Nahostkonflikt

«Dialog ist nicht nur in Krisenzeiten wichtig»

Der aufgeflammte Konflikt im Nahen Osten beschäftigte auch Juden und Muslime in der Schweiz. Imam Muris Begović und Rabbiner Noam Hertig gehen die schwierigen Fragen von Politik, Rassismus und religiösen Gefühlen gemeinsam an. Was als Dialogprojekt begann, wurde zur Freundschaft.

Imam Muris Begovic (links) und Rabbiner Noam Hertig haben 2018 den Dialogpreis der Schweizer Juden gewonnen. (Bild: NCBI, «Respect»)

Noam Hertig und Muris Begovic, Sie betreiben nicht einfach nur interreligiösen Dialog, sondern Sie sind Freunde. Wie haben Sie sich kennengelernt?
Noam Hertig: 2009 war ich als Moderator der SRF-Sendung «Bilder zum Feiertag» bei der bosnischen Moschee in Schlieren zu Gast. Dort haben wir kurz miteinander gesprochen. Richtig kennengelernt haben wir uns dann durch «Respect», ein jüdisch-muslimisches Dialogprojekt. Wir organisierten gemeinsam Events für Jugendliche. Für die Vorbereitungen haben wir uns ab und zu getroffen, auch auf einen Kaffee, und es hat sich eine Freundschaft entwickelt. 2018 haben wir den Dialogpreis der Schweizer Juden gewonnen. Das hat uns noch weiter angespornt, zusammenzuarbeiten.

Was ist Ihnen als Erstes durch den Kopf gegangen, als der Konflikt in Israel und Gaza wieder eskaliert ist?
Muris Begović: Ich habe mir überlegt, welche Auswirkungen das auf unsere Freundschaft haben wird und auch auf das Zusammenleben in der Schweiz. Natürlich machte ich mir Gedanken, wie ich darauf reagieren soll. Noam hat das mal so schön gesagt: Wir wollen nicht Probleme importieren, sondern Frieden und Dialog exportieren. In dem Sinne versuche ich zu handeln.

Zu den Personen

Noam Hertig (36) ist Rabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ). Seine Gemeinde umfasst etwa 2500 Mitglieder.

Muris Begovic (40) ist Imam und Geschäftsführer der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ). Zudem leitet er die muslimische Seelsorge im Kanton Zürich.

Noam Hertig: Ich habe Familie in Israel und machte mir Sorgen um die Menschen dort. Dann spürte ich Wut darüber, dass die Situation schon wieder eskaliert ist und dass Unschuldige leiden müssen. Klar habe ich auch an die Schweiz gedacht und mich gefragt, ob da Hass importiert wird, was das für das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen bedeutet. Es gibt so viele Konflikte auf der Welt. Aber ausgerechnet bei diesem haben die Leute das Gefühl, sich auf eine Seite schlagen zu müssen.

Welche Reaktionen gab es in Ihren jeweiligen Gemeinschaften auf den letzten Ausbruch im Nahen Osten?
Muris Begović: Es kamen Emotionen hoch, in der muslimischen Gemeinschaft vor allem wegen der Ereignisse in der Al-Aqsa-Moschee. Das israelische Militär ist dort mit den Schuhen rein, es wurden Rauchbomben geworfen. Für Muslime geht das gar nicht, das hat Gefühle von Wut oder Unverständnis ausgelöst.

Noam Hertig: Wir haben gesehen, wie es in Deutschland zu antisemitischen Ausfällen kam. Es macht uns Angst, dass so etwas auch bei uns passieren könnte. Dass unsere Kinder nicht mehr sicher auf der Strasse herumlaufen können, weil jüdische Menschen pauschal für die israelische Politik verantwortlich gemacht werden.

