur Person

Reiner Anselm ist Professor für systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er setzt sich mit ethischen Problemen der Medizin auseinander und ist Mitglied der Ethikkommission des Freistaats Bayern. Anselm ist in einem Leitungsgremium der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) verantwortlich für den Bereich Kirche und Gesellschaft. (dst)

Gibt es Strukturen innerhalb der Kirche, die ein solches Vorgehen begünstigen?
Im evangelischen Bereich herrscht ein sehr distanziertes, sehr kritisches Verhältnis, zu Rechtsordnungen in der Kirche und zu formalen Prozeduren. Die sind uns irgendwie verdächtig. Das öffnet viele Möglichkeiten für Vertuschungen von Machtverhältnissen. Rechtsordnungen und Prozeduren dienen aber dazu, mit hierarchischen Konstellationen und Machtgefälle umzugehen. Fehlen sie, ist es für Betroffene schwierig, in eine Position der Stärke zu kommen.

Sie sagen, Hierarchien werden im evangelischen Umfeld kleingeredet. Doch Einfluss und Wissensvorsprung bestehen – kommen sie im spirituellen Missbrauch zum Tragen?
Ja, natürlich. Niemand geht raus auf die Wiese und dann trifft ihn das Wort Gottes. Sondern es trifft mich durch Ansprache, durch Verkündigung. Oder wie es im Römerbrief heisst: «Der Glaube kommt aus dem Hören.» Aber dazu muss auch erst einmal jemand reden.

Was Sie als «Man-in-the-Middle-Attacks» bezeichnet haben, ist eine Art Schwachstelle im evangelischen System. Weiss man aus der Forschung, wie spirituelle Übergriffe sich auf das Vertrauen der Gläubigen zur Kirche auswirkt?
Darüber weiss man noch relativ wenig. In der neuesten Untersuchung zur Kirchenmitgliedschaft in Deutschland zeigt sich, dass gerade auch die Hochverbundenen das Thema Macht in der Kirche als problematisch bezeichnen und sich tiefgreifende strukturelle Reformen wünschen.

Braucht die Kirche mehr Meldestellen für mehr Schutz?
Meldestellen sind nicht schlecht. Aber ich glaube nicht, dass sie von spirituellem Missbrauch Betroffene erreichen. Zur Individualität des Glaubens gehört auch die Privatheit des Glaubens. Wir wissen aus der Forschung zu Gewalt und sexualisierter Gewalt, dass der Schritt aus dem privaten, familiären Kontext in formalisierte Verfahren unheimlich schwierig ist. Um spirituellen Missbrauch zu bekämpfen, muss man den Bildungsbereich stärken.

Also eher auf der Seite der potenziellen Täter ansetzen?
Der Fisch stinkt vom Kopf. Wir müssen – auch und gerade auf der Seite der akademischen Theologie – mehr dafür tun, dass wir potenziellen Tätern die Legitimationsstrategie entwinden und nicht unbewusst die Möglichkeit zur Tarnung spirituellen Missbrauchs in der Ausbildung weitergeben. Wie ich oben erwähnt habe, liegt das meistens an mangelnder Sensibilisierung. Daher sollte man meiner Meinung nach mehr unternehmen, damit die Menschen in der Ausbildung die Problematik von Machtpositionen lernen zu reflektieren. Im Bereich der religiösen Bildung wäre es nötig, auch alle Menschen in der Kirche auf das Thema aufmerksam zu machen. Es muss deutlich werden, dass das Evangelium eine Botschaft der Befreiung und nicht der Unterwerfung ist. Anschliessend  muss man zu einer anderen Gesprächskultur kommen, denn semantische Probleme kann man nur durch Semantik bekämpfen.

Liesse sich da von anderen Organisationen lernen?
Die Kirchen sollten nicht nur in Sack und Asche gehen. Meiner Ansicht nach sind sie im Augenblick führend, was dieses Thema angeht. In Schulen und Sportverbänden ist nicht annähernd so viel gemacht worden.

Die Kirche hat strukturelle Lücken, die Übergriffe begünstigen können. Braucht sie eine «Kirchenpolizei»?
Nein, man kann den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben. Die Kirche hat den grossen Vorteil, dass sie die halb externen Instanzen der Theologie hat. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können Sachverhalte untersuchen. Aber wir Theologen sollten uns noch deutlich mehr einbrigen. Ich glaube, es braucht eine Aufklärung in der Halbdistanz und es braucht eine Kommunikationskultur, in der Probleme angesprochen werden können.

Am Montag, 8. September hat in der Paulus Akademie in Zürich die Tagung «Die Grenzen des Heiligen – Spiritueller Missbrauch und die Verantwortung religiöser Autorität» mit Beteiligung Reiner Anselms stattgefunden. Am Donnerstag, 11. September, findet ein Podiumsgespräch mit dem Titel «Gemeinsam gegen Missbrauch – ökumenische Perspektiven für wirksame Schutzkonzepte» statt.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema