Neues Buch
Dietrich Bonhoeffer und der Agent 007
Von seinem Stiefvater erbte der britische Schriftsteller John McCabe zwei Dinge: Eine Ausgabe von «Mein Kampf», die jener nach Kriegsende als Soldat aus den Niederlanden mitgenommen hatte. Und eine Bibel aus demselben Bestand: Deren Seiten waren so herausgeschnitten worden, um in ihrem Innern eine Pistole zu verstecken. Jahre später begann sich McCabe mit Dietrich Bonhoeffer zu beschäftigen. Der Theologe war im Widerstand gegen das NS-Regime und wurde heute vor 80 Jahren von den Nazionalsozialisten getötet.
In seinem Buch «Acht Tage im April», das am 1. Mai auf Deutsch erscheint, zeichnet McCabe die letzten Tage Bonhoeffers und seiner Mitgefangenen nach. Die grosse Recherchearbeit ermöglicht einen frischen Blick. Der Autor wertete viele schriftliche Quellen aus und konnte mit Nachkommen der Mitinhaftierten sprechen. Der reichhaltige Anhang des Buches ist als Einblick in die Recherchearbeit lesenswert.
Unter anderem schreibt McCabe, dass der Theologe und «Doppelagent» Dietrich Bonhoeffer – er arbeitete offiziell für die deutsche Spionageabwehr, nutzte die Kontakte ins Ausland jedoch, um für die Unterstützung der Widerstandbewegung zu werben – zusammen mit zwei britischen Agenten gefangen war.
Payne Best war bereits im Ersten Weltkrieg für den britischen Geheimdienst im Einsatz gewesen und wurde für den Zweiten Weltkrieg reaktiviert. Bei einer gescheiterten Aktion geriet er in deutsche Gefangenschaft. Hugh Falconer diente bei der britischen Luftwaffe, bevor er zum Geheimdienst versetzt wurde. Dort erhielt er – kein Scherz – die Agentennummer 007. Payne und Falconer überlebten die Gefangenschaft.
Herr McCabe, für Ihr Buch haben Sie viele Quellen gesichtet. Wie lange haben Sie gebraucht, um sie zu finden und das Buch zu schreiben?
Ich habe sieben Jahre lang intensiv recherchiert und geschrieben. Dabei ist es mir gelungen, direkten Kontakt zu vielen Familien und Menschen herzustellen, die bisher nichts mit der Bonhoeffer-Geschichte zu tun hatten. Die Familien von Horst Hoepner, Margot und Erich Heberlein, General von Rabenau sowie jener von Hugh Falconer zum Beispiel. Ich besuchte viele Archive, darunter das Pragser Wildsee Archiv in den italienischen Dolomiten, die Wiener Holocaust Library in London, die Lambeth Palace Library in London, das Imperial War Museum und die Stadt Schönberg in Bayern. Auch nach Flossenbürg – wo das Konzentrationslager stand, in dem Bonhoeffer ermordet wurde – bin ich zweimal gereist. Ich hatte so viel Hilfe von Freiwilligen, die in meinem Namen recherchierten, dass es sich wie ein Wunder anfühlte.
Dietrich Bonhoeffer war vor seiner Verhaftung quasi als Doppelagent für die Spionageabwehr und den Widerstand tätig. Zwei britische Agenten befanden sich in den letzten Tagen unter seinen Gefängniskameraden. Wie erklären Sie sich diese Konzentration von Agenten an einem Ort?
Ihre Frage ist berechtigt. Falconer war ein Spion, aber getarnt, und die Gruppe wusste nicht davon. Die Tarnung des anderen Spions, Payne Best, war aufgeflogen. Bonhoeffers Identität als Mitglied der Spionageabwehr und des Widerstands war der Gruppe unbekannt. Auch von der Doppelidentität des Gefangenen Alexander von Falkenhausen als loyaler Deutscher, der jedoch die detaillierten Umsturzpläne des 20. Juli unterstützte, wusste die Gruppe nicht. Sigmund Raschers Status als Gestapo-Spitzel war der Gruppe nicht bekannt, aber sie nahm ihn als nicht vertrauenswürdig wahr. Weshalb waren sie alle zusammen? Der einflussreiche NSDAP-Funktionär Heinrich Himmler hatte das Gefühl, dass sie ihm irgendwie von Nutzen sein könnten.
