Holocaust

Vom angehenden Prediger zum Lebensretter

Der Schweizer Konsul Carl Lutz musste für sein menschliches Handeln im Zweiten Weltkrieg einen hohen Preis bezahlen. 50 Jahre nach seinem Tod ist er rehabilitiert – doch nun drohen die Schrecken des Krieges vergessen zu gehen.
Carl Lutz und Gertrud Fankhauser vor dem Parlamentsgebäude an der Donau in Budapest (Bild: AfZ Nachlass Carl Lutz/ 268)

Wie fühlt es sich an, mehrere Zehntausend Menschen vor dem Tod gerettet zu haben und dafür gerügt zu werden? Einer der wenigen Menschen, der dazu eine Antwort haben dürfte, ist Carl Lutz. Als Schweizer Vizekonsul in Ungarn bewahrte er im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Jüdinnen und Juden vor der Deportation. Für die Schweizer Behörden aber hatte er damit seine Kompetenzen überschritten. Sie hielten ihn nach seiner Rückkehr in die Schweiz auf Distanz.

50 Jahre nach seinem Tod ist Lutz rehabilitiert. In der Wandelhalle des Bundeshauses war kürzlich eine Ausstellung zu seinem Leben und seinen Taten zu sehen. «Carl Lutz hätte sich sehr darüber gefreut», sagt Agnes Hirschi. Jahrzehntelang hat sie sich dafür eingesetzt, dass die Rettungsaktion ihres Stiefvaters gewürdigt wird. Sie selbst verdankt Lutz mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr Leben.

Carl Lutz mit seiner Mutter, zu der er eine enge Beziehung pflegte, in einem Park in Philadelphia (Bild: AfZ ETH Zürich/ Agnes Hirschi/ 268)

Carl Lutz kommt 1895 im Kanton Appenzell-Ausserhoden in einer streng methodistischen Familie zur Welt. Nach dem frühen Tod des Vaters absolviert er eine kaufmännische Lehre und zieht im Alter von 18 Jahren in die USA. Sein Leben gleicht demjenigen von Millionen anderer Menschen, die ihr Glück in den Vereinigten Staaten von Amerika suchen. Er verrichtet schwere körperliche Arbeit in Fabriken. Anschliessend studiert er eine Weile Theologie. «Er wollte Methodistenprediger werden», sagt Agnes Hirschi. Allerdings sei er schüchtern gewesen und auch kein guter Redner. Deshalb wurde nichts aus seinem Plan. «Trotzdem war er überzeugt, dass Gott ihm eine grosse Aufgabe zugedacht hat», sagt Hirschi.

Verhandeln statt predigen

Er sollte diese in der Diplomatie finden. Nach einem Praktikum auf der Schweizer Botschaft in den USA empfiehlt der Botschafter ihm eine konsularische Karriere. Lutz arbeitet auf verschiedenen Schweizer Konsulaten in den Vereinigten Staaten. Nachdem er länger in den USA als der Schweiz gelebt hat, kehrt er zurück in die Heimat – mit der Emmentalerin Gertrud Fankhauser. Das Paar heiratet 1935.

«Eichmann hat immer von Einheiten statt von Menschen gesprochen»
Agnes Hirschi, Stieftochter von Carl Lutz

Noch im selben Jahr schickt die Schweiz den Konsul und seine Frau an einen anderen Schmelztiegel: nach Palästina. Im britischen Mandatsgebiet werden Lutz und Fankhauser Zeugen der sozialen Spannungen zwischen der arabischen und jüdischen Bevölkerung, Alteingesessenen und Neuankömmlingen aus der ganzen Welt. Bei der Gewalt zwischen Arabern, Juden und britischen Soldaten kommen auf allen Seiten hunderte Menschen ums Leben.

Grossbritannien will die Lage entschärfen. 1939 hält es in einem «Weissbuch» fest, dass sich bis 1945 nur noch 75'000 jüdische Personen in Palästina niederlassen dürfen. Danach sollte es an der mehrheitlich arabischen Bevölkerung sein, über die weitere Immigration zu entscheiden. Denn das «Weissbuch» sah die Gründung eines palästinensischen Staates für Araber und Juden innerhalb von zehn Jahren vor.

