Theologie und Klimawandel

«Wir müssen uns stärker in die Klimadebatte einmischen»

Der Theologieprofessor Georg Pfleiderer ist Experte für Apokalyptik. Als Fachmann für Katastrophen hat er eine klare Vorstellung, wie die Theologie auf den menschengemachten Klimawandel reagieren sollte.
Der Lac des Brenets im Jura im Sommer 2026: Das Wasser ist weg und auf dem Grund des Sees wachsen Pflanzen. (Bild: Peter Klaunzer/ Keystone)

Herr Pfleiderer, Sie haben das biblische Christentum einmal eine «Katastrophenreligion» genannt. Die Apokalypse sei dabei gleichzeitig das «Hereinbrechen des Himmelreichs». Ist das als Trost zu verstehen oder als Anlass zur Verzweiflung?
Das frühe Christentum war katastrophenorientiert. Ich verstehe das als Reaktion auf die Unberechenbarkeit des Lebens damals. Man kann auch sagen, dass Jesus ein Apokalyptiker war. Er sagte eine Katastrophe voraus, aber – mit einer neuen Definition – als ein Heilsereignis. Er motivierte die Menschen, alles auf eine Karte zu setzen und sagt: «Gott rettet uns.»

Trotz der vielen Katastrophen, die in den vergangenen 2000 Jahren die Menschheit heimgesucht haben, ist die grosse Apokalypse aber ausgeblieben.
Das Christentum ist ja eigentlich dadurch entstanden, dass die ersten Christen Jesu Verkündigung des nahe herbeigekommenen Gottesreiches durch die Brille seines Kreuzestods und der Erfahrung seiner österlichen Auferstehung gesehen und so neu gedeutet haben. Mit der Auferstehung Jesu hatte für sie der Anbruch des Gottesreiches begonnen. Definitiv realisiert wäre es, so die Vorstellung, wenn Jesus vom Himmel auf die Erde zurückkehren würde. Wir leben also in einer Zwischenzeit, in der Spannung von «schon» und «noch nicht». Es ist der Geist Gottes und Jesu Christi, der uns hilft sie zu bestehen.

Hilft das beim Umgang des Einzelnen mit Katastrophen?
Das ist einerseits eine Frage der theologischen Deutung solcher Vorstellungen – sie sind ja nicht unbedingt wörtlich zu nehmen – andererseits eine Frage des individuellen Glaubens und der Glaubensstärke. Persönliche Katastrophen wie der drohende eigene Tod oder jener von nahen Angehörigen, stellen den Glauben sicher auf die Probe. Aber der Glaube an den Heiligen Geist, der uns «tröstet», wie es im Johannesevangelium heisst, kann da schon helfen. Das ist nötig, auch weil wir derzeit immer wieder neuen gesellschaftlichen Krisen und Katastrophen ausgesetzt sind, zumindest medial; aber langsam, so haben wir nach diesem «Hitzesommer» das Gefühl, auch real. Und anders als frühere Generationen sind wir natürlich von grossen Katastrophen und kollektiven Unglücken lange Zeit meist verschont geblieben und haben damit deshalb wenig Erfahrung.

Geht es um Massnahmen zum Klimaschutz, heisst es oft: «Die Schweiz ist so klein, dass es global nichts bringt, wenn wir uns einschränken für den Klimaschutz.» Sie haben jedoch bereits 2021 geschrieben, dass christliche Weltverantwortung nicht begrenzt sei: «Sie erstreckt sich auf alles, was Menschen und Lebewesen Not verursacht.»
Das würde ich heute noch unterschreiben, aber gerne differenzieren. Man kann nicht sagen, dass die eigene Verantwortung am eigenen Gartenzaun endet. Die christliche Ethik ist keine Familienethik. Doch mit Karl Barth darf und muss man schon zwischen «den Nahen» und «den Fernen» unterscheiden. Verantwortung beginnt immer vor der eigenen Haustür, im eigenen Wirkungskreis. Doch in einer globalisierten Welt darf sie sich darauf nicht beschränken. Wer unser «Nächster» ist, um den wir uns kümmern sollten, ist nicht einfach eine Frage der geographischen Entfernung oder der Volkszugehörigkeit; das lässt sich schon aus der Jesus-Geschichte vom «barmherzigen Samariter» lernen. Und das Klima macht bekanntlich an den Schweizer Grenzen auch nicht Halt. Gerade die reiche Schweiz muss da ihren Beitrag leisten, und der kann nicht ganz so klein sein. Reichtum und Wohlstand lassen sich ethisch nur rechtfertigen, wenn man sie auch für das Gemeinwohl einsetzt.

