Porträt

Der Jesus-Entertainer

Der deutsche Theologe und Slampoet Nils Straatmann ist in den Nahen Osten gereist, um zu Fuss das Land zu erkunden und die Leute kennenzulernen. Das Vorbild seiner Reise: Jesus von Nazareth. Seine Eindrücke präsentiert er nun in Vorträgen und einem Buch.

Irgendwann hatte Nils Straatmann genug von der Theorie. Hunderte Geschichten hatte er in seinem Theologiestudium in der Bibel über das «Heilige Land» gelesen, hatte sich dabei intensiv mit dem historischen Jesus auseinandergesetzt und stellte sich vor, wie dieser «grösste Influencer des Christentums» zu Fuss in Betlehem, Nazareth und im Golan unterwegs war.  

Vor fünf Jahren beschloss Straatmann, sich selbst ein Bild vor Ort zu machen, ebenfalls zu Fuss, wie Jesus, 2000 Jahre später. «Mich hat der Mensch Jesus immer am meisten interessiert», sagt Straatmann. «Ich wollte herausfinden, welche Umwelt ihn damals beeinflusst hat, und welche Themen ihn heute beeinflussen würden.»  

Eigene Erfahrungen machen

Zwei Monate reiste er deshalb durch Israel und Palästina, in die «Blackbox Naher Osten», wie er sagt. Straatmann suchte bewusst den Kontakt zu den einfachen Leuten. «Wir hören und lesen viel über diese Region. In der Regel sind diese Informationen aber kaum objektiv.»

Straatmanns Plan war, sich ein eigenes Bild zu machen, indem er möglichst viele Informationen sammelte. Deshalb führte er auf seiner Reise über 40 Interviews; mit Bauarbeitern, mit Soldaten, mit einer Prostituierten, mit Fischern, mit Leuten auf dem Land und von der Stadt, mit Christinnen, Muslimen und Juden. Durch diese Nähe – neben den Menschen insbesondere auch zur Natur – habe sich Straatmann auch Jesus näher gefühlt. «Man hat unterwegs viel Zeit zum Nachdenken, zum Reflektieren.»

Straatmann habe bei den Menschen ein Jesus-Bild vorgefunden, das diesen sehr menschlich zeigte. Einen Jesus, der weniger der Sohn Gottes sei, sondern Vorkämpfer für Gerechtigkeit und gegen Unterdrückung. Auch hat Straatmann durch seine Reise zu Fuss besser nachvollziehen können, warum bei Jesus, dem Wanderprediger, so viele Metaphern und Bilder aus der Natur stammen.

Nicht nur zu Jesus bekam Straatmann eine intensivere Beziehung, sondern auch zum Nahost-Konflikt. «Wir haben die ganze Zeit gedacht: Wenn die Israelis nur wüssten, wie ähnlich sie den Palästinenser sind und umgekehrt», sagt Straatmann. Und vor allem: dass die Religion viel zu oft als Grund für Auseinandersetzungen vorgeschoben werde und andere Ursachen hinter den Konflikten stünden.

«Meine Onkel zeigten mir, dass man als Pastor ein normaler Mensch sein und auch mal fünf, sechs Schnaps geniessen kann.»

Nils Straatmann, ein angehender Theologe auf den Spuren von Jesus. Das klingt nach einer ziemlich frommen Pilgerreise. Fromm ist Straatmann nicht, behauptet er zumindest. Aufgewachsen in Norddeutschland, kam er schon früh mit Kirche und Religion in Kontakt. So spielte der Glaube etwa im Leben seiner Oma eine wichtige Rolle. Straatmann besuchte einen christlichen Kindergarten und er hatte zwei Onkel, die Pastoren waren. Straatmann las die Kinderbibel wie andere das «Sams», und er führte an Weihnachten die Weihnachtsgeschichte auf. «Das war alles sehr ungezwungen. Meine Onkel zeigten mir, dass man als Pastor ein normaler Mensch sein und auch mal fünf, sechs Schnaps geniessen kann.»