«Wir Juden und Muslime sind Verbündete: Als religiöse Minderheiten in der Schweiz haben wir gemeinsame Interessen.»
Noam Hertig

Haben Sie das in der Schweiz auch so erlebt?
Noam Hertig: Gott sei Dank kam es in der Schweiz nicht zu physischen Gewalttaten. Wir führen den Dialog vorbildlich, auf allen Ebenen: National, kantonal und auch in den Städten und Gemeinden. Auf allen Seiten ist die Bereitschaft dazu da. Wir Juden und Muslime sind da Verbündete: Als religiöse Minderheiten in der Schweiz haben wir gemeinsame Interessen. Uns verbindet mehr, als uns trennt. Aber wir beobachten die Vorfälle in Deutschland, England und Frankreich. Dort wurde an Demonstrationen gerufen: «From the river to the sea, Palestine must be free.» Also vom Fluss bis zum Meer, Palästina muss frei sein. Das bedeutet, es hätte keinen Platz mehr für Juden. Vermischt mit Verschwörungstheorien aus dem rechts- oder linksextremen Lager ist das gefährlich.

Muris Begović: In der Schweiz funktioniert der Dialog zum Glück. So traten der Pressesprecher der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS) und der Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) gemeinsam im Fernsehen auf. Das war ein starkes Zeichen.

Was haben Sie in Ihren Gemeinschaften getan, damit der Konflikt im Nahen Osten nicht auf die Schweiz überschwappt?
Muris Begović: Für mich ist es sehr wichtig, dass die Vorfälle nicht mit Antisemitismus oder antimuslimischem Rassismus in Verbindung gebracht werden. Man muss genau hinschauen und nicht pauschal sagen: Das sind jetzt halt wieder die Juden oder die Muslime. Es ist ein komplexer Konflikt, der seit mehreren Jahrzehnten besteht und nicht einfach auf die Religion heruntergebrochen werden kann. Das betone ich in der muslimischen Gemeinschaft immer wieder.

Noam Hertig: Ich denke, weil wir zwei schon vorher Vertrauen aufgebaut hatten, konnten uns auch diese Ereignisse nicht aus der Bahn werfen. Ich habe es sehr geschätzt, dass Muris mich kontaktiert hat, als der Konflikt wieder aufgeflammt ist. Wir beide hatten das Bedürfnis, einander zu treffen. Wir gingen spazieren und haben sehr offen über die Auseinandersetzungen gesprochen. Es gab keine Tabus. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn wir nicht schon vorher befreundet gewesen wären. Das hat sicherlich auch eine Symbolwirkung in die Gemeinden hinein.

«Es gibt nicht einfach zwei Seiten: Juden und Muslime. Es ist viel komplexer als das.»
Muris Begovic

Gibt es auch Verständnis für die andere Seite?
Noam Hertig: Wenn alle unvoreingenommen sind, kann es das geben. Aber wenn jemand beispielsweise überzeugt ist, dass die Juden und Israel der Teufel sind, dann wird es schwierig. Man darf allerdings nicht vergessen: Es gibt auch innerhalb der Gemeinschaften verschiedene Seiten. Manche Leute in meiner Gemeinde sind politisch links, andere rechts. Hier gibt es keine einheitliche Position und wir müssen versuchen, einander zu verstehen.

Muris Begović: Ich finde, die Frage allein ist schon problematisch. Sie suggeriert, dass es einfach zwei Seiten gibt: Juden und Muslime. Es ist doch viel komplexer als das.

Noam Hertig: Genau. Es wird zu oft pauschalisiert: Alle Muslime sind für die Hamas, alle Juden unterstützen die israelische Regierung. So einfach ist das nicht.

Haben Sie mit ihrem Dialogansatz in Ihren Gemeinden Erfolg?
Muris Begović: Man kann nicht messen, ob unsere Treffen und Aussagen eine Wirkung haben und wie gross diese Wirkung ist. Aber ich glaube schon, dass der Geist des Dialogs und wie wir diesen vorleben, etwas bewirkt. Ich weiss, dass meine Aussagen in Gesprächen weitergetragen werden, es gibt eine Kettenreaktion.