Barth-Kenner und Apokalypse-Experte

Georg Pfleiderer, 66, ist Theologieprofessor an der Universität Basel. Er bearbeitet unter anderem den literarischen Nachlass Karl Barths und untersucht das Potenzial apokalyptischer Theologie angesichts der zahlreichen Krisen und existenziellen Bedrohungen der heutigen Zeit. (dst)

Seit dem Abstimmungskampf zur Konzernverantwortungsinitiative sind reformierte Kirchenverter vorsichtig, wenn es um politische Stellungnahmen geht. Wie sollen sie über die christliche Haltung zum Klimawandel sprechen?
Das Christentum ist politisch, das sollte man nicht bestreiten. Sollen Christinnen und Christen nur über das Seelenheil sprechen und nicht über gesellschaftliche Themen, weil diese schon politisch sind? Das ist falsch. Komplizierter wird es, wenn es um die Kirche als Organisation geht. Deren Leitung repräsentiert die Kirche als ganzes, aber damit die Gesamtheit der Kirchenmitglieder, die eben verschiedene politische Meinungen vertreten. Natürlich könnten die Kirchenleitungen sagen: «Wenn euch unsere politischen Stellungnahmen nicht passen, dann wählt uns ab.» Aber angesichts oft sehr kleiner Wahlversammlungen muss man sagen: Kirchenleitungen sind gut beraten, wenn sie die politische Meinungsvielfalt unter ihren Mitgliedern im Blick behalten.

Sie haben 2021 eine christliche Klimaethik formuliert, die eine «wirksame Umwelttechnologie» fordert und gleichzeitig festhält, dass es weiterhin eine freie, soziale Marktwirtschaft brauche, kritische Medien, freie religiöse Institutionen, aber auch Tourismus und eine «liberale Lebensführungskultur inklusive Freizeitindustrie».
Ja, das ist so.

Würden Sie das heute noch immer so liberal formulieren – nach einem Hitzesommer, weltweitem Übertourismus und Rekordzahlen am Flughafen Zürich?
Es handelt sich immer um Güterabwägungen. Man sollte das eine Gut nicht rigide gegen ein anderes ausspielen. Es braucht beispielsweise eine starke Wirtschaft, um funktionierende Klimaschutztechnologien zu entwickeln.  Und es braucht viel Bildung und Wissenschaft, um das auch in Zukunft hinzubekommen. Aber nach einem Sommer wie diesem ist vielen wieder klarer geworden, dass Massnahmen gegen den Klimawandel doch höher zu priorisieren sind, als wir das seit etwa der Pandemie gedacht haben. Andererseits hilft es dem Klima auch nicht, wenn die Leute aus Ärger über zu viele Verzichtszumutungen Parteien wählen, denen Klimamassnahmen egal sind.

In der erwähnten Klimaethik haben Sie geschrieben, die Kirche könnte dazu beitragen, die «Verzichts- und Verantwortungsbereitschaft» der Gesellschaft zu stärken. Wie kann das gelingen in einem Land, das seinen «Earth Overshoot Day» am 11. Mai 2026 hatte und seither mehr verbraucht, als die Erde kompensieren kann?
Wenn man das Gefühl hat, dass man selbst ohnehin an der Situation nichts ändern kann oder man die persönlichen Probleme sehr hoch gewichtet, ist man kaum bereit, für das Klima auf etwas zu verzichten. Vielleicht ist es deshalb ein Weg, die «richtige» Version von Hoffnung zu vermitteln und die Angst vor der Zukunft zu mindern: «Gott lässt seine Welt nicht im Stich. Es kommt gut. Wir sollten die Hände nicht in den Schoss legen.» Gleichzeitig kann man daran erinnern, dass die Gesellschaft mit Rückschlägen umgehen und mit weniger zurechtkommen kann. Eine Theologie der Hoffnung ist gerade das grosse Thema.

Was raten Sie Pfarrpersonen und Seelsorgenden, die in ihren Gemeinden «klimawirksam» werden und Klimaängste abbauen wollen?
Sie sollten Allerweltstugenden beherzigen: Den Menschen zuhören und sie nicht mit biblischen Botschaften zutexten. Sie ernst nehmen und ihnen ermöglichen, dass sie sich zum Beispiel in einem Gesprächskreis austauschen können. Die Theologinnen sollten sich aber auch trauen, über den Klimawandel Tacheles zu reden und sich stärker in den Diskurs einzubringen.

Ist es am Ende gar hilfreich, dass das Christentum eine «Katastrophenreligion» ist, in einer Zeit der Polykrisen und Katastrophenstimmung?
Theologeninnen und Theologen sind gewissermassen «Experten für Katastrophen aller Art». In Kriegszeiten können sich Seelsorger nicht im Zivilleben verkriechen. Auch in Friedenszeiten müssen sie bei Todesfällen zu den Angehörigen gehen. Sie können keine Schönwettertheologie betreiben. Bezogen auf den Klimaschutz kann man von ihnen erwarten, dass sie eine Vorbildrolle wahrnehmen. Christinnen und Christen könnten auch für eine Diskurshygiene sorgen, indem sie verlangen, dass sich Politik und Gesellschaft den Klimafragen stellen – und zwar ohne unnötige Polarisierung. Und sie können diejenigen stärken, die sagen, dass die reiche Schweiz eine gesteigerte Verantwortung trägt in Sachen Klimaschutz.

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