So geht es mit der Ehe für alle in der reformierten Kirche weiter

Nach der symbolischen Empfehlung der Delegierten des Kirchenbundes, die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen, liegt der Ball nun bei den Landeskirchen. Die einen warten ab, andere machen vorwärts.

In der Abstimmung vom 5. November im Berner Rathaus stimmten 45 Delegierte dafür, die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare auf zivilrechtlicher Ebene zu unterstützen. Lediglich 10 lehnten sie ab. (Bild: zVg)

Die Abgeordneten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes haben sich dafür ausgesprochen, die Ehe für alle zu befürworten (ref.ch berichtete). Allerdings versteht der Kirchenbund den Entscheid nur als Empfehlung an die Mitgliedkirchen. Es liege allein in der Kompetenz der Kantonalkirchen, die Trauung für Homosexuelle einzuführen. Wie sich zeigt, gehen die Landeskirchen das Thema unterschiedlich an.

In den reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn kommt die Ehe für alle bereits nächste Woche aufs Tapet. «Wir werden im Bereich Theologie einen detaillierten Zeitplan zur Einführung der Ehe für alle ausarbeiten», sagt Synodalratspräsident Andreas Zeller. Unter anderem sei im März 2021 eine Gesprächssynode geplant. Im Zeitraum von Herbst 2021 bis Sommer 2022 sollen Beschlusssynoden zur Einführung der Ehe für alle stattfinden. «Ich gehe davon aus, dass sich bei uns homosexuelle Paare ab Neujahr 2023 trauen lassen können», sagt Zeller. Einen Strich durch die Rechnung des Zeitplans könnte gemäss Zeller höchstens ein Referendum auf nationaler Ebene gegen die Einführung der zivilrechtlichen Ehe für alle machen. «Dann müssten wir nochmals über die Bücher.»

Zu betonen sei, dass Pfarrerinnen und Pfarrer frei werden wählen können, ob sie solche Trauungen durchführen wollen oder nicht. «Auch bei uns gilt die Gewissensfreiheit.»

Die reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn sind laut Zeller beim Thema Homosexualität schon immer liberal gewesen. «Wir haben als erste in den 90er-Jahren die Segnung für homosexuelle Paare eingeführt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich dieser Kurs geändert hat», sagt Zeller.

Kirchenordnung lässt Umsetzung schon zu

Keinen solchen Zeitplan braucht die Landeskirche Zürich. Hier könnten Homosexuelle nach Einführung der Ehe für alle sofort auch kirchlich heiraten. Der Grund: Die Kirchenordnung lasse das zu. «Wenn in der Kirchenordnung von Brautpaar die Rede ist, sind damit alle Kombinationen gemeint. Bräutigam und Bräutigam oder Braut und Braut», sagt Kirchenratspräsident Michel Müller. Wer gegen eine Trauung von Homosexuellen wäre, müsste eine Änderung der Kirchenordnung beantragen.

Gleich wie in Bern will man auch in Zürich bei der Ehe für alle an der Gewissensfreiheit für Pfarrerinnen und Pfarrer festhalten. Zudem ist es schon heute möglich, sich als homosexuelles Paar segnen zu lassen.

Thema breiter diskutieren

Auch in der reformierten Kirche des Kantons St. Gallen ist die Trauung landeskirchlich geregelt. Im Jahr 2002 wurde die Segnung homosexueller Paare von der Synode beschlossen. «Deshalb würde nach einer Einführung der Ehe für alle auf Bundesebene der Kirchenrat entscheiden, wie er sich auf kantonalkirchlicher Ebene dazu verhält», sagt Kirchenratspräsident Martin Schmidt. «Wir würden uns dabei sicher am Sek-Entscheid orientieren.»

Grundsätzlich würde es Schmidt begrüssen, wenn sich die reformierte Kirche beim Thema Gleichstellung von homosexuellen und heterosexuellen Paaren nicht nur auf die Ehe konzentriere. «Wenn wir homosexuellen Paaren bei der Ehe die gleichen Rechte wie heterosexuellen gewähren, müssten wir das in anderen Bereichen auch tun», sagt Schmidt.