Geschichten aus dem Nahen Osten

Seine Erlebnisse hielt Nils Straatmann im Buch «Auf Jesu Spuren» fest. Ausserdem hält er Vorträge über die Reise, die er selbst als «Jesus-Infotainment» bezeichnet. Für die Veranstaltungsreihe «2000 Jahre später» kommt er im Dezember auch in die Schweiz; nach Zürich, Bern, Basel, Luzern und Aarau. Tickets und Daten gibt es unter www.explora.ch.

 

Später, als junger Erwachsener und insbesondere bei der Konfirmation, machte Straatmann allerdings andere Erfahrungen. Von Lockerheit und Ungezwungenheit im Glauben merkte er nicht mehr viel. Er lernte eine Kirche kennen, die «bieder, verstaubt und scheinheilig» war. Er sei erstaunt gewesen, wie lust- und leblos die Pastoren eigentlich gute Botschaften in ihren Predigten vermittelten.

Für Straatmann war irgendwann klar: Entweder er tritt aus der Kirche aus oder er versucht, die Botschaften der Kirche vielleicht selbst auch mal besser zu verkaufen. Deshalb entschloss er sich, Theologie zu studieren. «Ich trat das Studium auch mit der Einstellung an, dass Pastor sein ein guter Plan B ist, sollte Plan A nicht klappen. Was allerdings Plan A sein könnte, wusste er lange Zeit nicht.

Erst als er anfing, sich als Jugendlicher mit Poetry-Slam zu beschäftigen, nahm Plan A langsam Gestalt an. Straatmann war gut darin, Worte poetisch und kunstvoll aneinanderzureihen und seine Texte auf der Bühne vorzutragen. 2008 wurde er an einer Veranstaltung in Zürich deutschsprachiger Meister im Poetry-Slam. Weitere Titel folgten.

Selbst in Gefahr geraten

Heute arbeitet er als Radiomoderator, schreibt Reise-Bücher, hält Vorträge über seine Jesus-Reise, und schildert dabei Erlebnisse wie dieses: Kurz vor der Rückkehr aus dem Nahen Osten drang ein 17-jähriger Palästinenser in eine jüdische Siedlung ein und erstach eine 14-jährige Israelin. Sofort liess dieses Attentat den Nahost-Konflikt erneut eskalieren. Mittendrin: Straatmann und der Fotograf Sören Zehle.

«Uns wurde geraten, die Gegend zu verlassen. Doch wir wollten auch diese Seite der Region erleben.» Der folgende Tag wurde intensiv. Beiden Reisenden schlug blanker Hass entgegen, jüdische Siedler hielten sie für Journalisten und bedrohten sie. «Man fuhr mit vollem Tempo auf uns zu und wich erst im letzten Moment aus.»

Kurze Zeit später hielten palästinensische Jugendliche Straatmann und den Fotografen für Juden und bedrängten sie. Bevor die Situation komplett eskalierte, wurden sie von einem Taxifahrer gerettet.

«Wenn du den Menschen die Möglichkeit gibst, gut zu sein, werden sie gut sein.»

Trotzdem besuchte das Duo die Beerdigung des niedergestochenen Mädchens. Gerade als die jüdische Gemeinde mit den Trauerliedern begann, rief der Muezzin zum Gebet. «Es fand ein Wettsingen statt, wer den anderen übertönt, wer von seinem Gott besser gehört wird», sagt Straatmann. Die ganze Verzweiflung des Konflikts habe sich in den Gesängen manifestiert. Es sei ein zutiefst trauriger Moment gewesen.

Straatmann hat aber auch eine andere Seite der Region kennengelernt. Eine, die nicht von Hass und Trauer geprägt ist. «Wir durften die viel gelobte Gastfreundschaft des Nahen Ostens am eigenen Leib erfahren.» Habe er nach Wasser gefragt, wurde ihm stets gleich noch Essen mitgegeben.

In den Golanhöhen wurden sie von einer Gruppe junger Drusen aufgenommen, die mitten im Dreiländereck zu Syrien lebten und sich die Lebensfreude nicht nehmen liessen. Straatmann und Fotograf Zehle spielten mit ihnen Playstation, sassen am Lagerfeuer, erzählten sich Geschichten. «Wenn du den Menschen die Möglichkeit gibst, gut zu sein, werden sie gut sein», ist Straatmann überzeugt. Eine Botschaft, die er mit seinem Buch und den Auftritten unter die Leute bringen will.