Noam Hertig: Wir haben auch ein jüdisch-muslimisches Statement mitunterzeichnet zum Nahen Osten. Darin halten wir fest, dass es Raum für unterschiedliche Meinungen geben muss. Gleichzeitig verurteilen wir Muslim- und Judenfeindlichkeit in jeglicher Form. Und wir unterstützen Menschen, die sich für Dialog und Frieden einsetzen, und verpflichten uns zu Achtung und Begegnung. Solche Statements zeigen, dass in den Gemeinschaften etwas ankommt.

«Im Gespräch mit Muris fühlte ich mich verstanden. Er konnte nachvollziehen, wie ich argumentiere.»
Noam Hertig

Gibt es trotzdem Punkte, wo der Dialog schwierig bleibt?
Noam Hertig: Zwischen uns wirklich nicht. Wir haben über ein paar heisse Eisen wie etwa Jerusalem gesprochen. Dabei merkte ich, dass ich selbst auch Vorurteile habe: Ich dachte, dass Imame oder muslimische Personen die jüdische Seite nicht verstehen können. Im Gespräch mit Muris fühlte ich mich aber immer sehr verstanden. Er konnte nachvollziehen, wie ich argumentiere. Ich bin aber auch kein Hardliner (lacht).

Muris Begović: Wir können den Dialog führen und trotzdem unterschiedliche Meinungen haben. Für mich ist die Al-Aqsa Moschee so ein heisses Eisen. Wie geht es nun weiter mit dieser heiligen Stätte, eine der wichtigsten im Islam? Da müssen wir einen Weg finden.

Noam Hertig: Ich will mich nicht überschätzen, aber ich glaube, wir würden zusammen eine pragmatische Lösung hinbekommen.

Muris Begović: (Lacht) Nur fragt uns niemand!

Noam Hertig: (Lacht) Nein, leider nicht. Für mich steht in diesem Punkt fest, dass es ein heiliger Ort für beide Religionen ist. Man kann ihn nicht exklusiv einer Religionsgemeinschaft zuschlagen.

Muris Begović: Man muss Platz schaffen für alle. Gott hätte uns zu einem Volk machen können und wir würden alle gleich funktionieren. Aber dann wären wir Roboter und keine Menschen. Er hat uns die Freiheit gegeben, dass wir einen Weg finden, um miteinander zu leben.

«Es wäre schön, wenn jeder Muslim mindestens einen Juden als Freund hätte.»
Muris Begovic

Die Lage im Nahen Osten hat sich mittlerweile etwas beruhigt. Geht man damit auch in der Schweiz zur Tagesordnung über?
Muris Begović: Diese Frage stelle ich jetzt auch. Ich frage diejenigen, die auf Demonstrationen waren: Ist das euer Beitrag und damit hat es sich? Geht es nur um die Befriedigung persönlicher Gefühle, dass man sein Gewissen beruhigt hat und zum Alltag zurückkehren kann? Was ändert das nun im Nahen Osten? Uns ist es wichtig, den Dialog nicht nur in Krisenzeiten zu führen, sondern auch im Alltag. Das verändert wirklich etwas, hier bei uns.

Noam Hertig: Ich glaube auch, dass es wichtig ist, das Gespräch weiterzuführen. Religion kann der Auslöser von Konflikten sein, aber auch Teil der Lösung. Es ist wichtig, dass nicht nur Politiker und Politikerinnen in diesen Prozess involviert sind, sondern auch religiöse Führungspersonen wie Imame und Rabbiner. Wir stehen in der Verantwortung. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, so viele Ähnlichkeiten und Verbindendes. Das müssen wir betonen.

Muris Begović: Der persönliche Kontakt ist dabei sehr hilfreich. Durch unsere Freundschaft habe ich viel gelernt, auch ganz konkret. Wir sind zum Beispiel zusammen im FC Religionen. Ich weiss nun, dass ich Noam nicht zu einem Spiel an einem Samstag, also am Sabbat, einzuladen brauche. Er würde mich wiederum nicht zu einem Spiel am Freitagmittag einladen. Es wäre schön, wenn jeder Muslim mindestens einen Juden als Freund hätte.