Offenbar wussten die Männer nichts vom geheimen Leben des jeweils anderen. Ist das Pech oder eine verpasste Chance, den Lauf der Geschichte zu verändern?
Es war nicht angebracht, mehr Details preiszugeben, also musste man sich mit Oberflächlichkeiten begnügen. Alles andere wäre zu gefährlich gewesen. Es war jedoch keine verpasste Gelegenheit.
Sie beschreiben, wie Falconer einen Sabotageakt während des Gefangenentransports durchführt. Infolgedessen litten die Gefangenen unter der Kälte, aber an ihrer Situation änderte sich nichts. Würden Sie sagen, dass Falconers Mission für den britischen Geheimdienst während des Krieges erfolgreich war?
Nun, meine deutschen Redakteure haben beschlossen, das Detail wegzulassen, dass Falconer es irgendwie geschafft hat, sich einen 15 Zentimeter langen Nagel zu beschaffen. Er war bereit, alles zu tun, was er konnte, um die deutsche Moral und die deutschen Kriegsanstrengungen zu untergraben. Vor seiner Gefangennahme gehörte er als heimlicher Funker auf dem Felsen von Gibraltar zu den erfolgreichsten britischen Agenten des gesamten Krieges.
Hat sich Ihr Bild von Dietrich Bonhoeffer durch die Arbeit verändert?
Ich habe ein viel klareres Bild von seiner Ruhe und Gelassenheit inmitten des Leidens bekommen. Die furchtbaren Bedingungen der Reise, die die Geiseln gemeinsam erlebten, waren eine harte Prüfung: Bonhoeffer hat sich als unerschütterlich erwiesen. Ausserdem: allein das Wissen, was er in dieser Woche zu lesen vermochte, ist aussergewöhnlich: die Losungen, Plutarch, Kurt Leeses «Protestantismus im Wandel der Zeit». Nach Abschluss des Projekts habe ich das Gefühl, dass sich ein vollständigeres und runderes Bild seiner letzten Tage ergibt, bei dem Wunschdenken und übermässige Ausschmückungen wegfallen.
Dank der verschiedenen Quellen konnten Sie viele Szenen des Umgangs der Häftlinge miteinander beschreiben. Bestimmte Lücken haben Sie – so scheint es mir – mit einer Portion Fiktion gefüllt. Wie weit sind Sie bei der Arbeit an diesem Buch mit der freien Rekonstruktion und Phantasie gegangen?
Ja, Sie haben ganz recht: Ich habe gewisse Lücken gefüllt. Aber ich habe Tausende von Arbeitsstunden damit verbracht, so viele Fakten wie möglich zusammenzutragen, bevor ich zu dem Schluss gekommen bin, dass das, was ich herausgefunden habe, tatsächlich passiert ist. Aber ich hoffe, dass ich das auch deutlich gemacht habe. Ein Beispiel: Ich schrieb, dass Payne Best sich geirrt haben könnte, als er berichtete, dass der Gefangenentransport in Weiden hielt. Denn drei andere Quellen habe ich gefunden, die besagen, dass sie in Neustadt an der Waldnaab anhielten. Meine Phantasie war mit Informationen aus zuverlässigen Quellen gefüllt.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist nun 80 Jahre her, und die Welt befindet sich in einer Zeit der grossen Unsicherheit. Was können wir als Leser aus dem Umgang der Menschen mit Gefahr und Trauma aus Ihrem Sachbuch lernen?
Ich glaube, dass die wahre Währung der Theologie die Biografie ist. Als Menschen lernen wir von realen Geschichten, wie alltägliche Menschen in ihrer eigenen Zeit und in ihrem eigenen Umfeld gelebt haben, inwieweit sie Mut bewiesen, sich schwierigen Entscheidungen gestellt und diese getroffen haben. Bonhoeffers Vermächtnis, bewahrt vor fiktivem Unsinn, hat uns viel zu geben. Ich hoffe, dass viele Menschen seine Schriften weiter studieren und von seinem mutigen Zeugnis lernen werden.
Die Bilder wurden ref.ch vom Dietrich-Bonhoeffer-Portal zu Verfügung gestellt.
McCabe, John: «Acht Tage im April. Dietrich Bonhoeffers letzter Weg nach Flossenbürg». Gütersloher Verlagshaus, 2025. Erscheinungstermin: 1.5.2025