Klimawandel und Ethik

«Übersterblichkeit ist nicht einfach eine Kurve in einer Statistik»

An der Herbstsession werden gleich mehrere Interpellationen zum Hitzesommer diskutiert. Die Statistik zeigt, dass gleichzeitig mit den Hitzewellen auch eine Übersterblichkeit in der Bevölkerung stattgefunden hat. Wir haben Betroffene, Aktivistinnen, Politiker und Theologen dazu befragt.
Die Klimakrise mobilisiert die Menschen, wie hier in Lausanne Mitte September. Aus Sicht der Demonstrierenden geht es um Leben oder Tod. (Bild: Valentin Flauraud/ Keystone)

Die Schweiz hat 2026 einen heissen Sommer erlebt. Gletscher haben überdurchschnittlich viel Eis verloren. Kühe standen auf vertrockneten Weiden und mussten bereits mit den Futtervorräten für den Winter gefüttert werden. Flüsse und Seen verzeichneten Wassertiefststände.

Und: Gleichzeitig mit den Hitzewellen wies die Statistik eine ungewöhnlich hohe Zahl von Todesfällen aus. Die sogenannte Übersterblichkeit im Sommer 2026 wird im Zeitraum der vergangenen zehn Jahre nur von jener im Corona-Jahr 2022 übertroffen.

Im langjährigen Vergleich übertreffen nur die Zahlen aus dem Corona-Jahr 2022 die aussergewöhnliche Anzahl Todesfälle in den Hitzesommern von 2015 und 2026. (Grafik: ref.ch/ dst)

Wir haben verschiedene Menschen zur Übersterblichkeit im Hitzesommer befragt. Keine Antworten erhielten wir von Bundesrat und Umweltminister Albert Rösti. Ebenso wenig antwortete uns Nationalrat und Präsident der SVP Schweiz Marcel Dettling, der wiederholt die schädlichen Folgen des menschengemachten Klimawandels in Abrede stellte.

Ihre Gedanken mit uns teilten Nationalrat Andrea Caroni, der nach dem Klimaurteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) – die Schweiz schützt ihre Bevölkerung zu wenig vor den Gefahren des Klimawandels (ref.ch berichtete) – eine Motion einreichte. Diese fordert vom Bundesrat, den EGMR an dessen Kernaufgabe zu erinnern, die nicht darin bestehe, den «legitimen Ermessensspielraum der Staaten» einzuschränken.

Manuel Schmid, Cheftheologe der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, der über die ethische Dimension der Hitzewellen spricht. Auch Oda Müller hat sich bei uns gemeldet; sie engagiert sich bei den Klimaseniorinnen.

Manuel Schmid, Leiter Theologie und Ethik, Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz

«Übersterblichkeit ist nicht einfach eine Kurve in einer Statistik. Sie verweist auf Menschen, deren Leben möglicherweise früher endete, als es hätte enden müssen.

Wenn wir wirklich Hitzetote verhindern wollen, braucht es verbindliche Hitzeaktionspläne, nicht nur Empfehlungen. Wir müssen alles daran setzen, die Erhitzung zu begrenzen. Sonst organisieren wir immer bessere Notfallhilfe für Schäden, die wir gleichzeitig weiter vergrössern.

Die Schweizer Politik muss Hitze als Gesundheitsrisiko erster Ordnung behandeln. Politisch entscheidend ist, dass die Verantwortung nicht zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden versickert. Föderalismus darf kein Verdunstungsraum für Schutzpflichten werden.

Aus reformierter Sicht ist das eine Frage verantwortlicher Freiheit: Wir können uns nicht darauf berufen, dass alles komplex sei, wenn bestimmte Risiken vorhersehbar sind und besonders verletzliche Menschen treffen.

Will man ethisch handeln, darf man ältere Menschen nicht als statistische Risikogruppe ansehen, sondern als konkrete Personen: Sie sind Eltern, Grosseltern, Nachbarinnen, Gemeindeglieder, Pflegebedürftige, Alleinlebende. Ihre Verletzlichkeit ist kein Randthema, sondern ein Prüfstein dafür, wie ernst es eine Gesellschaft mit der Menschenwürde nimmt.

Klimapolitik ist deshalb nicht nur eine Frage individueller Lebensstile oder technischer Zielwerte. Sie ist Nächstenliebe unter komplexen Bedingungen. Wer weiss, dass Hitze Menschen tötet, kann sich nicht darauf berufen, für etwas nicht zuständig zu sein.»

