Abgeordnete sagen Ja zur Ehe für alle

Die Delegierten des Kirchenbundes sprachen sich in Bern für die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare aus. Mit 49 Ja- zu 11 Nein-Stimmen war der Entscheid überraschend deutlich.

Sollen gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen? Wenn es nach den Delegierten der Landeskirchen geht, dann lautet die Antwort Ja. (Bild: Keystone / Anthony Anex)

Die Abgeordnetenversammlung (AV) des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes befürwortet die Ehe für alle. In der Abstimmung vom 5. November im Berner Rathaus stimmten 45 Delegierte dafür, die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare auf zivilrechtlicher Ebene zu unterstützen. Lediglich 10 lehnten dies ab. Zuvor war eine geheime Abstimmung beantragt worden.

Ratsmitglied Sabine Brändlin betonte zu Beginn der Diskussion, dass die reformierte Kirche mit ihrem Entscheid nicht länger warten dürfe. «Es geht darum, jetzt unsere Stimme in die gesellschaftliche Debatte einzubringen», sagte sie. Der Antrag des Kirchenbundes sei zudem nicht bindend. «Der endgültige Entscheid über eine Einführung der Trauung liegt immer noch bei den Kantonalkirchen», so Brändlin.

Im Anschluss daran entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Der Obwaldner Abgeordnete Michael Candrian sagte, es sei falsch, eine Entscheidung auf nationaler Ebene zu treffen. Vielmehr sei es Aufgabe der Kantonalkirchen und Kirchgemeinden, über die Ehe für alle zu befinden. Candrian kritisierte zudem, dass der Entscheid des Kirchenbundes zur Ausgrenzung einer theologischen Minderheit führe.

Angst vor Spaltung

Demgegenüber betonte die Aargauer Delegierte Catherine Berger-Meier, dass die AV in ihrer letzten Sitzung vom Juni bereits Ja zu unterschiedlichen sexuellen Orientierungen gesagt habe. Es sei folgerichtig, nun auch den nächsten Schritt zu tun. Berger-Meier warnte eindringlich davor, Minderheiten zu diskriminieren: «Für nicht betroffene Gruppen ist es schwer nachzuempfinden, was Diskriminierung bedeutet.»

In der Debatte war vor allem eins zu spüren: die Angst davor, dass der Graben zwischen Befürwortern und Gegnern die Reformierten spalten könnte. Der Baselbieter Kirchenratspräsident Martin Stingelin rief zu mehr Gelassenheit auf. Der Entscheid der AV nehme nichts vorweg. «Lasst uns doch einfach einmal das Bild, das sich heute ergibt, zur Kenntnis nehmen», sagte Stingelin.

Ja zur Gewissensfreiheit

Mit deutlicher Mehrheit sprachen sich die Abgeordneten schliesslich auch für zwei weitere Anträge der Exekutive aus. Darin empfiehlt der Rat den Kantonalkirchen, den allfällig neuen zivilrechtlichen Ehebegriff für die kirchliche Trauung vorauszusetzen. Zudem soll die Gewissensfreiheit der Pfarrerinnen und Pfarrer bei kirchlichen Trauungen von gleichgeschlechtlichen Paaren gewahrt bleiben.

Keine Mehrheit fand hingegen die Empfehlung des Rates an die Mitgliedkirchen, Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare in die Trauregister aufzunehmen. In der Schlussabstimmung wurde noch einmal über das Gesamtpaket der drei genehmigten Anträge abgestimmt. Dieses fand bei 49 Ja- und 11-Nein-Stimmen eine klare Mehrheit.

Hintergrund der Abstimmung in der AV ist eine parlamentarische Initiative der Grünliberalen, die den Gesetzgeber auffordert, alle rechtlich geregelten Lebensgemeinschaften für alle Paare zu öffnen – unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung. Die Debatte im Parlament wird voraussichtlich in der Frühlingssession 2020 beginnen. (no)