Konkret meint er damit das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare und den Zugang zur Reproduktionsmedizin. «Das sind Themen, die mit der Ehe für alle zusammenhängen und die in der reformierten Kirche zuerst noch grundsätzlich im Dialog gelöst werden müssen», sagt Schmidt. So lange die reformierte Kirche zu solchen Themen keine klare Haltung hat, scheine ihm ein Entscheid zur Ehe für alle isoliert und überstürzt.

Sich zeitlich nicht unter Druck setzen lassen will die evangelische Landeskirche des Kantons Thurgau. So sagt Kirchenratspräsident Wilfried Bührer: «Wie wir mit einem allfällig neuen zivilen Ehebegriff umgehen, werden wir erst diskutieren, wenn der entsprechende politische Entscheid gefallen ist». Daran ändere der Beschluss der Abgeordnetenversammlung nichts. Schon jetzt ist es wie in anderen Landeskirchen auch im Thurgau möglich, sich als homosexuelles Paar segnen zu lassen.

Gegner fühlen sich ernst genommen

Gelassen sehen Kritiker der Ehe für alle entgegen – trotz des AV-Entscheids.  «Wir spüren keinen Druck, gleichgeschlechtliche Paare trauen zu müssen», sagt Willi Honegger, Pfarrer und AV-Abgeordneter. Man habe seitens des Kirchenbunds klar signalisiert bekommen, dass auch eine kritische Meinung Platz in der reformierten Kirche hat. «Dank dem Erhalt der Gewissensfreiheit kann am Schluss noch immer jeder Pfarrer und jede Pfarrerin selber entscheiden, ob sie oder er homosexuelle Paare trauen möchte», so Honegger.

Grössere Bedenken äussert die Schweizerische Evangelische Allianz, der auch reformierte Kirchgemeinden angehören. Sie kritisiert den Entscheid, die Ehe für Homosexuelle zu öffnen in einer Medienmitteilung mit dem Titel «Ein Schritt in die falsche Richtung» deutlich. «Die Schweizerische Evangelische Allianz bedauert diese Entwicklung und hat insbesondere Bedenken in Bezug auf die Meinungs- und Gewissensfreiheit der Pfarrpersonen», heisst es in der Medienmitteilung vom 6. November. 

Der Staat habe dafür zu sorgen, dass auch gleichgeschlechtlichen Paaren Schutz und Rechte zugestanden werden. Die christliche Kirche habe allerdings den Auftrag, «sich am Gesamtzeugnis der Bibel zu orientieren und gesellschaftliche Entwicklungen auf dieser Grundlage zu betrachten.»

Freude bei Schwulenorganisation

Auf positives Echo stösst der Entscheid des Kirchenbundes bei Pinkcross, dem nationalen Dachverband der schwulen und bisexuellen Männer. «Wir freuen uns über jegliche Unterstützung zur gesellschaftlichen Öffnung der Ehe», sagt Co-Präsident Michel Rudin. Es sei im Jahr 2019 durchaus angebracht, dass die Kirche die gesellschaftlich positive Haltung zu Homosexualität und Ehe anerkennt. Dass allerdings Pfarrerinnen und Pfarrer sich weigern, Homosexuelle zu trauen, könne Rudin nicht nachvollziehen.

Pfarrerin Priscilla Schwendimann, die mit dem Transparent «Christians for Diversity» an der Zürcher Pride mitlief, begrüsst ebenfalls den Beschluss des Kirchenbundes. «Dieser Entscheid repräsentiert, wie wahrscheinlich die Mehrheit der Reformierten über die Ehe für alle denkt», sagt Schwendimann. Besonders gefreut habe sie, dass es an der AV offenbar einen konstruktiven Dialog gab und Gräben wieder geschlossen wurden. «Über dieses Thema sollten wir in der Kirche gemeinsam diskutieren und nicht verbal aufeinander losgehen.»

Auch wenn sie selbst für die Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren ist, sei es ihr ein Anliegen, dass die Gewissensfreiheit nicht eingeschränkt werde. «Den Pfarrpersonen soll selber überlassen werden, zu entscheiden, ob sie homosexuelle Paare trauen möchten.» Die Empfehlung der AV trage diesem Anliegen Rechnung(no/bat)