Yvonne Anliker, Pressesprecherin Greenpeace Schweiz

«Wir blicken mit Besorgnis auf die Zahlen der Übersterblichkeit. Seit längerem ist bekannt, dass die Klimakrise auch eine Gesundheitskrise ist. Aufgrund des Klimawandels nehmen die Häufigkeit, die Dauer und die Intensität von Hitzewellen zu. Ältere Menschen, Kranke und Kinder gehören in dieser Situation zu den vulnerabelsten Gruppen. Doch Bundesrat und Parlament behandeln die Klimakrise nicht als solche. Das macht uns wütend.

Es braucht einen nationalen Hitze-Aktionsplan, der von allen Kantonen umgesetzt wird. Dazu gehören Massnahmen wie: Bauten besser dämmen, Pflegeeinrichtungen und Schulen klimatisieren, Städte begrünen und Schutzräume für Abkühlung schaffen, Bodenversiegelung beseitigen. Allein lebende und ältere Menschen müssen besser sensibilisiert und betreut werden. Diese und weitere Massnahmen müssen sofort umgesetzt werden.

Die Schweiz entfernt sich immer mehr von ihren Klimazielen. Es werde schwierig sein, das für 2030 festgelegte Klimaziel zu erreichen, sagte jüngst der für Umweltfragen zuständige Bundesrat Albert Rösti. Auch an der Erreichung des weltweiten Netto-Null-Ziels bis 2050 äussert der Bundesrat Zweifel. Solche Aussagen unseres Umweltministers sind eine Bankrotterklärung.»

Oda Müller, Klimaseniorin

«Ich bin 81 Jahre alt und zähle damit zur Risikogruppe. Wir Klimaseniorinnen kämpfen seit 10 Jahren für mehr Klimaschutz, weil erwiesen ist, dass ältere Frauen in Hitzesommern ein erheblich grösseres Risiko haben, krank zu werden oder zu sterben. Dieser Sommer hat diese Annahme deutlich untermauert. 

Es hilft wenig, den älteren Menschen zu raten, bei Hitze vermehrt zu Hause bleiben, Läden und Fenster geschlossen zu halten, viel zu trinken, leichtverdauliche Speisen zu essen.Viel wichtiger wäre es, in die Zukunft zu blicken und massive Emissionsminderungen zu fordern.

Unsere Parlamentarierinnen und Parlamentarier dürfen nicht länger die Augen verschliessen vor einer Realität, die bedrohliche Hitze, enorme Trockenheit mit beängstigendem Wassermangel und grossem Eingriff in die Biodiversität nach sich zieht.

Die Schweiz tut keineswegs genug.

Die Übersterblichkeit von mehrheitlich älteren Menschen im vergangenen Sommer war enorm. Doch der grosse Aufschrei deswegen ist ausgeblieben. Meiner Meinung nach gibt es dafür mehrere Gründe. Der Hitzetod ist leise und er hat nicht das mediale Aufsehen, wie zum Beispiel ein Tod infolge Corona. Ein weiterer Punkt, der immer wieder hinter vorgehaltener Hand zu hören ist, lautet: «Das sind ja ‹nur› alte Menschen, die so oder so gestorben wären.» Das ist schlicht unethisch und bedarf einer massiven Korrektur.»

Andrea Caroni, Ständerat FDP

«Der Schutz der Verletzlichsten gehört in allen Lebenslagen – so auch bei Hitze – oben auf die Agenda.  Eine besonders wirksame Massnahme bei Hitze ist namentlich die Klimaanlage, die man den älteren Menschen nicht mehr länger aus ideologischen Gründen verweigern sollte. Strom ist im Hochsommer dank Solarkraft ohnehin ausreichend da.

Auf einen Wandel der globalen Klimapolitik zu hoffen und zu denken, die Schweiz würde diese für die heute lebenden Älteren relevant beeinflussen, bringt kurz- und mittelfristig massiv viel weniger. Das Weltklima wäre genau dasselbe, sogar wenn die Schweiz ab sofort nur noch null Prozent CO2 ausstösse.

Dennoch kann die Schweiz langfristig einen Beitrag leisten. Dazu gehört auch ein vorbildlicher Strommix mit Wasserkraft, erneuerbarer Energie und ja – insbesondere auch Atomkraft.»

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