Bäuerliches Sorgentelefon
«Viele Landwirte fürchten um ihre Existenz»
Laut Meteodaten hat es in der Schweiz vor gute einer Woche das letzte Mal geregnet – wobei sich die Niederschlagsmenge je nach Ort auf maximal einen Millimeter pro Quadratmeter beschränkt hat. Gleichzeitig dauert die Hitzewelle an. Für Landwirtinnen und Landwirte bedeutet dies, dass sie ihre Felder bewässern und für ihre Nutztiere zusätzliches Futter kaufen müssen. Damit steigen die Kosten, während bereits sichtbar ist, dass die Ernte geringer ausfallen wird.
Für Menschen aus der Landwirtschaft, die Beistand brauchen, gibt es das Bäuerliche Sorgentelefon. Dort können sie anonym anrufen. Das Sorgentelefon ist ein Verein, der unter anderem von der Schweizerischen Reformierten Arbeitsgemeinschaft Kirche und Landwirtschaft (Srakla) sowie der Schweizerischen Katholischen Bauernvereinigung (SKBV) getragen wird. Marie-Louise Koller ist für die Öffentlichkeitsarbeit des Bäuerlichen Sorgentelefons verantwortlich.
Frau Koller, welche Folgen der Hitzewellen beschäftigen die Landwirtinnen und Landwirte am meisten?
Die grössten Belastungen sind die Kombination aus Wasserknappheit, Futtermangel, Ernteausfällen und den daraus entstehenden finanziellen und persönlichen Folgen. Viele Betriebe kämpfen mit einem enormen Mehraufwand für die Bewässerung von Kulturen, teilweise rund um die Uhr, sowie mit der Sicherstellung der Wasserversorgung für Mensch und Tier. Hinzu kommen hohe Futterpreise, fehlende Verfügbarkeit von Futter und in einzelnen Fällen sogar notwendige Schlachtungen gesunder Tiere. Die anhaltende Belastung führt häufig zu Schlafmangel, Dauerstress sowie körperlicher und psychischer Erschöpfung.
Plagen sie wirtschaftliche Sorgen?
Ja. Genannt werden insbesondere Ernteausfälle, steigende Produktionskosten – zum Beispiel durch den Kauf und Transport von Wasser –, hohe Preise für Futter bei gleichzeitig tiefen Marktpreisen. Viele Betroffene sorgen sich um die wirtschaftliche Existenz ihres Betriebs. Wobei die längerfristigen Konsequenzen noch schwer abschätzbar sind: weniger Futter heisst weniger Tiere. Das führt zu weniger Produkten wie Milch und Fleisch und fehlenden Einkommen, während die Fixkosten gleichbleiben.
Haben die Landwirte Bedenken wegen der langfristigen Entwicklung von Temperaturen und Niederschlagsmengen in zukünftigen Sommern?
Ja, solche Sorgen werden geäussert. Die Betroffenen nehmen wahr, dass Wetterextreme häufiger auftreten und nicht mehr nur regional begrenzt sind, sondern zunehmend ganze Regionen oder die ganze Schweiz betreffen. Entsprechend bestehen Bedenken, dass sich Hitze, Trockenheit und unregelmässige Niederschläge langfristig verschärfen und die Herausforderungen für die Landwirtschaft weiter zunehmen werden. Die Meinungen sind aber nicht einheitlich.
Was können Sie den Menschen am Telefon sagen, um ihnen zu helfen?
Im ersten Schritt geht es darum, den Betroffenen zuzuhören und ihre persönliche Situation ernst zu nehmen. Gemeinsam werden die Belastungen eingeordnet und besprochen, wo der grösste Handlungsbedarf besteht. Anschliessend wird geprüft, welche Unterstützung im konkreten Fall hilfreich sein kann – sei es durch passende Hilfsangebote, Beratungsstellen oder das Aktivieren von Unterstützung im persönlichen und beruflichen Umfeld. Der Anruf beim Bäuerlichen Sorgentelefon ist dabei bereits ein wichtiger erster Schritt, denn er zeigt, dass die Betroffenen Hilfe suchen und mit ihren Sorgen nicht allein bleiben müssen. Darüber hinaus ermutigen wir sie, über ihre Belastungen zu sprechen, Solidarität untereinander zu leben und Unterstützung anzunehmen, bevor die anhaltende Belastung zu einer noch grösseren körperlichen oder psychischen Krise führt.