Klimaschutz

Seilziehen um erstes Solardach auf einer historischen Kirche

Die über 500 Jahre alte reformierte Kirche im bündnerischen Trin erhält ein Solardach – als erste historische Kirche in Graubünden. Als Präzedenzfall stiess das Projekt auf Widerstand bei Denkmalpflege und Gemeinde.

Dieses Dach produziert Strom: Die Solaranlage auf der über 500 Jahre alten Kirche im denkmalgeschützten Ortskern von Trin könnte eine Vorbildfunktion für ähliche Projekte haben. (Bild: zvg)

Kürzlich sind die Dachziegel der über 500 Jahre alten Kirche in Trin GR durch randlose Fotovoltaikmodule ersetzt worden. Das rote Dach verwandelte sich in ein mattschwarzes. Die kleine reformierte Kirchgemeinde kämpfte seit 2017 für die knapp 300 Quadratmeter grosse Solaranlage, allen voran der damalige Kirchgemeindepräsident Jürg Scheidegger.

«Wir haben früh das Gespräch mit der Denkmalpflege gesucht und weitreichende Zugeständnisse gemacht», sagt er. Ursprünglich habe man mit Blick auf die Kosten nur die Südseite des Daches mit Solarzellen versehen wollen. Der Denkmalpflege zuliebe plante man, das ganze Dach mitsamt der komplizierten dreieckigen Flächen über dem Chor einzudecken. Die Kosten stiegen dadurch auf 190'000 Franken – mehr als doppelt so viel wie vorgesehen.

Baugesuch zuerst abgelehnt

Die Gemeinde lehnte das Baugesuch trotzdem ab und verwies auf die ablehnende Haltung der Denkmalpflege. Ex-Kirchgemeindepräsident Scheidegger erinnert sich an die Passivität des Gemeinderats. Aus der Dorfbevölkerung erfuhr die Kirchgemeinde jedoch von Beginn an Unterstützung.

«Für die Denkmalpflege ist die Trinser Kirche sicher ein schutzwürdiges Objekt», erklärt der kantonale Denkmalpfleger Simon Berger. Sie nehme eine prominente Stellung im Dorf ein und verfüge über historische Substanz. Noch immer sieht die Denkmalpflege das Solardach als Eingriff ins geschützte Ortsbild.

Der Trinser Dorfkern gehört zu den schützenswerten Ortsbildern der Schweiz, die Kirche ist im Kulturgüterschutzinventar des Bundes eingetragen. (Bild: zvg)

Die Kirchgemeinde argumentierte, die Kirche habe ursprünglich ein schwarzes Holzschindeldach gehabt. Die Fotovoltaik-Anlage sei eine Annäherung an den Originalzustand. Doch das lässt der Denkmalschützer nicht gelten: «Wir versuchen nicht nur ein Bild zu erhalten, sondern die tatsächlich vorhandene Substanz.» Es gehe um das, was da sei und nicht um das, was noch da sein könnte. Scheidegger sagt dazu: «Ich kann nicht verstehen, dass man so einen Unterschied macht zwischen Ziegel, Eternitplatte und Solarmodul.»

Signalwirkung befürchtet und gewünscht

Neuen Schwung in die verfahrene Geschichte brachte schliesslich ein Wechsel im Gemeindevorstand. Die Kirchgemeinde nahm minimale Anpassungen am Projekt vor und erhielt im November 2022 die Baubewilligung.

Inventarisierte Kirche mit Fotovoltaik-Modulen

Zahlen zu Solaranlagen auf sakralen Bauwerken in der Schweiz gibt es noch nicht. In Graubünden trägt bloss die reformierte Kirche in Landquart auch Solarzellen auf dem Dach. Die reformierte Kirche in Trin in der Surselva wurde 1491 erbaut. Der spätgotische Bau selbst ist zwar nicht denkmalgeschützt, gilt aber als Teil des geschützten Ortsbildes und ist im Kulturgüterschutzinventar des Bundes verzeichnet. (sda/ dst)

Denkmalschützer Berger befürchtet eine Signalwirkung, die das Projekt als erstes dieser Art sicher haben werde. Genau das aber ist die Absicht der Kirchgemeinde. Stand am Anfang die Idee, die Kirche mit selbstproduziertem Strom zu versorgen, wuchs mit dem Projekt die Begeisterung für Solarstrom. «Wir wollen ein Leuchtturmprojekt realisieren und aufzeigen, dass so was auf historischen Gebäuden möglich ist, wenn man es optisch bestmöglich umsetzt», sagt Scheidegger.

Gerade die Sichtbarkeit der Anlage auf dem Dach sei für die Kirchgemeinde interessant. «Wir zeigen klar, dass wir nicht nur predigen, sondern auch etwas tun für die Energiewende und für künftige Generationen.» Schliesslich sei die Bewahrung der Schöpfung ein Kernauftrag der Kirche.