Carl und Gertrud Lutz in Jaffa, wo sie Zeugen der Spannung zwischen Juden und Arabern wurden (Bild: AfZ ETH Zürich/ Agnes Hirschi/ 258)

Doch dann überstürzen sich die Ereignisse: 1939 greift Deutschland Polen an. Es ist der Beginn des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Kriegseintritt Grossbritanniens bietet die Schweiz ihre Guten Dienste an. Carl Lutz vertritt in Palästina die deutschen Interessen gegenüber Grossbritannien und sorgt dafür, dass 2500 deutsche Staatsbürger sicher ausreisen können.

Zurück nach Europa

Über Berlin geht es für die Eheleute Lutz-Fankhauser 1942 weiter nach Ungarn, wo nach Polen die grösste jüdische Gemeinschaft Europas lebt. Zu diesem Zeitpunkt glauben viele ungarische Juden noch, dass ihnen das Schicksal der anderen osteuropäischen Jüdinnen und Juden erspart bleibt – obwohl Ungarn mit Deutschland und Italien verbündet ist.

In Budapest vertritt Lutz unter anderem die Interessen von Grossbritannien. Er wird zuständig für die Umsetzung des britischen «Weissbuchs». Zwischen 1942 und 1944 sorgt er dafür, dass 10'000 jüdische Personen, vor allem Jugendlichen, nach Palästina ausreisen können.

Als Ungarn 1944 die Seiten wechseln will, wird es von Deutschland besetzt. Die Nationalsozialisten beginnen sofort damit, jüdische Menschen in Ghettos zu sperren und nach Auschwitz zu deportieren. Doch Lutz kämpft weiterhin für die Umsetzung des «Weissbuches». Er trifft sich sogar mit SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, einem der Hauptverantwortlichen des Genozids. Lutz kommt zugute, dass die Deutschen sich an seine Guten Dienste in Palästina erinnern.

Mit solchen Briefen stellte Carl Lutz Gebäude unter diplomatischen Schutz und machte sie zu Zufluchtsorten (Bild: AfZ Nachlass Carl Lutz/ 192)

In den Verhandlungen geht es um ein Kontingent von knapp 8000 Personen. Schliesslich willigt Eichmann ein – und Lutz macht das Beste daraus. «Eichmann hat immer von Einheiten gesprochen», erzählt Agnes Hirschi. Das habe Lutz auf die Idee gebracht, Einheiten als Familien zu interpretieren. So gelang es ihm, die Zahl der Geretteten um das Vier- bis Fünffache zu erhöhen.

«Carl Lutz wäre ohne Gertrud Fankhauser nie so erfolgreich gewesen»
Agnes Hirschi, Stieftochter von Carl Lutz

Nur: Lutz handelte eigenmächtig. Sein Mandat verbot es ihm, den Menschen offizielle Dokumente der Schweiz auszustellen. Weil eine Ausreise für jüdische Personen zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr möglich war, tat Lutz genau das. Er händigte Briefe aus, die besagten, dass die Träger bis zur Ausreise unter dem Schutz der Schweiz standen. Ausserdem liess er sie in Kollektivpässe eintragen.

Lutz stellte gemeinsam mit Vertretern anderer Länder auch Dutzende Gebäude unter diplomatischen Schutz und machte sie so zu einem Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden. Im sogenannten Budapester «Glashaus», einem Geschäfts- und Wohnhaus aus den 20er-Jahren mit gläsernem Treppenhaus, waren bis zu 3000 Menschen sicher vor der Deportation. Der jüdische Widerstand konnte den Ort nutzen, um gefälschte Dokumente auszustellen.

Rüge in der Heimat

Die letzten Wochen des Krieges verbringen Carl Lutz und Gertrud Fankhauser im Keller ihrer Residenz, der früheren britischen Gesandtschaft. Mit ihnen sind auch die jüdische Haushälterin Maria Magdalena Grausz und deren Tochter Agnes Hirschi. Hirschi sagt über Fankhauser: «Sie war eine wunderbar starke Persönlichkeit. Weder in Palästina noch in Ungarn wäre Carl Lutz ohne sie so erfolgreich gewesen.» Lange sei ihre Rolle verkannt geblieben. Fankhauser sollte der humanitären Arbeit ein Leben lang treu bleiben. Nach dem Krieg leitet sie zahlreiche Einsätze für das Kinderhilfswerk Unicef und wird schliesslich dessen Direktorin für die Region Europa und Nordafrika.

«Sogar seine Spesenrechnung wurde kleinlichst durchleuchtet»
Agnes Hirschi, Stieftochter von Carl Lutz

Wohl in den letzten Wochen des Krieges verliebt sich Lutz in die Haushälterin Maria Magdalena Grausz. Nach dem Krieg lässt er sich von Gertrud Fankhauser scheiden und heiratet Grausz. Agnes Hirschi zieht mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater in die Schweiz und besucht von da an die methodistische Kirche – auch wenn die Ereignisse den Glauben ihres Stiefvaters wohl etwas ins Wanken gebracht hätten, wie sie erzählt.

Hirschi beschreibt ihn als lieben Menschen, still und introvertiert, als «gewissenhaften Bürokraten». Für die Schweiz war er damals wohl zu gewissenhaft. «Sogar seine Spesenrechnung wurde kleinlichst durchleuchtet», sagt Hirschi. Letztlich blieb es bei der Rüge für die ausgestellten Schutzbriefe, Sanktionen verhängte die Schweiz keine.

Maria Magdalena Grausz (mit Kopftuch neben Gertrude Lutz) und ihre Tochter Agnes Hirschi harrten während der Belagerung von Budapest mit einer Gruppe im Keller der britischen Gesandtschaft aus. (Bild: AfZ ETH Zürich/ Agnes Hirschi/ 267)

Man habe wohl einfach zu wenig über seine Aktion in Ungarn gewusst, vermutet Hirschi. Zudem sei das Interesse an einer Aufarbeitung der Schweizer Rolle während des Zweiten Weltkriegs klein gewesen – ja nicht auffallen, lautete die Devise. Lutz sollte später Titular-Generalkonsul in Österreich werden – das bedeute, ohne das entsprechende Gehalt, wie Hirschi betont. Sein Leben lang habe Lutz darunter gelitten, wie die Schweiz mit ihm umgegangen sei.

Das Ausland war schneller

Anderswo wurde Lutz durchaus gewürdigt. 1963 verlieh die Bundesrepublik Deutschland ihm das grosse Verdienstkreuz. Ein Jahr später wurde er in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu einem der «Gerechten unter den Völkern» erklärt. 1978 – drei Jahre nach dem Tod von Lutz – wird auch Gertrud Fankhauser in die Liste aufgenommen.

Hierzulande wurde die breite Öffentlichkeit erst in den 1990er Jahren aufmerksam auf die stillen Helfer. Zum 100. Geburtstag von Carl Lutz im Jahr 1995 würdigte Bundesrat Flavio Cotti ihn in einer Rede. 2018 wurde ihm, Gertrud Fankhauser und anderen Personen ein Sitzungszimmer im Bundeshaus gewidmet.

«Wichtig ist, dass so etwas nie mehr passiert»
Agnes Hirschi, Stieftochter von Carl Lutz

Zur Rehabilitation beigetragen hat nicht zuletzt das Engagement von Agnes Hirschi und das der Carl Lutz-Gesellschaft. Hirschi, eine Berner Journalistin, befasste sich seit über 20 Jahren intensiv mit dem Nachlass ihres Stiefvaters, machte ihn etwa für die Ausstellung «Visas for Life» zugänglich und leistet bis heute Aufklärungsarbeit in Schulen – und das im Hinblick darauf, dass immer weniger Zeitzeugen am Leben sind.

Gemäss Schätzungen gibt es noch 200'000 Holocaust-Überlebende. 90 Prozent von ihnen werden Prognosen zufolge innerhalb der nächsten 15 Jahre sterben. Trotzdem denkt Agnes Hirschi, dass die Schrecken des Holocausts nicht vergessen gehen. Sie verweist darauf, dass auch die zweite Generation das Wissen weitervermittelt und es interessante Projekte mit Filmen und Hologrammen gibt, um die Erinnerung der Zeitzeugen am Leben zu erhalten. «Wichtig ist, dass so etwas nie mehr passiert», sagt Hirschi.

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